Ein Bild wie ein erstickter Schrei. Die amerikanische Künstlerin Dana Schutz hat es 2016 gemalt, über sechzig Jahre nach dem brutalen, vorsätzlich angezettelten Mord an dem schwarzen Teenager Emmett Louis Till. Vor der Bürgerrechtsbewegung hatten weiße Rassisten zahllose ihnen verhasste Schwarze umgebracht. Dana Schutz hielt es für nötig, in Zeiten, in denen Polizisten unbewaffnete Schwarze erschießen, ihr Entsetzen über das Fortdauern des Rassismus in den Vereinigten Staaten in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung zu bekunden.
Das Bild „Open Casket“, eine abstrahierende, expressive Darstellung des 14-jährigen Jungen im offenen Sarg, mit verstümmeltem Gesicht, starkfarbig gemalt mit breiten Pinselschlägen, beruhte auf Fotografien, die Emmetts Mutter damals anfertigen und an die Presse verteilen ließ. Sie wollte, dass alle Welt sah, was geschehen war. Das Foto der geschändeten Leiche wurde zum Symbol des nationalen Protests gegen Kastensystem und Segregation der amerikanischen Südstaaten. Die Proteste liefen zunächst ins Leere, waren aber geeignet, den Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung anzufachen, zumal die beiden brutalen Mörder mit einem Freispruch davongekommen waren.
Doch die Behandlung des Themas ein gutes halbes Jahrhundert später, ausgerechnet von einer weißen Künstlerin, wurde zum Skandal. Das Gemälde war 2017 in der Whitney-Biennale in New York ausgestellt. Und es ließ die wenigsten kalt. Widerrechtliche, auch widerwärtige Aneignung zum Wohl des eigenen Ruhms wurde der Künstlerin vorgeworfen. Dass Bob Dylan schon Jahre zuvor klagend die „Ballad of Emmett Till“ mit guter Resonanz angestimmt hatte, war ins Abseits der gesellschaftlichen Wahrnehmung gerückt. Die heftige, erst nach ein paar Tagen abflauende Kontroverse um Schutz’ Gemälde belegt eine tief sitzende Unversöhnlichkeit, zumindest aber auch, dass Kunst es vermag, kontinuierlich schwelende soziale Konflikte wirksam offenzulegen.
Dana Schutz sagte seinerzeit, sie verstünde den Zorn. Es sei ein problematisches Bild, von Anbeginn habe sie das gewusst. Allerdings sei sie der festen Meinung, dass es besser ist, sich auf etwas höchst Unangenehmes einzulassen, anstatt gar nicht zu reagieren.
Die nicht erst seit dem Skandal erfolgreiche und vor allem in den Vereinigten Staaten gefragte Künstlerin hat nun eine Einzelausstellung in der Graphischen Sammlung der Pinakothek der Moderne in München. Etliche ihrer Arbeiten sind speziell im Hinblick auf ihre erste Münchener Präsentation entstanden. Reich in der Erzählung, schonungslos im Duktus, eindringlich in Farb- und Lichtregie fordert Schutz den Betrachter heraus, genau hinzusehen.
Das teils monumentale Format und die lebhafte Figurenkomposition erschüttern artige Sehgewohnheiten. Bedrohliche Gestalten, hilflose, gottverlassene Figuren werden von hübschen Vögeln umflattert. Metaphern drängen sich auf. Jedes Bild eine eigenwillige, vielstimmige, oft raue, dissonante Symphonie. Intellektuelle Interpretationen ihres fundierten Wissens um Menschheitsgeschichte und Mythen verknüpft Dana Schutz anstandslos – vor allem schonungslos – zur großen Erzählung.
Dana Schutz setzt sich mit ihren Themen, mit dem dystopischen Zustand unseres Weltgefüges konstant auseinander. Sie überprüft genauestens, wie sie ein einmal gewähltes Motiv tiefergehend weiterentwickeln kann. Das bedeutet keinesfalls, dass sie beginnt zu variieren. Sie kontrolliert Sujet, Komposition – und Technik. Das führt zu überraschenden, oft surrealen Ergebnissen. Etwa, wenn sie „The Beast“, ein kurioses und eher freundliches Wesen, sehr rot und mit mehreren Beinen, als druckgrafische Monotypie und formal weniger überfrachtet als auf dem Gemälde, wieder auferstehen lässt. Überhaupt die Monotypien. Auch bei genauerem Hinsehen haben sie die Anmutung von Aquarellen. Das liegt an einer ausgeklügelten Methodik, die maximal drei Abzüge zulässt.
Dann sind da überall die Monster, die Dämonen, die mit Riesenaugen über den Köpfen, hinter dem Rücken der zentralen Figuren lauern. Sie tun nichts. Aber sie sind da. Und erinnern das Bildpersonal – und uns – daran, dass sie keinesfalls abgeschüttelt werden können, dass das Bildpersonal – und wir – uns vielleicht besser darauf einrichten, mit ihnen zu leben. Wir könnten ja auch versuchen, wie die nackte Frau am Strand, es zu genießen, von einer Riesenkrabbe bedrängt zu werden. Sieht ungemütlich aus, scheint aber sehr lustig zu sein.
Schutz arbeitet, abgesehen von der Druckgrafik, den Radierungen und Monotypien, bevorzugt im großen Format. Und sie zeichnet mit Kohle. Ein heikles Medium, das viel Präzision abverlangt – und Mut. Wie sonst könnte ein derart wand- und raumfüllendes, kompositorisch dichtes Mural entstehen, wie es nun erstmals in der Pinakothek der Moderne gezeigt wird? Drama und Spannung halten hier über eine Riesenfläche ihren Tonus, der von künstlerischer Innovationskraft getragene Bogen flacht nicht ab – seit Picassos „Guernica“ eine schier unerhörte Herausforderung.
Für ihre Gemälde macht Dana Schutz Kohleskizzen, die bereits das Format und größtenteils die kompositorischen Elemente festlegen. Sie waren immer unter Verschluss im Atelier. Arbeitsmaterial. In der Museumsausstellung in München wird nun eine ganze Reihe zum ersten Mal gezeigt. Diese Belege des Entstehungsprozesses faszinieren. Für einen Moment kommt man der Künstlerin sehr nah: Auge – Hand – Papier. Direkt und basal. Kalkül? Sendungsbewusstsein? Fehlanzeige.
Dana Schutz, geboren 1976 in Livonia im Bundesstaat Michigan, wird im Kunsthandel von der Großgalerie David Zwirner mit Hauptsitz in New York vertreten. In Deutschland gehört sie zum Programm der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin.
„Dana Schutz. Trouble and Appearance“, bis 4. Oktober 2026, Pinakothek der Moderne, München