Von Pascal stammt das geflügelte Wort, alles Unglück des Menschen rühre daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer bleiben könne. Der Mann hatte leicht reden; Mitte des 17. Jahrhunderts störte kein Smartphone die Kontemplation.
Heute kann man sich wie Oblomow in die Kissen fläzen und trotzdem ganz kirre werden. Es reicht, wenn der Daumen Reel um Reel weiterwischt, immer tiefer hinein in den Mahlstrom aus besinnungsloser Zerstreuung. Wer kennt es nicht, das Junkfood-Gefühl eines flauen Hirns, das sich stundenlang belanglosen Quatsch hineingezogen hat? Nichts davon bleibt hängen, bis auf einen deprimierenden Kater der Seele.
Inzwischen bemüht sich allerorten die Politik, die aufmerksamkeitszersetzende Social-Media-Pandemie einzuhegen. In Australien sind seit Ende vergangenen Jahres Millionen Teenager-Konten gesperrt, Ursula von der Leyen kündigt europäische Altersgrenzen an, Kultusminister verbieten das Smartphone im Unterricht.
2017 veröffentlichte ein Team um den Informatiker Ashish Vaswani ein heute legendäres Paper, das die KI-Revolution auslöste. Es trug den beinahe theologisch anmutenden Titel: „Attention Is All You Need“. Gemeint war der Mechanismus, mit dem ein Modell entscheidet, worauf es in einem Text überhaupt achtet.
Das sogenannte Kontextfenster – die digitale Aufmerksamkeitsspanne – lag damals bei bescheidenen 512 Token. Heute ist die Million Standard: Claude oder ChatGPT behalten zweimal Pynchons „Enden der Parabel“ gleichzeitig im Blick. Beim Menschen läuft die Kurve andersherum. Die Psychologin Gloria Mark misst seit zwanzig Jahren, wie lange der Blick von Büroangestellten auf einem Bildschirm verweilt: 2004 waren es zweieinhalb Minuten, 2016 schrumpfte der Wert auf 47 Sekunden, und es könnte sein, dass heute die Zeit nicht mal mehr zum Nachschauen reicht. Das alles, ohne dass uns jemand dazu drängen würde.
Der Quell des unsteten Flackerns der Konzentration sind wir selbst. Man könnte in dieser Asymmetrie eine neuartige Arbeitsteilung sehen: Wir geben uns der Zerstreuung hin, während die Algorithmen für uns bei der Stange bleiben. Eine Art umgekehrte Aufklärung: der Eingang des Menschen in eine selbst verschuldete Unmündigkeit.
Für Pascals Zeitgenossen Nicolas Malebranche war die Aufmerksamkeit „das natürliche Gebet der Seele“ – eine Formel, die Paul Celan als Definition für die Dichtung entlieh. In der humanistischen Tradition ist Konzentration das Gegenteil eines Instruments zur Leistungssteigerung und vielmehr die Bedingung dafür, dass ein Ich weiß, wen es da im Spiegel sieht.
Nun verfügt die Maschine über eine Million Token purer Konzentration. Dafür mangelt es ihr an Bewusstsein. Von Zeit zu Zeit leert sich das Kontextfenster. Das Blickfeld überspannt Tausende Seiten, besitzt aber keine Biografie, in der sich Erfahrung ablagern könnte. So stehen sich Gehirn und Prozessor spiegelbildlich gegenüber. Wir haben ein Gedächtnis und verlieren die Aufmerksamkeit; die Maschine hat die Aufmerksamkeit, aber keine Persönlichkeit, die an der eigenen Geschichte reifen könnte. Es ist zum Mäusemelken – eine Tätigkeit, für die allerdings die wenigsten die nötige Konzentration aufbringen dürften.