Kultur

Die Götter mögen Christopher Nolan diesen Odysseus verzeihen

Die Götter mögen Christopher Nolan diesen Odysseus verzeihen

Im Kino gewesen. Geweint. Aber nur an einer Stelle: als Odysseus nach zwanzig Jahren als Bettler verkleidet nach Hause kommt und nur von seinem alten Hund erkannt wird. Der wedelt kurz mit dem Schwanz und stirbt. Schnüff. Ja, von Christopher Nolans „Odyssee“ ist die Rede, einem Sandalenepos, das es fertigbringt, zugleich kitschig und emotionsarm zu sein. Schade. Denn angesichts der kleinlichen Kontroversen im Vorfeld hatte man auf ein Meisterwerk – etwa wie Nolans „Batman“-Trilogie – gehofft.

„Spoiler Alert: Im Pferd sind Menschen!“, flüstert mir mein Nachbar bei der Pressevorführung zu. Stimmt. Wir kennen die Geschichte. Wie Odysseus mit einer List den Griechen ermöglicht, die Stadt Troja im zehnten Jahr der Belagerung einzunehmen; wie er dadurch den Zorn des Meeresgotts Poseidon erregt, unter dessen Schutz Troja stand; wie er darum jahrelang umherirren muss, in Kämpfen mit Ungeheuern und Naturgewalten seine ganze Mannschaft verliert und allein nach Ithaka zurückkehrt.

Wir wissen auch, dass er die Freier töten wird, die seine treue Frau Penelope heiraten, seine Krone stehlen und seinen Sohn töten wollen. Nicht darauf, was passiert, sind wir also gespannt. Sondern wie Nolan die Geschichte erzählt.

Im Vorfeld gab es die heute üblichen Kulturscharmützel. Elon Musk sah den Untergang des Abendlandes gekommen, weil die schöne und untreue Helena – und die schöne, untreue und mörderische Klytämnestra – mit der kenianischen Schauspielerin Lupita Nyong’o besetzt wurde, und überhaupt, weil zu viele Rollen mit Nichtweißen besetzt waren. Griechen waren beleidigt, weil Odysseus von dem Nichtgriechen Matt Damon gespielt wird, wie überhaupt alle Griechen von Nichtgriechen gespielt werden. Historiker mäkelten über Ahistorisches bei Waffen, Rüstungen und Schiffen, Filmhistoriker bemängelten, dass die Schauspieler mit einem amerikanischen Akzent sprachen, statt, wie es sich bei Sandalenfilmen traditionell gehört, mit einem britischen.

Homer und Hollywood

Alles Quatsch. „Ilias“ und „Odyssee“ beschreiben eine Welt, die auch für Homers Zuhörer so fantastisch war wie die Welt Harry Potters für uns. Die „Odyssee“ ist Fantasy, Kriegsepos, Western und Roadmovie, der Stoff, aus dem Hollywood schon immer war.

Und doch versagt Nolans Film genau dort, wo er auf Kosten Homers Hollywood sein will. Wo er Odysseus als Familienmensch näherbringen will. Das liegt zum einen daran, dass Tom Holland als Sohn Telemachos ebenso wenig überzeugt wie Anne Hathaway als seine Mutter Penelope. Sie strahlt reine Kälte, er reine Hilflosigkeit aus. Da rührt uns eher der Hund Argos.

Schlimmer ist aber das, was Nolan Odysseus antut. Homer lässt ihn sieben Jahre bei der Nymphe Kalypso bleiben, die ihn liebt und ihm ewige Jugend und Unsterblichkeit verheißt. Odysseus lässt sich das gefallen und will trotzdem nach Hause. Nichts gegen Sex, Drugs & Rock’n’Roll, aber am Ende braucht ein Mann mehr: Verantwortung, Ehre, Macht und Familie. Das ist die Botschaft Homers, das ist der Zwiespalt dieses Mannes.

Eine Frage der Ehre

Nolan löscht den Zwiespalt aus, indem er Matt Damon an einer Art posttraumatischem Syndrom leiden lässt, das ihm das Gedächtnis geraubt hat. Er weiß nicht, dass er Weib und Kind und Königreich hat, nur deshalb kann er es sich bei Charlize Theron gut gehen lassen. Ein echter Dad würde sich nie sieben Jahre lang von einer hübschen Blondine verwöhnen lassen. Der Kunstgriff ist billig und macht den Helden nicht größer, sondern kleiner.

Die Modernisierung des Odysseus lässt ihn auch sagen, es gehe beim Krieg nicht um Helena und die Ehre des gehörnten Menelaos, sondern um die Handelsrouten, ums Geschäft. Und sich entsetzt abwenden, als Troja vernichtet und seine Bewohner ausgerottet werden – ja, seine Wanderschaft nicht als Rache eines launischen Gottes, sondern als gerechte Strafe für seine zentrale Rolle bei diesem Genozid deuten.

Doch verstehen wir keine der Gestalten Homers, wenn wir nicht verstehen, dass für sie die Ehre das Wichtigste ist; und wir verstehen Homers Welt nicht, wenn wir nicht begreifen, dass für ihn und seine Hörer die Welt ohne Sinn und Gerechtigkeit war, jeder Mensch ein Spielball der Götter. Niemand verstand dieses antike und vorantike Weltgefühl besser als Shakespeare, der in „König Lear“ den Gloster sagen lässt: „… was Fliegen sind / Den müß‘gen Knaben, das sind wir den Göttern; / Sie töten uns zum Spaß.“

Hollywood aber strebt zum Happy End. Das Gute siegt. Die Guten schließen sich in die Arme. Odysseus muss zwar weiter, so wollen es die Götter, und nach dem Mord an den Freiern ist das auch die einzige Möglichkeit, dem Gesetz der Rache zu entkommen. Aber er segelt westwärts mit Penelope, dem Sonnenuntergang entgegen, als wären sie Pensionäre auf einem vorantiken Kreuzfahrtschiff. Wann läutet die Glocke zum Abendessen?

Bei Homer geht er allein. Unbefriedigt jeden Augenblick – und damit, wie im Gefühl der Sinnlosigkeit der Welt, moderner und bewegender als Nolans rüstiger Rentner mit PTSD, schlechtem Gewissen und echt amerikanischem Familiensinn. Schade um eine verpasste Chance.

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