Kultur

Als Egon Krenz uns einen Wartburg schenkte

Als Egon Krenz uns einen Wartburg schenkte

Als Plattenbauten noch Neubauten hießen, hatten wir einen berühmten Nachbarn. Über meiner Kinderzahnärztin, neun Hausaufgänge weiter, wohnte Egon Krenz. Die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, unterhielt in unserem Viertel eine Dienstwohnung für ihren Ersten Sekretär. An seinen freien Tagen, wenn er morgens nicht in eine Limousine stieg und abends wieder vorgefahren wurde, lief er durch den Wald hinter den Blöcken. Krenz trieb Sport. Zum Trainingsanzug trug er noch im Frühjahr, als er meinen Vater ansprach, eine Pudelmütze.

Auch mein Vater drehte seine Runden. Er fuhr Rennrollstuhl für den DVfV, für den Versehrtensportverband der DDR. Seit einem Badeunfall acht Jahr zuvor war er gehbehindert und sammelte national und international Medaillen. Im April 1978 lief Egon Krenz ihm vor die Räder und fragte, wie es ihm ginge. Gut, sagte mein Vater, seinem Auto aber weniger, es sei kaputt. Seit Wochen warte seine Werkstatt auf Ersatzteile. Nirgends könne er hin, auch nicht zur Arbeit. Dafür habe er mehr Zeit für seine Trainingspläne. Als er heimkam und ich seinen Rollstuhl in die Wohnung hob, sagte er feierlich wie ein Parteitagsredner: „Genosse Krenz hat sich nach meinem Wohlergehen erkundigt!“ Die Familie lachte.

Weitere zwei Wochen später, der Trabant wartete immer noch darauf, repariert zu werden, kam ein Brief: „Ich freue mich, daß ich Ihnen heute die Freigabeanweisung für einen Pkw vom Typ Wartburg-Tourist übergeben kann. Damit hoffe ich, Ihre Bitte erfüllt zu haben und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute, viel Freude und vor allem Gesundheit. Mit freundlichen Grüßen, Egon Krenz.“ Der Abholschein lag bei. Mein Vater war nicht leicht zu irritieren. Krenz hat es geschafft. Unser Trabant verschwand, ein Wartburg in Schilfgrün erschien vor unserer Tür.

Warum ich das erzähle? Krenz kommt in die Kinos. „Kommunist“, sein Filmporträt, zeigt einen Funktionär als Mensch. Bereits am 8. Mai wurde es in Schwerin zum Feiertag der deutschen Kapitulation gezeigt. Der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur fand es „beschönigend“. Das ist es. Andererseits hätte es eine weitere Dokumentation des steilen Aufstiegs und des tiefen Falls eines Parteisoldaten über vier Jahrzehnte DDR nicht mehr gebraucht. Es ist nicht so, dass Egon Krenz dabei zuletzt zu kurzgekommen wäre.

Als Jüngster der alten Garde, geht er auf die 90 zu und, wie der Film zeigt, immer noch in seiner Rolle auf. Ein Mann, der von Anfang bis Ende alles mitgemacht und mitgetragen hat, aber schließlich, so sein Mantra, Schlimmeres verhindert habe. Seine Memoiren hat Krenz nach drei Bänden vorerst abgeschlossen. Sein Zentralorgan ist die „Berliner Zeitung“. Sein Gesicht und seine Stimme sind gefragt, sobald die DDR wieder Geburtstag feiert. Als sie 75 wurde, saß er auf dem Podium im Berliner Kino „Babylon“, beschwor die DDR im Herzen und beschwerte sich, dass seine Heimat durch die BRD systemisch delegitimiert werde. Er ist noch da.

Der Film zeigt noch einmal, woher er kam, aber auch, wie er zu dem wurde, der er heute ist, in seiner Datsche und in seinem Rosengärtchen in Dierhagen an der Ostsee. Die Geschichten hat er oft und gern erzählt. Wie ihm, dem vaterlosen Kind, ein Rotarmist zu essen gab und Goethes/Schuberts „Heideröslein“ beibrachte. Wie er, während die Arbeiter im Juni 1953 ihren Aufstand wagten, in die FDJ eintrat: „Es war der Sinn meines Lebens, ein anderes Deutschland zu schaffen.“ Wie Wolodja, sein Moskauer Mitstudent, den modischen ostdeutschen Sozialisten darauf hinwies, dass ein wahrer Kommunist nicht mehr als einen einzigen alten Anzug brauche. Wie er 1973 Mitglied des ZK und 1983 ins Politbüro der SED berufen wurde, im Oktober 1989 Erich Honecker ablöste, im Dezember 1989 wieder abgesetzt und aus seiner Partei im Januar 1990 ausgeschlossen wurde: Mit dem Tribunal der PDS beginnt und endet „Kommunist“, der Film.

Regisseur Lutz Pehnert hat Stoffe schon widersprüchlicher verfilmt. In „Partisan“ die Volksbühne als ostdeutsches Theater in der Hauptstadt des vereinten Staates, in „Bettina“ das Leben der Liedermacherin Bettina Wegner zwischen Ost und West. Dass sein Vater, Horst Pehnert, unter Egon Krenz im Zentralkomitee der FDJ saß und als stellvertretender Kulturminister zuständig für Film und Fernsehen war, spricht nicht gegen den Sohn und seinen Film. Kinder aus Funktionärsfamilien schlugen nicht selten aus der Art und arbeiteten sich über ihre Eltern an der DDR ab. Krenz bleibt von den Kämpfen und Konflikten heute weitgehend verschont. Er sitzt auf einer Bank am Strand. Er schaut über die See und blickt zurück, sagt, nichts im Leben habe ihn härter getroffen als der Ausschluss aus seiner Partei, und: „Wir haben eine friedliche Wende vollzogen.“ Wer ist „wir“?

Ich hatte Glück, war flink zu Fuß und wurde am 7. Oktober 1989 in Berlin nicht von der Polizei verdroschen. Am Montag darauf fuhr ich nach Leipzig, um gegen den Staat, seine Gewalt und seinen Machtmissbrauch zu demonstrieren. Polizisten und Soldaten waren aufmarschiert, um das Problem mit uns auf chinesische Weise, wie es hieß, zu lösen. Egon Krenz, ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, hatte sich fünf Monate zuvor zum Massaker in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens dahingehend geäußert, dass die Ordnung mit den notwendigen Mitteln wiederhergestellt worden sei. Dass es in Leipzig keine Todesopfer gab, weil sich das Militär zurückhielt und zurückzog, hält sich Krenz seither zugute. Er will es gewesen sein. Aber wer ist sein „wir“? Ich auch?

Die Protokolle vom 9. Oktober 1989 stützen einerseits das Bild eines befriedenden Befehlshabers, andererseits legen die Quellen nahe, dass Krenz telefonisch erst erreichbar war und seine Anweisung erteilen konnte, als sich der Protestzug bereits unbehelligt und erleichtert auflöste. Ein „Wir“ von 70.000 leitete, während die Fluchtwellen nicht abebbten und Montagsdemonstranten sich seit Wochen schon gegen den Staat stemmten, die sogenannte Wende ein. Später hat sich Krenz’ Hagiografie verselbstständigt. „Danke, Egon Krenz, für den Beitrag dazu, dass die ‚Wende‘ und der Mauerfall friedlich verlaufen sind!“, rief Philipp Lengsfeld ihm zuletzt aus der „Berliner Zeitung“ wieder zu, deren Verleger Holger Friedrich im Gespräch mit Krenz dessen Verdienst als „zivilisatorische Großtat“ hervorhob.

So hoch hängt der Film es nicht. Allein ein Pfarrer, der den Einsamen in seiner letzten Funktionswohnung in Pankow aufsuchte, im Winter 1989/90, und ihm Trost spendete, weist noch einmal darauf hin. Aber da sind dann auch die Bilder vom 4. November 1989 von der ersten offiziellen freien Demo auf dem Alexanderplatz. „Kein Ego(n)ismus“, „Wir sind keine Fans von Egon Krenz“ und „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ unter einem Bild von Krenz als grinsendem Wolf, als neuer Honecker im Nachthemd aus dem Märchen. „Nichts hat mich im Leben härter getroffen als mein Ausschluss aus der Partei“, sagt er, wie erwähnt, im Film. Auch nicht seine vier Haftjahre wegen der Mauertoten zwischen 1999 und 2003 in Moabit.

Und offenbar auch nicht die Lebensläufe, die seine Partei auf dem Gewissen hatte. Dass es eine anders freie Jugend gab, die Krenz und seine Mitbetonköpfe für ihre Feinde hielten und danach behandelten, verschweigt der Film. Material wäre reichlich vorhanden, aus dem damaligen Underground und aus Staatssicherheitsarchiven – Zelluloid vom Kap Arkona bis zum Fichtelberg. Was Pehnert zeigt, sind offizielle Bilder, Blauhemdpropaganda, in der er nach amüsierten oder skeptischen Gesichtern sucht, um FDJ und DDR gegen die offizielle Aufarbeitungslinie zusammenzuschneiden.

„Antirussismus“ und „Russophobie“ – außer im Osten

Er versucht es auch mit Ironie. Mit Ausschnitten aus Defa-Western mit dem Oberindianer Gojko Mitic im tragischen Klassenkampf der Rothäute als heldenhafter Märtyrer. Die Rockband Renft singt zwischen „Liebe und Zorn“ von 1972: „Revolution/ Ist das Morgen schon im Heute/ Ist kein Bett und kein Thron/ Für den Arsch zufriedner Leute/ Denn sie leben in dem Sinn/ Dass der Mensch dem Menschen wert ist/ Dass der Geist der Komune/ Dem Genossen Schild und Schwert ist.“ Renft war auch der Feind. Die Band wurde verboten, sie zerstreute sich im Westen. Jetzt darf sie in einem Film, der „Kommunist“ heißt, wieder singen.

Was hat all das wiederum mit dem Geschenk von Egon Krenz zu tun, mit dem schilfgrünen Wartburg? Wir nannten ihn „Egons milde Gabe“. Dabei war er, nach westlichen Maßstäben, gar nicht geschenkt. Wir haben ihn bezahlt. Aber was waren 20.000 Mark der DDR auf einem Schwarzmarkt für Gebrauchtwagen in D-Mark, für kostbare Autoanmeldungen, die wie Aktien gehandelt wurden, und für seltene Gebrauchsgüter als Zahlungsmittel? Nichts. Der Wartburg war eine menschliche Geste. Ein mächtiger Mann gewährte sie, weil er einem kleineren Mann, mit dem er mitfühlte, der ihn beeindruckte und der, wie er, allein bei Wind und Wetter im Wald unterwegs war, helfen wollte. Auch im Film ist Krenz ein Mensch, der Gutes tun will und dabei ständig an Grenzen stößt, die das System ihm setzt. Er mag ein Kommunist sein, aber es gibt keinen Kommunismus.

Sein zweites Mantra lautet heute noch, wenn er in Damgarten zwischen den alten Neubaublöcken sitzt, in denen seine Mutter lebte, bis sie starb: Die DDR war menschlich und gerecht. Das war sie eben nicht. Wäre ihr Humanismus mehr gewesen als der Glauben, eine bessere Gesellschaft aufzubauen, hätte sie Menschen, die weniger glühend daran glaubten und womöglich sogar daran zweifelten, nicht zu Gegnern des Staates und ihres Systems erklärt. Zu Gestrigen, zu Unmenschen. Wäre die DDR gerecht gewesen, hätte Egon Krenz uns keinen Wartburg schenken können. Auf „Weisung des MALF“, des Ministeriums für Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau, aus „operativer Reserve 1978“. Ist die Welt, in der wir heute leben, ungerechter und unmenschlicher? Wäre die DDR dann eine bessere?

In seiner „Berliner Zeitung“ schimpfte Egon Krenz zum 8. Mai vor einem Jahr gegen den westlichen „Antirussismus“ und die westdeutsche „Russophobie“. Im deutschen Osten sei der Bruderbund noch immer so eng wie lebendig, weil es in der DDR die DSF gab, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft, und weil sich die Thälmann- und die Leninpioniere wie die FDJler und die Komsomolzen gegenseitig Briefe schrieben. Denkt er wirklich, in der DDR wären „Antirussismus“ und „Russophobie“ nicht virulent gewesen? Hält er die russischen Flaggen bei den Montagsaufmärschen zwischen Pirna und Torgelow tatsächlich für das Erbe seiner Herzensheimat? Und die Ostalgie, die Populisten aller Art im Osten ansprechen, für den Beweis, dass er nie falsch lag?

Egon Krenz hat zwar im sogenannten Plattenbau gelebt, bis das Politbüro ihn in den Achtzigern nach Pankow umsiedelte. Aber erstens waren in der DDR auch Neubauwohnungen ein Privileg. Unsere Nachbarn waren Schriftsteller und Schlagersänger, Stasi-Offiziere und Staatsdiener. Zweitens war es auch möglich, neben 29 Mietparteien in einem Hausaufgang und Hunderten im Block zu leben, ohne ihr Leben zu kennen und es kennen zu wollen. Einmal hat es Krenz versucht.

„Kommunist“ kommt am 11. Juni in die Kinos.

Vielleicht verpasst