Köln – Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass die Ampel an der Kreuzung in Hürth auf Rot schaltete. Matwej D. (21) soll trotzdem Gas gegeben haben und mit seinem BMW in eine Schülergruppe gerast sein. Ein 10-jähriges Mädchen und ein Betreuer (25) starben. Am Mittwoch kehrte der Angeklagte an den Unfallort zurück. Nicht allein. Mit ihm Staatsanwaltschaft, Richter, Verteidiger und weitere Prozessbeteiligte. Das Gericht wollte sich selbst ein Bild vom Ort der Tränen machen.
Am 18. Mai 2026 begann vor dem Landgericht Köln der Prozess gegen Matwej D. Dem polizeibekannten Mann werden fahrlässige Tötung und mehrfache Körperverletzung vorgeworfen. Am Mittwoch fand die Verhandlung nicht im Gerichtssaal statt, sondern die Prozessbeteiligten begutachteten die Ampel-Kreuzung in Hürth, um besser verstehen zu können, wie es zu dem Unfall mit zwei Toten am 4. Juni 2025 kommen konnte.
Angeklagter schaute während des Termins weg
Kurz vor 12 Uhr sperrte die Polizei die vielbefahrene Straße in Hürth. Gleich zu Beginn des außergewöhnlichen Verhandlungstages ein ergreifender Moment: Die beiden Familien der getöteten Schülerin Avin und des Schulbegleiters Luis Paulo umarmten sich am Unfallort. Matwej D. hielt sich während des Termins meistens im Hintergrund auf und schaute weg.
An diesem Prozesstag ging es vorrangig darum, ob und ab wann der Angeklagte die Gruppe von Schulkindern und Begleitern sehen konnte, da es an der Unfallstelle bergauf geht. Für den Test wurde ein Auto verwendet, das sonst die Präsidentin des Kölner Landgerichts nutzt.
Konnte der Unfallfahrer die rote Ampel sehen?
Das Fahrzeug wurde deshalb in mehreren Distanzen zur Ampel in Position gebracht. Außerdem stellte sich eine Gruppe von Polizisten an der Fußgängerampel auf, wo am Unfalltag die Schüler standen. Danach setzten sich Richter, Staatsanwälte und der Verteidiger nacheinander auf den Fahrersitz, um zu überprüfen, von welcher Stelle aus die Fußgängergruppe zu sehen ist.
Schließlich ließ der Vorsitzende Richter Wolfgang Schorn einen Fahrer den Testwagen mit 57 km/h an der Unfallstelle vorbeifahren. Mit dieser Geschwindigkeit soll der Angeklagte damals in die Schülergruppe gekracht sein.
Angeklagter mehrfach vorbestraft
Seinen Angaben am ersten Verhandlungstag zufolge sei der Angeklagte bei Gelb auf die Ampel zugefahren. Dann habe er nach links geschaut und es sei zu dem Unfall gekommen. Ein Sachverständiger gab jedoch an, dass die Ampel auf Rot umschaltete, als Matwej D. rund 60 Meter von der Unfallkreuzung entfernt gewesen sei. Drogen oder Alkohol hatte der Mann nicht zu sich genommen, ergaben Tests. Matwej D. ist bereits mehrfach nach Jugendstrafrecht vorbestraft.
Familien der Opfer an Unfallstelle
„Es ist ein furchtbarer Ort, aber ich musste heute hier sein, um dies für meine Tochter zu tun“, sagt Farah Ramsi (45), die Mutter der zehnjährigen Avin, zu BILD. Sie war während des Verhandlungstermins an der Unfallstelle. Nach dem Tod ihrer Tochter entschieden sich die Eltern, die Organe des Mädchens zu spenden. Auch die Organe von Luis Paulo wurden nach seinem Tod gespendet und retteten damit Leben.
Der Prozess wird in den kommenden Tagen fortgesetzt.