Kultur

Als Italo Calvino bei den Partisanen kämpfte

Als Italo Calvino bei den Partisanen kämpfte

Ehe Italo Calvino am 19. September 1985, kurz vor seinem 62. Geburtstag, starb, hatte eine breite Öffentlichkeit großen Anteil an seinem Zustand nach einem Schlaganfall genommen. Er war als Autor eine Ausnahme, hochgeschätzt als writer’s writer, zugleich von einem breiten Publikum verehrt. International bekannt geworden war er durch seine fantastisch-parabolischen Romane wie „Der geteilte Visconte“ (1952), „Der Baron auf den Bäumen“ (1957) sowie seine experimentelle Prosa „Die unsichtbaren Städte“ (1972) und den Meta-Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ (1983). Soeben ist auch eine neue Zusammenstellung mit Calvino-Texten über das Schreiben und Lesen erschienen: „Geschriebene und ungeschriebene Welt“ (Hanser).

Calvinos Popularität bis tief in die italienische Bevölkerung hingegen rührte von der Anthologie italienischer Volksmärchen her, die er aus allen Regionen gesammelt und ins geläufige Italienisch übersetzt hatte. Beide Seiten, das Populäre und das Artifizielle, verband sein erster Roman „Wo Spinnen ihre Nester bauen“ (1947). Darin hatte er realistisch und poetisch zugleich aus der Perspektive eines Jungen vom Widerstand gegen Besatzer und Faschisten erzählt. Ein Buch gegen die Verleumder der Resistenza wie gegen deren Verklärer – geschrieben aus eigener Erfahrung, um die Calvino nicht viel Aufhebens machte.

1970 notierte er über sich, neutral: „Während der zwanzig Monate dauernden deutschen Besatzung (…) in konspirativen Gruppen sowie bei den Partisanen aktiv; einige Monate kämpfte er bei den Garibaldi-Brigaden im rauen Bergland der Seealpen; zusammen mit seinem sechzehnjährigen Bruder. Sein Vater und seine Mutter wurden einige Monate von den Deutschen als Geiseln festgehalten.“ 1944 hatte er sich den Kommunisten angeschlossen und war seither für sie publizistisch aktiv. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn trat er 1957 aus der KPI aus, ein Renegat wurde er nie, vielmehr reflektierte er über die „zwei entgegengesetzten Seelen des Kommunismus“ – fanatischer Moralismus hier, lustvolle Eleganz und Liebe zum Leben da. Die Spannung zwischen Virtuosität und Volkstümlichkeit lässt sich durch sein gesamtes Werk verfolgen.

Von seiner Tätigkeit als Partisan hat er erst 1974 erzählt. In „Erinnerungen an eine Schlacht“ (enthalten in dem auf Deutsch posthum erschienenen Erzählband „Die Mülltonne und andere Geschichten“) geht es um den Kampf gegen die faschistische ‚Republik von Salò‘, um den „Sturm auf Baiardo“ durch die Brigade Garibaldi. Skrupulös wägt er gleich eingangs die Erinnerungen auf ihre Genauigkeit hin ab. Keinesfalls will er eine, schon gar nicht seine Heldengeschichte erzählen. In einer schlecht ausgerüsteten Truppe gegen hochgerüstete Gegner.

Er ist bloß Munitionsträger für das MG, gepeinigt durch unverdaute Kastanien und unzulängliches Schuhwerk. Selbst der Aufbruch zum Angriff wird relativiert: „Die nächtlichen Aufbrüche zu Aktionen ähneln sich alle.“ Seine Gruppe soll die Faschisten am möglichen Rückzug hindern. Das eigentliche Kampfgeschehen findet anderswo statt; er hört Schüsse und Explosionen. Dann Gesang. „Unsere Leute feiern den Sieg!“ Doch kurz darauf: „Die Faschisten haben gewonnen.“ Nun sind sie „Versprengte im Feindesland“.

Was im Dorf geschah, rekonstruiert er auf Basis von späteren Berichten. Dabei erzählt er aus der Imagination doch noch von einem Helden, Cardù, der von den Faschisten zu den Partisanen übergelaufen und nun dort erschossen worden war. Was ihm selbst danach geschah, bedürfe, schreibt er, noch vieler Seiten, „um den Abend, die Nacht zu beschreiben“. „Die Distanz zwischen jener Nacht damals und dieser, in der ich schreibe. Den Sinn des Ganzen, der auftaucht und wieder verschwindet.“

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

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