Hauptnachrichten

ChatGPT als Anwalt: Mann zieht mit KI vor Gericht

ChatGPT als Anwalt: Mann zieht mit KI vor Gericht
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Leipzig – David Hinz (41) kämpfte plötzlich allein gegen Staatsanwaltschaft und Gericht. Der Vorwurf: Betrug. Für viele wäre das ein Fall für den Anwalt gewesen. Für den Security-Mitarbeiter hieß der Rechtsbeistand: künstliche Intelligenz (KI). „Ich konnte mir keinen Anwalt leisten. Also fragte ich ChatGPT, was ich tun soll“, erzählt er.

Rückblick: Im Sommer 2023 beginnt Hinz seinen neuen Job eine Woche früher als geplant. Obwohl er die Arbeitsagentur telefonisch informiert, werden ihm 242,34 Euro Arbeitslosengeld zu viel überwiesen. Als Betrugsvorwurf landet der Fall beim Amtsgericht Leipzig.

Warum der Mann mit KI vor Gericht zog

Hinz zu BILD: „Diesen Vorwurf wollte ich mir nicht anhängen lassen. In meinem Beruf braucht es eine reine Weste.“ Weil ihm kein Pflichtverteidiger zusteht und ein Anwalt zu teuer ist, verteidigte sich David selbst – mit KI.

ChatGPT erklärt ihm das Verfahren, hilft beim Einspruch und arbeitet mit ihm über eine Woche an einem 18-seitigen Befangenheitsantrag, dem sogar stattgegeben wird. Eine andere Richterin übernahm schließlich den Fall und stellte das Verfahren ein. „Ohne KI hätte ich das niemals geschafft“, meint Hinz.

Hat ChatGPT den Prozess entschieden?

So einfach sei es nicht, sagt Michael Wolting, Präsident des Amtsgerichts Leipzig: „Ich möchte dem Angeklagten seinen Erfolg nicht nehmen, aber die Einreichung eines KI-generierten Schriftsatzes und die spätere Einstellung des Verfahrens heißen nicht, dass das ursächlich aufeinander beruht.“

Wie ChatGPT den Ausgang tatsächlich beeinflusst hat, bleibt offen. Der Fall Hinz wirft aber eine viel größere Frage auf: Wenn sich Menschen schon heute erfolgreich mit KI gegen die Justiz verteidigen – wofür braucht es morgen noch Anwälte?

Was KI heute schon kann – und was noch nicht

Darüber diskutieren derzeit Wissenschaft und Wirtschaft zugleich: Die Tübinger Rechtsprofessorin Michèle Finck stellte jüngst die Frage, ob KI tatsächlich juristisch argumentiert – oder nur überzeugend so klingt. Fazit: Bislang sei das nicht überprüfbar.

Forscher der Yale Law School gehen einen Schritt weiter: Ein Anwalt müsse aus oft chaotischen Schilderungen erst das juristisch Entscheidende entwickeln. Ob KI das zuverlässig leisten kann? Bisher sei das kaum untersucht.

Wo KI schon heute hilft, zeigt eine Stanford-Studie: Laut dieser arbeiteten Juristen mit KI-Assistenten 6 Prozent genauer und rund 26 Prozent schneller. Die KI suchte Belege und markierte mögliche Fehler – entschieden wurde aber weiterhin vom Menschen.

Darauf stellt sich inzwischen auch die Anwaltschaft ein. Eine Untersuchung der Beratungsfirma The Positive Group zeigt: Mandanten erwarten durch KI schnellere und günstigere Arbeit, bei gleichbleibender Sorgfalt durch einen Anwalt.

Warum das nötig ist, zeigt ein Beschluss des Kammergerichts Berlin. Dort zitierte eine Anwältin in einem offenbar KI-gestützten Schriftsatz Gerichtsentscheidungen, die es gar nicht gab. Die Richter rügten: Wer KI nutzt, muss ihre Ergebnisse auch kontrollieren.

Für David Hinz bleibt ein Gedanke: „Für mich war ChatGPT kein Ersatz für einen Anwalt, sondern überhaupt erst die Chance, sich gegen einen übermächtigen Goliath zu wehren.“

Vielleicht verpasst