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Was das Flugabwehr-Problem der Ukraine für den Krieg bedeutet

· War chronicles

Binnen weniger Tage hat Russland die ukrainische Hauptstadt zwei großen Luftangriffen unterzogen. Zwischen Donnerstag und dem heutigen Montag setzte das russische Militär bei Angriffen auf die Ukraine nach ukrainischen Angaben insgesamt 989 Flugkörper ein. 801 von ihnen konnten demnach abgeschossen oder per Störsignal abgelenkt werden: eine Abfangquote von mehr als 80 Prozent.

Doch diese 80 Prozent sind sehr ungleich verteilt: Während fast alle Drohnen (801 von 847) und auch ein Großteil der eingesetzten Marschflugkörper (81 von 95) den Zahlen aus Kyjiw zufolge abgewehrt werden konnten, sieht es mit der Abwehr ballistischer Raketen deutlich schlechter aus. Beim Großangriff in der Nacht zum Donnerstag schoss das Militär vier ballistische Raketen ab – von 24, die Russland abgefeuert hatte. 

In der Nacht zum Montag schließlich setzte Russland 23 ballistische Raketen ein. Abgeschossen wurde davon, wie die Luftwaffe in Kyjiw einräumt, keine einzige. In Kyjiw wurden mehrere Wohnhäuser getroffen, laut Bürgermeister Vitali Klitschko wurden in der Hauptstadt zwölf Menschen getötet und mehr als 50 verletzt. Die satellitenbasierte Feuerkarte der Nasa zeigt mehrere Brandherde in und nahe Kyjiw. 

Abfangraten für ballistische Raketen brechen ein

Damit setzt sich ein Trend fort, der schon seit mehr als einem Jahr zu beobachten ist: Während die Ukraine ihre Abwehr von Drohnen zuletzt verbessern konnte – nicht zuletzt dank eigener Entwicklungen wie günstiger Abfangdrohnen – und auch bei Marschflugkörpern Abfangquoten zwischen 60 und 90 Prozent erzielt, fällt dem Land die Verteidigung gegen ballistische Raketen deutlich schwieriger.

So konnten im Januar den Zahlen des ukrainischen Militärs zufolge noch 40 Prozent der ballistischen Raketen abgewehrt werden. Im Mai waren es nur noch 26 Prozent – immerhin neun Prozentpunkte mehr als zwischendurch im April. Seit Beginn dieses Monats liegt die Abfangquote bei nur acht Prozent. Auf diesem niedrigen Niveau könnte sie im für die Ukraine schlimmsten Fall auch in den kommenden Monaten bleiben.

Der Grund dafür ist so naheliegend, dass das ukrainische Militär gar nicht erst versucht, ihn zu verbergen. Luftwaffensprecher Jurij Ihnat beklagte ein »gewisses Defizit« an Abfangraketen für das Luftverteidigungssystem Patriot. Das US-System ist das Einzige im ukrainischen Arsenal, das zuverlässig ballistische Raketen abwehren kann. Denn anders als Marschflugkörper fliegen solche Raketen in großer Höhe und mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit. 

Um sich gegen sie zu verteidigen, hatte die Ukraine vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren immer wieder um Lieferungen des Patriot-Systems gebeten. Seitdem erhielt sie mindestens neun Patriot-Staffeln, zu denen jeweils mehrere Werfer gehören, von denen wiederum jeder mit vier Abfangraketen beladen werden kann.

Irankrieg verschärft Versorgungsengpass

Das sind nicht genug Patriot-Systeme, um die ganze Ukraine zu schützen – doch in der Theorie ausreichend für den Schutz der Hauptstadt. Die Systeme können der Ukraine jedoch nicht helfen, wenn das Land nicht genug Abfangraketen für sie besitzt. Die aber sind Defizitware, nicht nur in der Ukraine, sondern auch weltweit: Pro Jahr werden nur etwa 600 solcher Raketen produziert. Hersteller Lockheed Martin will die Produktion zwar auf 2.000 jährlich steigern. Doch das ist ein Langzeitprojekt. Die Ukraine braucht sie jetzt.

Russland produziert nach Schätzungen des ukrainischen Militärgeheimdiensts HUR mehr als 800, womöglich gar mehr als 1.000 ballistische Raketen jährlich. Die Ukraine bräuchte also die gesamte Weltproduktion an Patriot-Abfangraketen, um sie alle abwehren zu können. Und das, nachdem schon der russische Angriff 2022 viele Länder dazu verleitet hat, ihre eigene Flugabwehr zu verbessern. Zusätzlich hat der Krieg der USA und Israels gegen den Iran die Lage verschärft: Die USA und ihre Verbündeten im Golf haben binnen weniger Wochen mehr als 1.600 Patriot-Abfangraketen verfeuert, um die iranischen Gegenangriffe abzuwehren. Es wären also nach derzeitigem Stand drei Jahresproduktionen nötig, allein um die Bestände auf das Niveau vor dem Irankrieg aufzustocken – den ukrainischen Bedarf gar nicht erst mit eingerechnet.

Für die Führung in Kyjiw kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits kurz nach Beginn des Irankrieges darauf verwiesen, dass die USA und die Golfstaaten mehr Flugabwehrraketen verfeuert hätten, als sein Land seit Kriegsbeginn erhalten hat. Seitdem hat der Staatschef seine Warnungen vor drohenden russischen Luftangriffen intensiviert: In Videobotschaften warnt er seine Landsleute vermehrt vor drohenden Angriffen, zuletzt am Mittwochabend. Wenige Stunden später begann die russische Attacke.

Lückenhafte Flugabwehr kann Chancen auf Verhandlungen schmälern

Die Warnungen des Präsidenten gelten nicht nur den Ukrainerinnen und Ukrainern. Sondern auch den Unterstützerstaaten des Landes – sie seien sogar die »wichtigsten« Adressaten, sagte Luftwaffensprecher Ihnat. Auch bei bilateralen Treffen spreche der Präsident mit den Regierungen Europas und der USA immer wieder darüber, wie dringend er die Patriot-Raketen benötigt. Für die Öffentlichkeit einsehbar sind derweil Selenskyjs regelmäßige Appelle auf X. So auch nach den russischen Angriffen am Montag: »Solange Patriot-Raketen in den Beständen unserer Partner lagern, wird Russland nur ermutigt, Wohngebäude (anzugreifen)«, schrieb Selenskyj. Kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara am Dienstag und Mittwoch forderte er dort »starke Entscheidungen«. Klartext: Bitte mehr Raketen, jetzt.

Der Präsident betont immer wieder, dass mehr Flugabwehrraketen weniger getötete Zivilisten bedeuteten. Das ist korrekt, doch wird der Bedeutung des Themas nicht vollständig gerecht. Denn der Zustand der ukrainischen Luftverteidigung könnte sich als zentral für die Pläne Russlands erweisen – und damit auch für die Versuche, einen Verhandlungsprozess einzuleiten, der zu einem Waffenstillstand führen soll. 

Nach den gescheiterten Versuchen der US-Regierung, zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln, wollen mehrere große europäische Staaten einen solchen Prozess einleiten. Unter ihnen auch Deutschland. »Die Zeit ist da, um Verhandlungen aufzunehmen, die Frontlinie einzufrieren und das Töten zu beenden«, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Ende Juni bei einer Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Polen. »Russland wird diesen Krieg nicht gewinnen.« Die Ukraine sei inzwischen in einer deutlich stärkeren Verhandlungsposition als im vergangenen Jahr. 

Hintergrund der Hoffnungen von Merz und seinen EU-Amtskollegen ist die Situation an der Front: Russlands Vormarsch stockt seit Monaten, der Ukraine gelangen mehrere Gegenangriffe. Das ukrainische Militär isoliert zunehmend die seit 2014 besetzte Krim und unterbricht Russlands Nachschub zur Front. Einzelne Beobachter wie der US-Thinktank CSIS schätzen, dass Russlands Verluste die der Ukraine in den vergangenen Monaten um das Achtfache überstiegen. Wladimir Putin rekrutiert zwar weiterhin knapp 30.000 neue Soldaten pro Monat; an der Front werden jedoch mehr getötet oder verletzt. Derweil sorgen ukrainische Attacken auf Russlands Ölproduktion für Benzinmangel in den meisten Regionen Russlands.

Die Verwundbarkeit der Ukraine ist Putin bewusst

Die Ukraine hat in den vergangenen zwei Jahren immer wieder klargemacht, dass sie ein Patt an der Front für die Mindestvoraussetzung hält, um Putin zu Verhandlungen zu drängen: Erst wenn er nicht mehr damit rechnen könne, durch eine Fortsetzung der Kämpfe mehr Gebiet zu erobern, werde er von seinen Territorialforderungen ablassen, so die Theorie. Selenskyj soll ukrainischen Berichten zufolge ein Ende der Kämpfe bis November für möglich halten. 

Und an genau dieser Stelle erschließt sich die Bedeutung der ukrainischen Flugabwehr. Denn der russische Staatschef hat bereits im vergangenen Winter schwere Schäden an der ukrainischen Infrastruktur, insbesondere am Energienetz des Landes, verursacht. Aus Putins Sicht wäre es ein Geschenk an seine Gegner, einen Waffenstillstand noch vor dem kommenden Winter einzugehen. Damit würde er sich der Möglichkeit berauben, das Land noch ein weiteres Mal unter Druck zu setzen, die eigene Position zu stärken – und auch das Narrativ der internationalen Berichterstattung zu verändern: Weniger Meldungen über Russlands Probleme an der Front, mehr Bilder ukrainischer Städte ohne Strom bei Minus 20 Grad. Die berichtet derweil unter Berufung auf regierungsnahe russische Quellen, Putin wolle mindestens bis Februar 2027 keine neuen Verhandlungen. Nicht zuletzt an fehlenden Flugabwehrraketen könnten die Hoffnungen Selenskyjs und der EU-Regierungen zerschellen.

Nicht nur die Ukraine ist sich dieses Problems sehr bewusst. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilte kurz nach der Attacke auf Kyjiw mit, sich beim Nato-Gipfel in Ankara am Dienstag und Mittwoch für mehr Flugabwehr einzusetzen. Die Nachrichtenagenturen Reuters und dpa berichten zudem über Pläne des Militärbündnisses, der Ukraine bei dem Gipfel 140 Milliarden Euro für militärische Ausrüstung in diesem sowie im kommenden Jahr zuzusagen. 60 Milliarden davon sind durch einen bereits beschlossenen Kredit der EU gedeckt. Wie weit die Ukraine damit kommt, hängt jedoch davon ab, wie viele Raketen die USA bereit sind, zu verkaufen. Diese Bereitschaft dürfte nach dem Irankrieg stark gesunken sein. Und das wiederum ist nicht nur der Ukraine und ihren Unterstützerstaaten bewusst – sondern auch Putin.