Kultur

Die Kirche machte sie zur Sünderin. Die Maler machten weiter

Die Kirche machte sie zur Sünderin. Die Maler machten weiter

Maria, immer wieder. Immer hat sie ihr Kind auf dem Arm. Immer auf der Herzseite. Das geht nun schon mehr als tausend Jahre so. Niemand aus dem fülligen Kreis des biblischen Personals ist so ikonisch, so sehr zum Emblem geworden. Junge Frau, Mutter, lieblich, ohne sichtbare Ansprüche an die Welt, zufrieden mit dem Trageschicksal, das ihr den meist etwas früh erwachsen wirkenden Nachwuchs auf den Schoß gesetzt hat.

Man kann das theologisch begründen, aber auch kulturhistorisch. Nimmt man nämlich die wundersame Jungfernschaft hinzu, dann hat man neben dem anderen Ideal von der allzeit bereiten Nacktdarstellerin in inner- und außerparadiesischen Diensten den soliden Grundstock der abendländischen Männerfantasie. Immer schwanken die Projektionen zwischen Eva und Maria, Venus und Heiliger.

Wobei sich verwandte Kompetenzen wie Mätresse oder Märtyrerin, Hexe oder Domina, schwerttüchtige Judith oder suizidale Kleopatra ebenso im malermännlichen Angebot finden, angesichts der Marienhäufigkeit aber nicht wirklich konkurrenzfähig erscheinen. Die Standard-Zuschreibung ist schon die der Mutter, die ihren biologischen und erzieherischen Auftrag vorbildlich ableistet. Von ADHS-Symptomen des heranwachsenden Jesus-Knaben ist jedenfalls nichts überliefert.

Aber etwas anderes ist überliefert. Eine zweite Maria nämlich, weniger ergeben, kinderlos, selbstbewusst, an sich und ihrem Aussehen durchaus interessiert und partout kein Opfer überraschender Gottesschwängerungen. Sie soll aus Magdala stammen, einer Stadt am Westufer des Sees Genezareth, weshalb man sie auch Maria Magdalena genannt hat.

Die vier Evangelisten kennen sie ganz gut, erzählen dies und das, aber es sind dann wieder die Malermänner gewesen, die mehr als tausend Jahre lang sorgsam über den Magdalenen-Code gewacht und ihn mit Inbrunst tradiert haben. Wie eine grandiose Ausstellung des Frankfurter Städel Museums vorführt, in der man mit nicht gelinder Verwunderung feststellt, dass kaum eine Maler-Werkstatt mit Renommee die seltsame Frau nicht im Programm gehabt hat.

Seltsame Frau, zumindest anders, weniger marienkompatibel: zögerlicher, eigenwilliger, abwartender, nicht gleich so demütig, was ja nicht heißt, dass sie nicht zu jähen Lebensänderungen bereit gewesen wäre. Beim französischen Barockmaler Simon Vouet steht sie am Schminktisch und hört ihrer rechtschaffenen Schwester Martha zu, die ihr allerhand Vorhaltungen zu machen hat. Der Tadel wirkt ganz offensichtlich. Magdalena nimmt sich den Schmuck aus dem Haar und würdigt den Spiegel keines Blickes mehr.

Bei anderer Gelegenheit gehört sie zur Entourage des Wanderpredigers Jesus, der da und dort einkehrt, mal als Gast im Haus des Pharisäers Simon, dann wieder bei Herrn Lazarus, wo jeweils die Tische reich gedeckt sind. Und während oben heftig diskutiert wird, kniet Magdalena unten am Boden und wäscht und salbt ihrem Herrn die Füße. Was gerne als Zeichen selbstloser Hingabe gedeutet worden ist, aber genauso gut Wichtigtuerei sein könnte. Zumal sie im einen Fall ein besonders teures Parfüm verbraucht haben soll, was bei den frommen Tischgästen zu kritischen Kommentaren führen musste. Ein nicht näher bekannter „Seeschwäbischer Meister“ hat die auffällige Toilette um 1500 mit pädagogischem Nachdruck illustriert.

Von der Einladung bei Lazarus an dauerte es dann nicht mehr lange bis zur Passion und zur Kreuzigung. Maria Magdalena bleibt bei der verschüchterten Truppe, ist zumindest nach dem Zeugnis der Maler beim Sterben anwesend und soll am Grab die erste gewesen sein, die dem Auferstandenen begegnet ist. Vielleicht ihre interessanteste Rolle. War doch das rätselhafte Geistwesen als Gärtner verkleidet – für die Maler eine Steilvorlage. Auf Dürers Holzschnitt steht der Auferstandene mit Schlapphut und Spaten über der Schulter vor der verdutzten Magdalena und untersagt ihr jegliche Berührung. „Noli me tangere!“ Finger weg! Magdalena hat sofort verstanden, auch wenn die göttliche Dienstanweisung in reinem Kirchenlatein erfolgt ist.

Es sind mit die anrührendsten Bilder, die von der geheimnisvollen Begegnung erzählen. Auch ohne kuriose Verkleidung machen Renaissance und Barock aus fassungsloser Magdalena und reanimiertem Jesus ein inniges Paar. Wobei die Geschichte ihre bedenkenswerte Pointe ja erst dadurch bekommt, dass wenig später der skeptische Apostel Thomas ganz ausdrücklich zum Anfassen aufgefordert worden ist. Leg deinen Finger auf meine Seitenwunde, überzeug dich, dass ich der bin, den du siehst.

Was der Frau untersagt ist, wird dem Mann zum Vorrecht. Dass es ungleich seltener gemalt worden ist, ist kein Widerspruch zur maskulinen Dramaturgie, die sich in Magdalenas Zurückweisung entdecken lässt. Der italienische Elfenbeinschnitzer, der der Ausstellung das früheste Stück geliefert hat (Anfang des 12. Jahrhunderts), war sich selber nicht ganz schlüssig, wie der Widerspruch von Verbot und Erlaubnis plausibel zu machen wäre. Bei ihm haben beide, Magdalena und Thomas, ihr je eigenes Stockwerk im Bild.

Weil aber die doch etwas dürftige neutestamentliche Erzählung wenig Aufschluss bietet, war es dann der Papst, der ein Machtwort sprach und das Schicksal der Magdalena ein für alle Mal regelte. Es war um 600, als Gregor der Große in einer amtlichen Homilie festlegte, dass Magdalena den genuin sündigen Weibern zuzurechnen sei, die sich aller Arten todeswürdiger Straftaten schuldig gemacht und nur durch tätige Reue göttliches Erbarmen zu erwarten hätten. Eine Charakterisierung, die sich harmonisch dem geltenden Frauenbild anfügte und religionspolitisch den Vorteil hatte, dass Jahrhunderte später die Gegenreformation ihre reuige Sünderin gegen die protestantische Gnadenlehre aufbieten konnte.

Und erst jetzt beginnt die eigentliche Magdalenen-Konjunktur. Man hat nie gezählt, wie oft die Büßerin, ihre Tränen, ihre Verzweiflung, ihre Kasteiung, ihr härenes Gewand gemalt worden sind. Mal ringt sie die Hände, mal hält sie einen Totenschädel in der Hand, mal kniet sie in felsiger Landschaft vor einem leeren Kreuz, mal verdreht sie die Augen, wie es nur der Augenverdreher El Greco gekonnt hat. Es ist ein Geschluchze in der Ausstellung, dass man wirklich Mitleid mit der armen Frau bekommt. Zumal ja nie verraten wird, was sie denn so Schlimmes verbrochen hat. Und es beschleicht einen rasch der Verdacht, dass schon der Tatbestand „Frau“ genügt haben muss, sie zu derartiger Buße anzutreiben.

Das wahre Mirakel der Maria aus Magdala im Städel

Und über ihrem neuen weltabgewandten Leben wachsen die Haare, werden immer länger, hängen über den Körper herab, wo er sich früher gerne auch unbekleidet gezeigt hat, und es kann kaum ausbleiben, dass Magdalena bald in famoser Ganzkörperbehaarung wie ein Tanzbär dasteht und dergestalt zur Heiligsprechung geradezu prädestiniert erscheint. Eine Beförderung, an der die wuchernde Legende fantasievoll mitgestaltet hat.

Und so mythisch wie die Maria Magdalena ihrem Herrn zu Füßen liegt, lebt sie noch dreißig Jahre als Eremitin in den provenzalischen Bergen bei Sainte-Baume, segnet die Pilgerströme und lässt es gnädig zu, dass das moralische Risiko ihres Fantasielebens ganz vom Heiligenschein ergebener Gottgefälligkeit überstrahlt werden wird und sich zuletzt im Übermenschenmaß erfüllt. Bei der Grablegung in Aix-en-Provence, das hat der „Seeschwäbische Meister“ sehr genau beobachtet, ist der Sarkophag für die Tote unübersehbar zu kurz bemessen.

Natürlich ist es immer noch ein unvergessliches Wanderabenteuer, die Grotte Sainte-Marie-Madeleine in den Felswänden des Sainte-Baume-Massivs zu besuchen. Aber die frommen Zeiten liegen nun doch schon etwas zurück und die männerkirchliche Oberhoheit über das gültige Frauenbild hat inzwischen sichtlich gelitten. So blieb dem 19. Jahrhundert gar nichts anderes übrig, als Magdalena zur großen Tragödin umzukostümieren.

Und die Kunst der Gegenwart versucht nicht ganz so erfolgreich, Spuren zur selbstbestimmten Frau zu entdecken. Jetzt sind wir in der am wenigsten gelungenen Abteilung der ungemein anregenden Frankfurter Ausstellung und vor oder besser unter dem Modell der Spanierin Nieves González, einer Art Magdalenen-Spätfolge im aufgebauschten Rotdress, die ganz ausdrücklich „herausfordernd“ schauen soll, aber dabei so töricht aussieht, dass ihr selbst der Herr Jesus die Gefolgschaft untersagt hätte. Und da auch von überaus geschätzten Künstlerinnen wie Marlene Dumas oder Kiki Smith magdalenenmäßig nichts wirklich zu erwarten ist, kehren wir noch einmal zu Georges de la Tour zurück.

Niemand hat die Frau so innig gemalt, so ganz bei sich und in sich, so nachdenklich, so unverfügbar. Sitzt da im Lichtschein ihrer Kerze und käme nicht auf die Idee, Männern die Füße zu waschen, geschweige denn, als Zeugin feministischer Anklage anzutreten. Ihre ganze Buße besteht aus nichts Wunderbarerem als verschwiegener Selbstbeschau. Das wahre Mirakel der Maria aus Magdala.

„Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, bis 17. Januar 2027, Städel Museum, Frankfurt/Main

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