Tangerhütte (Sachsen-Anhalt) – Hier wurde nicht nur Eisen gegossen, sondern eine ganze Stadt: Ein 1842 gegründetes Werk machte ein Bauerndorf in der Altmark zu einem Industriestandort von Weltruf. Über 1500 Menschen gossen in Tangerhütte alles, was im deutschen Wirtschaftsboom des späten 19. Jahrhunderts plötzlich gefragt war: Straßenlaternen, Wendeltreppen, Badewannen oder ganze Teehäuschen. Doch nach dem Ende der DDR wurde aus der Industrielegende ein Lost Place. Der soll nun verkauft werden – für gerade mal einen Euro!
Nur ein Kilometer Luftlinie trennt das Rathaus Tangerhütte vom riesigen Werksgelände, doch hier sind die Scheiben gesplittert, der rote Backstein überwuchert. Die Stadt will das Areal in Sachsen-Anhalt nördlich von Magdeburg loswerden – notfalls zum symbolischen Preis: „Für den Erwerb ist ein Mindestgebot von 1,00 Euro abzugeben“, steht im Exposé. Allerdings ist die Liegenschaft nicht unproblematisch: „Nach jahrzehntelangem Leerstand ist der Zustand der Hallen jedoch akut sanierungsbedürftig und als ruinös einzuschätzen“, heißt es.
Was Sie vor dem Kauf wissen sollten
Nach Witterungsschäden sind Teile der Dächer eingestürzt und die Fassadengiebel instabil. Es eilt: Bis zum 30. September muss ein Gebot abgegeben werden – und der neue Besitzer hat danach viel zu tun: „Der Erwerber verpflichtet sich zur umgehenden Sicherung der denkmalgeschützten Fassaden sowie zur Gewährleistung ihres langfristigen Erhalts, welcher in kontinuierlicher Abstimmung mit der zuständigen Denkmalschutzbehörde zu erfolgen hat.“
Die Geschichte der Immobilie
Dafür gibt es eine Immobilie mit viel Geschichte, erklärt Dr. Frank Dreihaupt vom örtlichen „Förderverein für Industriegeschichte“ auf BILD-Anfrage: „Im Jahr 1842 entdeckten zwei Kaufleute und ein Ingenieur hier Eisenerzvorkommen und bekamen vom preußischen König die Konzession zum Abbau. Schon zwei Jahre später stand der erste Hochofen – das wäre heute unvorstellbar.“
Die gefragten Haushalts- und Industrieprodukte wurden bald darauf nach Japan, Ägypten oder Argentinien exportiert – Exportschlager wie Wendeltreppen und Armaturen machten eine der ältesten deutschen Gießereien bald weltbekannt. Jetzt sucht sie eine neue Zukunft als lebendiges Denkmal. Falls sich ein Käufer findet.