Christchurch (Neuseeland) – Mitten in der längsten Nacht der Erde beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit.
Ein Mitglied des US-Antarktisprogramms erkrankt auf der amerikanischen Forschungsstation McMurdo so schwer, dass die medizinischen Möglichkeiten vor Ort nicht mehr ausreichen. Die National Science Foundation schlägt Alarm und fordert internationale Hilfe an. Die Rettung führt an einen der unwirtlichsten Orte der Welt.
Denn McMurdo liegt auf der Ross-Insel am Rand des gefrorenen Ross-Schelfeises. Die Station ist die wichtigste US-Drehscheibe für sämtliche Antarktis-Missionen. Im kurzen Südsommer leben dort mehr als 1000 Menschen. Im Winter bleiben weniger als 200 zurück. Dann herrschen monatelange Dunkelheit, eisige Stürme und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt.
Rettungsflug in die Finsternis
Genau von dort musste ein Patient ausgeflogen werden. Die Anfrage erreicht das australische Spezialunternehmen Skytraders. Selbst für erfahrene Antarktis-Piloten ist das eine Ausnahmesituation. Ein erster Versuch muss wegen eines Schneesturms abgesagt werden. Das Wetterfenster ist winzig. Die Zeit drängt. Nur Stunden später startet schließlich der Airbus A319 mit dem Rufnamen „Snowbird 1“ am 31. Juli von Hobart auf Tasmanien Richtung Südpol. Besonders ungewöhnlich: Im Cockpit sitzt ein Ehepaar. Louise Robertson und ihr Mann Rod Robertson fliegen gemeinsam den Einsatz. Außerdem an Bord: Spezialisten des australischen Antarktisprogramms und ein medizinisches Team.
Nach rund fünfeinhalb Stunden Flug taucht vor dem Cockpit praktisch nichts als Schwärze auf. „Wir hatten nur das, was man nautische Dämmerung nennt. Das ist fast völlige Dunkelheit“, sagte Co-Pilotin Louise Robertson später. Dazu kommen Temperaturen bei der Landung von minus 43 Grad Celsius. „Es war sehr nah daran, zu kalt für das Flugzeug zu werden“, schilderte Robertson. „Minus 43 Grad sind die niedrigste Temperatur, die ich jemals erlebt habe.“
Landung auf einer Piste aus Schnee
Ziel der Besatzung ist das Phoenix Airfield nahe McMurdo. Die rund drei Kilometer lange Landebahn besteht nicht aus Asphalt, sondern aus verdichtetem Schnee. Bevor der Airbus landen kann, muss die Piste von Bodenmannschaften stundenlang präpariert werden.
Al Wallach, ein weiterer Pilot der Mission, sprach von Bedingungen am Rand des Machbaren: „Die Bedingungen, denen wir begegneten, lagen direkt an der Grenze dessen, was selbst mit hochspezialisierten Flugzeugen möglich ist.“
Am Boden läuft dann alles nach Plan. Der schwer erkrankte Amerikaner wird an Bord gebracht. Lange darf die Crew nicht bleiben. Die Wetterbedingungen verschlechtern sich erneut. Sofort nach dem Betanken hebt der Airbus wieder ab und nimmt Kurs auf Christchurch in Neuseeland. Dort wird der Patient in ein Krankenhaus gebracht. Über Krankheit, Alter oder Identität machen die Behörden keine Angaben. Bekannt ist nur, dass sich der Amerikaner nach Angaben der Einsatzbeteiligten auf dem Weg der Besserung befindet.