Kultur

Der letzte Entertainer

Der letzte Entertainer

Showmaster. Was für ein großspuriges Wort für einen, der mit dem, was er hat und kann, Menschen unterhalten, sie ablenken, ihnen Freude schenken will. Dazu muss er Talent besitzen, besser noch: Talente. Die müssen gar nicht so außerordentlich sein, aber die richtige Mischung, die macht es aus. Sie muss freilich gepaart sein mit dem, was man Charisma nennt, Persönlichkeit, Individualität. Gerade das kann man nicht lernen, kaum üben. Man hat es. Oder eben nicht. Deswegen ist der ein grandioser Showmaster und eben Entertainer – und der andere höchstens Unterhalter.

Das war einmal. Heute freilich, in der Ära alles überflutender Reality-Stars – „man kennt mich aus dem Fernsehen und aus diesen Formaten“ –, die nichts können, nur gecastet werden, weil sie polarisieren, niedrige Instinkte (angefangen bei der Schadenfreude) wecken, hat ein solcher Entertainer nichts mehr verloren. Auch wenn er einmal die ganze Nation unterhielt und mit ihm der Fernseher zum BRD-Lagerfeuer mit Traumquote wurde. Ganz so lange ist das eigentlich gar nicht her. Und doch mutet es an wie ein Widerschein vom Beginn des Holozäns.

Kriegsabitur, dann Flakhelfer

Schlager singen, in harmlosen Filmkomödien spielen, ein wenig tanzen, viel parodieren, gern in Damenkleidern auftreten und durch große Samstagabendshows führen. Das war es, was Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, den die gesamte deutschsprachige Fernsehwelt nur unter seinen ersten beiden Vornamen kannte, fast ein ganzes, 84 Jahre währendes Leben lang getan hat. Vor 15 Jahren ist er gestorben, heute wäre er hundert geworden. Man muss riesigen, ach was, allergrößten Respekt davor haben, wie er seinen Job gemacht hat. Professionell, ehrlich, menschlich, und vor allem – mit Herz.

Heute mutet so etwas, besonders im Mediengewerbe, als altmodische Tugend an. Heute, wo Dieter Bohlen (der übrigens Peter Alexanders letzte Platte produzierte) als einer der Lieblings-Entertainer der Deutschen immer noch als vorgebliche „Superstars“ zumeist unbegabte junge Casting-Show-Aspiranten beleidigt, sie mit per Drehbuch vorgegebenen Zynismen übergießt, ihnen die Würde nimmt. Das hatte Peter Alexander nie nötig.

Am 30. Juni 1926 in Wien geboren, legte er 1944 das Kriegsabitur ab, war Flakhelfer, Arbeitsdienstler in Breslau und bei der Kriegsmarine, wo er in britische Gefangenschaft geriet. Hier begann Peter Alexander das Wachpersonal zu unterhalten, besuchte nach seiner Rückkehr in Wien das Reinhardt-Seminar, wo er sich mehr und mehr seines komischen Talents versicherte. Dank seiner schmeichelnden Stimme verkaufte er 1951 erste Platten mit der Träller-Verheißung „Das machen nur die Beine von Dolores“ und wurde 1956 an der Seite von Caterina Valente, noch so eine nicht-deutsche Säule frühen BRD-Frohsinns, im Revuefilm „Liebe, Tanz und tausend Schlager“ zum Star.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren tobte der verschmitzt grinsende Wiener als ewiger Junge durch als perfektes Klamauk-Handwerk abschnurrende deutsch-österreichische Filmkomödien: mal als Zahlkellner Leopold im „Weißen Rössl“, mal als „Graf Bobby“ beim „Badewannentango“, als „Charleys Tante“ und „Musterknabe“, schließlich mit Heintje bei den „Lümmeln aus der letzten Bank“. Er sang „Ich zähle täglich meine Sorgen“ und glänzte in diversen Operettenaufnahmen. In den Siebzigerjahren wurde Peter Alexander schließlich zu Peter dem ganz Großen und zum über die Bundesrepublik und die DDR (in der er nie aufgetreten ist) herrschenden TV-König. Wenn er auf Live-Tour ging, war er neben seinem österreichischen Landsmann Udo Jürgens der erfolgreichste deutschsprachige Show-Act.

Sicher, es gab im damaligen Zwei-Kanal-Fernsehen den trockenen Peter Frankenfeld und den halbseidenen Harald Juhnke, den schnurrigen Dietmar Schönherr und den jovialen Hans-Joachim Kulenkampff, den käsig-frechen Rudi Carrell, den liebenswürdigen Hans Rosenthal (der sein Judentum erst spät thematisierte) und den arg netten Frank Elstner. Aber keiner war so universell, dabei so souverän und immer gleich sympathisch wie Peter Alexander. An dem Mann war kein Arg und kein falsches Wort, auch in seinen Parodien hat er nie bloßgestellt.

Peter Alexander war glaubwürdig. Das merkten alle Zuschauer in den Jahren von 1969 bis 1996. Die Kriegsgeneration, die mit ihm schunkelte, weil er auch an der Front gewesen war und dort seine spezielle Begabung entdeckte; die Wirtschaftswunder-Generation, die sein So-Sein schon nostalgisch fand; die Achtundsechziger, die er nicht weiter herausforderte; die Generation Golf, die diesen auch in reifen Jahren lausbübischen Anachronismus mit Samtfliege ulkig fand; und selbst noch die Nachwendejugend, die diesen Herrn, der jetzt „Spezialitäten“ servierte, einmal im Jahr mit der „Peter Alexander Show“ wie ein höchst lebendiges Fossil aus grauer Entertainment-Vorzeit bestaunen durfte.

Heute kommen, wenn überhaupt, amerikanische Stars in deutsche Sendungen, um Platten oder Filme anzupreisen, mit dem kleinen Übersetzungsmann im Ohr und mit festgetackertem Grinsen. Peter Alexander mit seinem schmiegsamen Bariton sang in den Neunzigerjahren noch mit Larry Hagman „Jung samma, fesch samma“ und mit Tom Jones „Delilah“, mit Liza Minnelli „There’s no Business Like Show Business“, mit Montserrat Caballé den Kuhdutten-Jodler (natürlich im Dirndl) und mit Joan Collins Wiener Heurigenlieder.

Er fuhr mit Johnny Cash im Fiaker, miaute mit Christa Ludwig Rossinis „Katzenduett“ und gab neben dem Henry Higgins von Richard Chamberlain die „My Fair Lady“. Das alles wurde, von TV-Pate Wolfgang Rademann produziert, akribisch geschrieben, geprobt, für das Playback voraufgenommen und in riesigen Hallen performt.

Peter Alexander hat zu Lebzeiten während 45 skandal- wie absturzfreier Karrierejahre in 38 Filmen gespielt, 156 Singles und 120 Langspielplatten allein in Deutschland 45 Millionen Mal verkauft. Man kann seine Kunst der netten Liedchen, Sketche, Parodien (am liebsten: Hans Moser) und Travestien (einmal spielte er die Queen, Queen Mum, Princess Margaret, Diana und Anne plus alle männlichen Royals gleichzeitig) spießig und muffig nennen, aber sie erreichte eine einzigartige Mehrheit von bis zu 84 Prozent der Deutschen bei seinen TV-Shows. Er surfte auf der Schlager-, Klamotten- wie Heimatfilmwelle bis hin zu den Paukerfilmen.

Er hat sich nie auf diesem Polster zurückgelehnt, er hat verlässlich und immer gleich geliefert. In den Achtzigern gab es eine Umfrage, wonach Peter Alexander der Traummann der Österreicherinnen wäre. Ein Sexualtherapeut erklärte das so: „Er stellt für viele Frauen genau das dar, was der eigene Mann nicht ist. Er ist freundlich, charmant, gewaschen, gut angezogen. Er kommt mit Blumen ins Haus, auch wenn er gar keine in der Hand hat.“

Peter Alexander, das war der ewig burschikose Frohsinn. Aber doch gab es, vielleicht war das sein böhmisches Erbe mütterlicherseits, immer einen leisen, melancholischen Zug. Man schaue sich seine gar nicht immer so fröhlichen Liedtitel an: „Ich zähle täglich meine Sorgen“, „Hier ist ein Mensch“, „Und manchmal weinst du sicher ein paar Tränen“ und die sich in die Gehörgänge fressende, aber eben auch ehrliche „Kleine Kneipe“. Die in Österreich „Das kleine Beisl“ hieß.

Heute hat jedes Möchtegern-Model, das im Dschungelcamp Kakerlaken erbricht, einen Manager, einen Agenten und einen Pressesprecher. Peter Alexander, der wohl eine Weltkarriere hätte machen können, aber es sich lieber im deutschen Film und Fernsehen bequem einrichtete, hatte nur seine Gattin Hilde. Die, genannt „Schnurrdiburr“, war sein Fels und sein Schutz, 51 Jahre waren sie verheiratet. Als sie 2003 starb, erlosch ein Großteil von ihm. Auch den Unfalltod seiner Tochter musste er erleben. In seinem Schmerz hat er auf Diskretion gedrungen und keine Homestorys zugelassen. Das machte ihn nur noch sympathischer. Vorn war immer Sonnenschein, die dunklen Schatten hinter den Jalousien in Wien-Döbling (auch sein Sohn ist inzwischen verstorben) gingen niemanden was an.

Peter Alexander ist Mitte der Neunziger abgetreten, rechtzeitig und in Würde: als feste Größe deutscher Unterhaltungsgeschichte, der sich traumsicher zwischen Weltstars und Fernsehballett bewegte – weil für ihn und seine Formate im zielgruppenzersplitterten Fernsehen längst kein Platz und auch kein Sinn mehr war. Zum 80. Geburtstag, als er sich freilich jede Ehrung verbat, da sah man ihn 2006 in einer TV-Hommage ein letztes Mal. Bei sich zu Hause am E-Piano, mit grauen Haaren, sang er „Dankeschön“. So wie es das Ritual in seinen Sendungen zum Jahresende war, die immer in einem Weihnachtslieder-Medley gipfelten. Ohne Showtreppe, ohne Glamour, und doch war auch dieses Mal wieder gleich die lächelnd-sentimentale Peter-Alexander-Wärme da.

Allüre- und egofrei

Peter Alexander, der „Prater-Buffo“, bei dem irgendwann die öffentliche wie die private Existenz eins zu sein schienen, obwohl er mal ernsthafter Schauspieler, ein Crooner wie Frank Sinatra hatte werden wollen, er machte es sich in seinem Käfig als Glücksbringer für den Eskapismus der Massen und asexueller großer Bubi mit dem netten Akzent bequem. Er blieb allüre- und egofrei, nie zynisch oder kontrovers, er hat keine Häme beschert. Er hat zweckfrei Freude bereitet.

Unterhaltung, in der „das Leben noch lebenswert ist“, ja, auch der schöne, schon in seiner Hochzeit nostalgisch angegilbte Schein, wo angeblich „niemand fragt, was du hast, wer du bist“, das war sein Reich. Er war, wie passend für einen Wiener, Deutschlands letzter Kaiser auf der ganz großen Samstagabendshow-Bühne. Dieser „Peter Neumayer, der sich hinter Peter Alexander versteckt hat“ (so konstatierte es eine kluge Kollegin), er brachte eine Nation zum Lachen und berührte sie. Er war Conférencier (was heute Moderator heißt), Sänger, Darsteller, Gastgeber, Showmaster, Alleinunterhalter. Der letzte glückliche Entertainer eben.

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