„Ich liebe Berlin nicht“. Das schrieb Kurt Tucholsky 1927. Und fast 100 Jahre später ist dieser Satz aktueller denn je. Man hört ihn nahezu an jeder Ecke der Hauptstadt. Zu widersprechen fällt immer schwerer.
Dabei hatte Berlin ja Potential. Damals, als die Mauer fiel. Aber die Wahrheit ist, dass diese Stadt viel verspricht und sich mit erstaunlich wenig zufriedengibt. Und das Schlimmste: Man hat sich daran gewöhnt.
Jüngstes Beispiel. Ryanair, Europas größter Billigflieger, schließt seine Basis am BER, streicht zwölf Strecken und halbiert sein bisheriges Angebot. Die Airline spricht vom „erfolglosesten Flughafen Europas“. Gewiss, Ryanair verfolgt eigene wirtschaftliche Interessen, hat keinen Bock mehr auf die hohen Gebühren und die massive Luftverkehrssteuer. Doch das Ergebnis bleibt: Berlin hat einen Provinz-Flughafen.
Vor kurzem zeigten die Kollegen von „The Pioneer“ eine bemerkenswerte Grafik: Paris hat 160 interkontinentale Flugverbindungen, London 121, Amsterdam 111. Warschau kommt noch auf 38. Und Berlin? Auf gerade einmal acht. Acht Verbindungen in die Welt. Aus der Hauptstadt der größten Volkswirtschaft Europas. Dreimal dürfen Sie raten, woran das liegen mag. Das hat doch wohl nicht damit zu tun, dass Berlin wirtschaftlich am Stock geht und viel zu wenig Menschen von ihrer eigenen Hände Arbeit leben?
Dabei sollte der BER das Tor zur Welt werden. Stattdessen wurde er zum Symbol deutscher Planungsunfähigkeit. Neun Jahre Verspätung, Milliarden an Mehrkosten, bei seiner Eröffnung schon veraltet. Und nun gelingt es noch nicht einmal, den Flughafen zu einem attraktiven Standort für Fluggesellschaften zu machen.
Das eigentliche Problem reicht aber weit über den Flughafen hinaus. Berlin strotzt zwar vor Selbstbewusstsein, bildet sich ein, eine aufregende, internationale Metropole zu sein. Und ja, die Stadt hat vieles, was eine Weltstadt ausmacht: Geschichte, Kultur, Wissenschaft, Politik, Talente und Touristen aus allen Ecken dieses Planeten. Aber was macht sie daraus?
Die Verwaltung funktioniert nicht. Die Infrastruktur ist ein Desaster. Das einzige, was in Berlin wächst, ist Wohnungsnot.
Das Erstaunlichste für mich ist aber gar nicht mehr, dass so vieles nicht funktioniert, sondern wie selbstverständlich der Berliner sich damit abfindet. Und es im Zweifel noch schön redet. Dann heißt es: „Hab‘ dich nicht so – bisschen Chaos ist doch ganz sexy.“ Das wird einem als der besondere Berliner Charme verkauft.
Ich bin wirklich kein Spiesser, aber was bei ‘ner verlotterten Eck-Kneipe charmant sein mag, ist bei der Verwaltung und den Regierenden einfach, Entschuldigung, scheiße.
Es fehlt hier viel zu oft am Ehrgeiz, aus den Möglichkeiten, die da sind, etwas zu machen. Ist doch so viel bequemer, sich einfach mit all den Unzulänglichkeiten abzufinden.
Übrigens, falls Sie denken, das betrifft Sie nicht, weil Sie kein Berliner sind – Vorsicht! Ich befürchte, dass diese Einstellung längst auf alle abfärbt und damit auch auf die Bundesregierung und den Bundestag.
Klar ist: Eine Weltstadt wird nicht dadurch zur Weltstadt, weil sie sich selbst dafür hält. Der Pannenflughafen BER ist längst eine Metapher für die Pannen-Stadt. Hier kann man jeden Tag die Grenzen der Berliner Weltläufigkeit besichtigen.