Kultur

Der Kriminalist der Weltgeschichte

Der Kriminalist der Weltgeschichte

Ende des 16. Jahrhunderts steht Domenico Scandella vor der Inquisition. Der Müller aus dem friaulischen Dorf Montereale nahe Pordenone wird der Gotteslästerung und Häresie beschuldigt. Obwohl Scandella, der Menocchio genannt wird, den Flammentod vor Augen hat, legt er freimütig und erstaunlich selbstbewusst seine Weltsicht dar: „Ich habe gesagt, dass, was meine Gedanken und meinen Glauben anlangt, alles ein Chaos war, nämlich Erde, Luft, Wasser und Feuer durcheinander. Und jener Wirbel wurde eine Masse, gerade wie man den Käse in der Milch macht, und darin wurden Würmer, und das waren die Engel.“

Der Müller legt vor seinen Richtern, die ihn zum Tode verurteilen werden, eine vom christlichen Glauben radikal abweichende Kosmogonie dar, in der es keinen Schöpfergott gibt und alle Menschen gleich sind. Seine Welterklärungen bezaubern mit ihrer Detailfülle und kühnen Bildern noch heute.

Vom Schicksal Menocchios wissen wir heute nur, weil es der Historiker Carlo Ginzburg in seinem Buch „Der Käse und die Würmer“ minutiös aus den Akten der Inquisition rekonstruiert hat. Das Buch, 1976 erschienen und inzwischen in 26 Sprachen übersetzt, machte den Müller wie auch den Autor augenblicklich berühmt. Dem weit über die Historikerzunft hinaus reichenden Publikum wurde ein Blick in eine vergessene, einst aber starke Tradition der Volksfrömmigkeit und eines volkstümlichen abweichenden Denkens eröffnet. Und dies ohne jede romantisch-nostalgische Verklärung.

Ginzburg zeigte am Beispiel des Müllers, dass die Kirche nie eine unumstrittene Institution war, der die Menschen lammfromm gefolgt wären. Und dass nicht einmal die halbe historische Wahrheit erfährt, wer von den offiziellen Verlautbarungen auf die Wirklichkeit schließt. Die „Mikrogeschichte“, wie Carlo Ginzburg sie nannte, enthüllt, dass die großen Erzählungen immer auch Schwindelgeschichten sind. An diesem Dienstag ist Carlo Ginzburg in Bologna im Alter von 87 Jahren gestorben.

Er wurde 1939 in Turin in einer jüdischen Intellektuellenfamilie geboren. Die Mutter Natalia Levi wurde später unter dem Nachnamen ihres Mannes als Schriftstellerin berühmt. Der Vater Leone Ginzburg, aus Odessa stammend, war Slawist, übersetzte Tolstois „Krieg und Frieden“ und verlor seine Stelle an der Turiner Universität, als er sich weigerte, dem faschistischen Regime den Treueschwur zu leisten. Er schloss sich der liberal-sozialistischen Widerstandsgruppe „Giustizia e Libertà“ an. 1944 starb er im römischen Gefängnis Regina Coeli an den Folgen der Folterungen durch die SS.

Zuvor war die Familie für mehrere Jahre in ein Dorf in den Abruzzen verbannt worden. Dort erlebte der fünfjährige Carlo einerseits die Solidarität vieler Dorfbewohner. Andererseits lernte er, wie er einmal sagte, früh das „Gefühl der Verfolgung, die mit der Existenz als Jude verbunden war“. Später deutete er vorsichtig an, dass es auch diese Erfahrung war, die sein Interesse an Außenseitern, scheinbar bedeutungslosen Einzelheiten, an der kritischen Lektüre von Quellen und an den Zeugnissen der nichtverbalen Kultur geweckt hat. Er war ein aufgeklärter Rationalist mit einem Sinn für scheinbar Irrationales.

Von einem Glas Wasser betrunken sein

Eigentlich wollte Carlo Ginzburg Kunsthistoriker werden. Er studierte stattdessen Geschichte und lehrte unter anderem in Bologna, Pisa und an der University of California in Los Angeles. Die Selbstverkapselung der kunsthistorischen Disziplin ins nur Ästhetische hatte ihn abgestoßen. Früh war er nach seinem Studium der Geschichte in Pisa der Überzeugung, dass man Kunstwerke, Romane oder historische Ereignisse gewissermaßen gegen das Licht halten muss. Dass man Schichten freilegen und sich von Detail zu Detail hangeln muss.

Exemplarisch hat er das in seiner Studie „Erkundungen über Piero“ (1981) gezeigt. Der umbrische Maler Piero della Francesca, jahrhundertelang fast vergessen, wurde im frühen 20. Jahrhundert neu entdeckt. Und zwar gewissermaßen als Zeitgenosse: als ein Künstler der bewussten Reduktion, der einfachen, klaren Linien, auch der Stille. Ginzburg dekonstruiert in seinem Buch diese interessegeleitete Fiktion. Er macht Piero, angeblich ein Maler einfacher, überzeitlicher Schönheit, fremd. Zeigt das Konstruierte seiner Gemälde – etwa am Beispiel der „Geißelung Christi“. Und legt dar, dass Piero keineswegs von jener religiösen Einfalt war, die seine Bilder auszustrahlen scheinen. Er war ein Zeitgenosse, der in die politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit eingriff. Und in seinen Gemälden politische Botschaften versteckte.

Ginzburg betreibt hier Spurensuche – es ist kein Zufall, dass ihn die Figur des Sherlock Holmes sehr beschäftigt hat. Ein guter Historiker sollte ein guter Kriminalist sein, der nichts als das nimmt, was es zu sein scheint. Auch war Ginzburg der Überzeugung, dass es nicht die Aufgabe des Historikers ist, mit seinen Werken abgerundete und endgültige Erzählungen vorzulegen. Er soll vielmehr seinen Weg, den Forschungsweg, sichtbar und nachvollziehbar machen. Ginzburg holte die Leser in seine Werkstatt. Und betonte immer wieder, dass der Forscher nie wissen kann, wohin ihn sein Weg führt.

In einem Interview sagte er einmal: „Man sucht den Osten und findet den Westen. Man muss von beiden erzählen: von der Forschung und den Ergebnissen.“ Geschichte ist nie Ruhekissen, ist immer beunruhigend. Weil das in jeder Zeile seiner Schriften präsent ist, erfordert die Lektüre Anstrengung. Sie wird aber dadurch erleichtert, dass Ginzburg ein großer Stilist war. Er gehörte, im Gegensatz zu manchen seiner Freunde, nie einer Partei an. Aber er engagierte sich. Etwa mit dem Buch „Der Richter und der Historiker“ (1991). Darin nahm er die auf keine Indizien gestützte Anklage gegen seinen Freund Adriano Sofri von der linksspontaneistischen Gruppe „Lotta Continua“ minutiös auseinander. Diesem wurde die Urheberschaft an einem Polizistenmord vorgeworfen.

Von seinem Judentum sprach Ginzburg selten. Auch deutschen Gesprächspartnern gegenüber strich er es nie heraus. Einmal sagte er, auf die Erfahrung des Verfolgtseins sei später die der Privilegierung gefolgt: als Spross einer antifaschistischen Familie, der auch das intellektuelle und Verlagsleben Italiens nicht eben wenig mitgeprägt hat. Er genoss seine Erfolge, sagte bereitwillig, er sei eitel. Und nahm es als Vorteil wahr, kein ethnoitalienischer Katholik zu sein: „Ich gehöre zu den relativ wenigen Italienern, die das Glück hatten, keine katholische Erziehung genossen zu haben und daher eine hedonistische Neigung zu besitzen, ohne deswegen Schuldgefühle zu verspüren.“

Als Lektor im Verlag Klaus Wagenbach lernte ich in den Achtzigerjahren Carlo Ginzburg kennen. Er, der universell gebildete Forscher mit den kräftigen Augenbrauen, gehörte zu den wenigen Autoren, die mit ihrem Lektor, einem Dienstleister, ohne Dünkel umgingen. Einmal besuchte ich ihn in seiner Wohnung in Bologna. Er hatte köstliche gebratene Auberginen zubereitet, es machte ihm Spaß, das Rezept in allen Varianten zu erklären. Wir tranken Weißwein. Das müsse aber nicht sein, meinte er. Er träume davon, „essere ubriaco da un bicchiere di acqua“, von einem Glas Wasser betrunken zu sein.

Ein anderes Mal nahm er mich mit in die Kirche Pieve dei Santi Leonardo e Cristofero in dem winzigen Ort Montichiello im Süden der Toskana. Und erklärte mir in allen Einzelheiten die dortigen Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Carlo Ginzburgs volle Stimme, seine fast orientalischen Gesichtszüge und seine schnörkellose Sprache werde ich nicht vergessen.

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