Berlin – Luftwaffenchef Holger Neumann gibt praktisch keine Interviews. Doch jetzt spricht der Generalleutnant Klartext – und zwar im „Telegraph“ (gehört wie BILD zu Axel Springer). Seine Botschaft an Russland: Die deutsche Luftwaffe ist bereit, „heute Nacht zu kämpfen“. Deutschland werde „jeden Zentimeter“ des Nato-Territoriums verteidigen. Sollte Russland es wagen, das westliche Bündnis anzugreifen, würden seine Streitkräfte verheerende Luftschläge starten.
Neumann (57) wurde 1968 in Ulm geboren und ließ sich in den frühen 1990er Jahren zum Kampfpiloten ausbilden – kurz nach dem Fall der Berliner Mauer. Er diente als Tornado- und Eurofighter-Pilot, war 2014 in Afghanistan im Einsatz. Seine Mutter arbeitete als Sekretärin bei der Luftwaffe. Das prägte ihn. „Es war ein Kindheitstraum von mir. Meine Mutter erzählte mir, dass ich, seit ich etwa fünf Jahre alt war, davon gesprochen habe, fliegen zu wollen“, sagte er.
Star-Wars-Fan mit Kampfpilotenhelm
Obwohl Neumann die Luftwaffe vom strengen, modernistischen Luftwaffenstützpunkt des Kommandos Luftwaffe aus führt, zeigt sein Büro eine unkonventionelle Seite. In einer Vitrine neben seinem Schreibtisch steht sein geschätzter Kampfpilotenhelm – signiert mit seinem Rufzeichen „Hawk“. Als begeisterter Star-Wars-Fan besitzt der Generalleutnant auch ein großes Lego-Modell des Helms, den Luke Skywalker während seiner Mission zur Zerstörung des Todessterns im Originalfilm trug.
In einer weiteren Warnung an Moskau betonte der Luftwaffenchef, dass es in der Nato „keine unterschiedlichen Sicherheitszonen“ gebe – ein Angriff auf jeden beliebigen Teil des Nato-Territoriums würde als Angriff auf alle Mitglieder gewertet. Neumann hob die russische Kola-Halbinsel, die Exklave Kaliningrad und das Schwarze Meer als Regionen hervor, die den Zorn der Nato zu spüren bekämen, falls diese gezwungen wäre, sich zu verteidigen.
Deutlichste Ansage aus Deutschland seit Jahren
Die Äußerungen gehören zu den deutlichsten eines deutschen Militärs seit Jahren und spiegeln einen grundlegenden Wandel in Berlin hin zur Aufrüstung und einer größeren Rolle in der europäischen Sicherheit wider. Neumann leitet die Aufrüstung in der deutschen Luftwaffe – als Teil des Traums von Bundeskanzler Friedrich Merz, Europas „stärkste konventionelle Armee“ aufzubauen. Er lobte das milliardenschwere Finanzierungspaket der Regierung für neue Pläne, die Bestände an Luftverteidigungssystemen – darunter Patriots, Iris-T-Raketen und das israelische System Arrow 3 – „massiv“ zu erhöhen.
Vor allem wollte er Bedenken zerstreuen, dass Deutschland zögern würde, gegen Russland zurückzuschlagen, falls dieses die kleineren Nato-Mitglieder an der Ostflanke angreifen sollte. „Wenn es zu einem Konflikt kommt – hoffentlich nie –, aber wenn doch, werden wir jeden Zentimeter unseres Territoriums verteidigen. Ich denke, das ist eine wichtige Botschaft, besonders für den Hohen Norden und für unsere baltischen Verbündeten“, sagte Neumann dem „Telegraph“ in seinem Hauptquartier des Kommandos Luftwaffe in Berlin-Spandau.
Nato ist Nato – bis auf den letzten Zentimeter
„Es muss klar sein, dass es keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit gibt, dass NATO NATO ist, bis auf den letzten Zentimeter. Ich denke, wir müssen uns sehr stark bemühen, sicherheitspolitisch bestimmte Regionen zu überwachen und, wenn nötig, entlang dieser zu handeln“, fügte er hinzu. Der Generalleutnant bezog sich speziell auf Kaliningrad, eine strategische russische Exklave, die von Nato-Mitgliedern umgeben ist, St. Petersburg, das wichtige Marineeinheiten beherbergt, die Kola-Halbinsel, wo Moskau Atomwaffen anhäuft, und das Schwarze Meer – die Heimat seiner geschätzten Schwarzmeerflotte.
Estland, Lettland und Litauen sowie Polen waren in den letzten Monaten mit eskalierender russischer Aggression wie Drohnenangriffen konfrontiert, von denen westliche Beamte befürchten, dass sie ein Vorspiel für einen Einmarsch sein könnten.
Luftwaffe ist bereit, heute Nacht zu kämpfen
Jede defensive Reaktion der Nato auf einen russischen Angriff wäre überwältigend, da sie auf „32 gegen X“ hinauslaufen würde, sagte der Luftwaffenchef in Anspielung auf die 32 Luftwaffen des westlichen Bündnisses. Trotz jahrzehntelanger Unterinvestitionen in das deutsche Militär, die nun rasch rückgängig gemacht werden, betonte er, dass die Luftwaffe bereits bereit sei, „heute Nacht zu kämpfen“, sollte Russland einen Angriff starten.
„‚Heute Nacht kämpfen‘ bedeutet: Wenn mich jetzt jemand anruft und sagt, wir haben hier folgende Situation, müssen wir jetzt bereit sein – und wir sind bereit“, sagte er. „Wir werden mit allem reingehen, was wir in Deutschland haben, die Luftwaffe, aber auch in der NATO, um unser Land, unsere Werte, unsere Bevölkerung und unser Bündnis zu verteidigen.“
Früher nur Transport und Aufklärung
Jahrzehntelang bestand die Aufgabe der Luftwaffe in der Nato aus Transport und Aufklärung, insbesondere in Afghanistan, wo Luftangriffe stattdessen von amerikanischen und britischen Piloten durchgeführt wurden. Wenn ein Krieg mit Russland ausbricht, wird erwartet, dass die gesamte deutsche Luftwaffe an die Ostflanke der Nato verlegt wird – wozu sie früher weder bereit noch in der Lage war.