Wirtschaft

„Das wäre eine große Katastrophe“ – Knobloch warnt vor einer Regierung der Berliner Linken

„Das wäre eine große Katastrophe“ – Knobloch warnt vor einer Regierung der Berliner Linken

Charlotte Knobloch hat den Holocaust überlebt und ist heute eine der letzten aktiven Zeitzeuginnen. Die 93-jährige Jüdin, ehemals Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, zog im ARD-Talk „Maischberger“ am Mittwochabend ein düsteres Fazit über den Zustand der Republik: „Ich habe Angst“, sagte Knobloch, 81 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur. Es ist die Angst vor dem Antisemitismus von den politischen Rändern – von links wie von rechts.

Knoblochs Sorge gilt dabei aktuell vor allem der Hauptstadt. Nach der Wahl im September hat die Berliner Linke reelle Chancen auf das Bürgermeisteramt und ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Doch Spitzenkandidatin Elif Eralp und Teile der Hauptstadt-Linken stehen massiv in der Kritik, darunter wegen Verwicklungen in antiisraelische Netzwerke, Kontakten in der Clan-Kriminalität und offene Antisemitismus-Vorwürfe.

Dass ausgerechnet diese Partei nun regieren könnte, entsetzt Knobloch. „Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert“, warnte sie vor einem Bündnis unter den Linken. „Denn das wäre eine große Katastrophe, nicht nur für die Juden in Berlin, sondern für alle Berliner, wenn solche Leute Politik in Berlin durchführen.“

Die antisemitische Gefahr von links sei die eine Seite, die von rechts die andere. Und da ging es um: die AfD. Maischbergers Nachfrage, ob nicht doch gerade die Politik von Ex-Kanzlerin Angela Merkel – die Knobloch zuvor ausdrücklich gelobt hatte – für das Erstarken der Partei verantwortlich gemacht werde, schmetterte die 93-Jährige entschieden ab: „Da sehe ich keinen Zusammenhang.“ Die heutige Politik sei hingegen „ein bisschen zu langsam.“ Klar war für Knobloch nur: Die AfD werde jeden Tag stärker. Und müsse weg.

Als das Gespräch auf Parallelen zwischen den AfD-Erfolgen und der späten Weimarer Republik kam, fand Knobloch bittere Worte. „Ich empfinde es als Katastrophe, dass wir uns heute über die Vergangenheit so unterhalten müssen und die Wähler bitten müssen, sie sollen von einer Wahl der AfD Abstand nehmen.“ Sie habe sich in ihrer Sicherheit in Deutschland geirrt, räumte die 93-Jährige ein.

Vor 20 Jahren habe man noch glauben können, diese Themen seien nicht mehr derart aktuell. Heute jage die Lage jüdischen Menschen wieder Angst ein, so Knobloch, vor allem um die Zukunft. Wenn sich das nicht ändere und „sich Leute wie von der AfD immer mehr nach vorne drängen können“, warnte sie, „dann ist das nicht nur ein Problem, sondern eine Tatsache.“

Trotz dieser Ängste wolle sie die Hoffnung nicht aufgeben: „Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam in der Lage sind, auch dieses Problem langsam zu lösen.“ Dafür müssten sich die Parteichefs allerdings an einen Tisch setzen und sich intensiv mit der Thematik beschäftigen, forderte Knobloch. Denn sie wolle schlicht nicht, dass ihre Kinder, Enkel oder Urenkel jemals das erleben, was sie selbst einst durchmachen musste.

Was sie damals als Jüdin im NS-Reich durchmachen musste, erzählte Charlotte Knobloch bei Maischberger dann eindrücklich. Geboren 1932, erfuhr sie als kleines Kind durch den plötzlichen Ausschluss beim Spielen mit den anderen Kindern, was das Wort „Jude“ bedeutete. „Das hat mich auch in den weiteren Jahren mitgenommen bis zum heutigen Tag“, sagte sie.

„Sie wusste, dass sie nicht mehr zurückkommt – und ich wusste es auch“

Still wurde es im Studio, als Knobloch ihre letzten Erinnerungen an ihre Großmutter Albertine Neuland schilderte. Im Juli 1942 wurde die Großmutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert, Charlotte Knobloch war damals neun Jahre alt. Albertine habe ihr gesagt, sie gehe zur Kur. „Da habe ich geweint und sie hat geweint. Sie wusste, dass sie nicht mehr zurückkommt – und ich wusste es auch.“ Im Gedächtnis blieb ihr, wie die Großmutter das Hoftor mit ihrem hellbraunen Koffer öffnete und ging. Sie verhungerte am 19. Januar 1944.

Knobloch selbst entkam der NS-Tötungsmaschine nur, weil ihr Vater 1942 eine Rettungsaktion organisierte. Eine ehemalige Hausangestellte nahm sie auf und gab sie als ihr eigenes, uneheliches Kind aus. Eine falsche Identität, die das junge Mädchen rund um die Uhr aufrechterhalten musste. „Die Gefahr war mir bewusst“, sagte Knobloch. Es sei für sie ein ständiges „Tag-und-Nacht-Spiel“ gewesen. Denn im Radio hörte das untergetauchte Mädchen immer wieder von deutschen Siegen: „Da wusste ich auch, was mit mir geschieht. Es ist Gott sei Dank anders gekommen, Deutschland hat den Krieg verloren und wir haben überlebt.“

„Trotzdem weiter“, das sei ihre Lebenshaltung geworden. Und so lautet auch der Titel ihres jüngsten Buches. Das jüdische Leben in Deutschland habe genau daraus etwas lernen können, sagte Knobloch: „Dass man, auch wenn Schlimmes passiert, nicht die Lust am Leben verlieren soll.“ An Ruhestand denkt die 93-Jährige nicht. Sie absolviere noch 12-Stunden-Tage und wurde erst im Juli erneut zur Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gewählt. „Solange ich kann, möchte ich gerne dieses Thema weiterverfolgen.“ Auf Maischbergers Anmerkung, das müsse doch eine große Anstrengung sein, antwortete Charlotte Knobloch am Ende mit einem Lächeln: „Alles, was man gerne tut, ist keine Anstrengung.“

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