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Tel Aviv – Es ist der Schuss in den Kopf eines palästinensischen Terroristen, der die Gegensätze zwischen Gadi Eisenkot und Benjamin Netanjahu sichtbar macht. Im März 2016 greift ein palästinensischer Terrorist israelische Soldaten mit einem Messer an. Er wird angeschossen und liegt verletzt am Boden. Minuten später erschießt ihn der 19-jährige Soldat Elor Azaria.

Generalstabschef Eisenkot rechtfertigt damals den Prozess gegen den Soldaten: Die Tötung eines außer Gefecht gesetzten Angreifers widerspreche den Werten der Armee. Netanjahu hingegen stellt sich hinter Azaria und fordert später dessen Begnadigung. Tatsächlich hat Israels Staatspräsident Jitzchak Herzog den Soldaten im September 2026 begnadigt.

Der Fall ist ein Thema im aktuellen Wahlkampf. Eisenkot hat sich zum aussichtsreichsten Herausforderer Netanjahus bei der Parlamentswahl am Dienstag entwickelt. Seine Anhänger sehen in seiner Haltung damals einen Beleg für seine moralischen Standards. Netanjahus Unterstützer hingegen stellen Eisenkot als zu weich und zu links dar.

„Die Kampagne gegen mich hat begonnen“, sagt Eisenkot bei einem Wahlkampfauftritt. Seine Stimme ist heiser, seine Attacken sind scharf: „Netanjahu greift seine Gegner immer wieder auf dieselbe Weise an und behauptet: Nur Netanjahu sorgt für Sicherheit.“ Ironisch fügt er hinzu: „Das haben wir ja am 7. Oktober gesehen.“

Eisenkot fordert eine unabhängige Untersuchung des Versagens von Militär, Geheimdiensten und Politik beim Hamas-Massaker. Netanjahus Regierung wehrt sich dagegen.

Der 66-jährige Eisenkot ist kein charismatischer Redner wie Netanjahu. Mit seiner kräftigen Statur wirkt er wie ein Koch, den man aus der Küche geholt hat, um mit den Gästen zu sprechen. Doch er strahlt Vertrauenswürdigkeit aus. Während Netanjahu ein Korruptionsprozess begleitet, gilt Eisenkot als außergewöhnlich integer. Der Rentner Josef Benjamin hört Eisenkot bei dem Wahlkampfauftritt konzentriert zu. Sein Urteil: „Eisenkot ist ein Mann aus dem Volk, ein guter Mann. Netanjahu hingegen regiert wie ein König. Er ist nicht mehr gut für Israel und sollte abtreten.“

Eisenkot wuchs als Sohn jüdischer Einwanderer aus Marokko in bescheidenen Verhältnissen auf und arbeitete sich vom Infanteristen zum Generalstabschef hoch. Ernannt wurde er ausgerechnet von Netanjahu.

Besonders nahbar macht Eisenkot eine Familientragödie: Im Dezember 2023 wird sein 25-jähriger Sohn Gal Meir bei einem Einsatz gegen die Hamas im Gazastreifen getötet. Auch zwei Neffen fallen im Krieg. Eisenkot spricht im Wahlkampf wenig darüber. Doch die Israelis wissen, welches Opfer seine Familie gebracht hat. Netanjahus Sohn Yair hingegen blieb in Florida, während Hunderttausende Israelis zum Kriegsdienst eingezogen wurden.

Eisenkot verkörpert den Schmerz Israels – und die Hoffnung, dass ausgerechnet ein ehemaliger Militärchef Frieden bringen könnte. Manche vergleichen ihn mit Jitzchak Rabin, der ebenfalls Generalstabschef war, bevor er Premierminister wurde.

Doch Militär und Politik folgen anderen Gesetzen. Ex-Generalstabschef Ehud Barak zum Beispiel hielt sich als Premier nur 20 Monate im Amt. Militärhistoriker Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jerusalem sagt zu BILD: „In der Armee konnte Ehud Barak Untergebene anschreien, wenn sie ihm nicht gehorchten. In der Politik laufen einem die Leute dann einfach davon.“

Eisenkot hält Orbach für einen anderen Typ: „Eisenkot ist sehr gewissenhaft und zutiefst patriotisch.“ Er könne Israels beschädigte Beziehungen zu Europa und den US-Demokraten reparieren.

Doch Kritiker werfen Eisenkot vor, als Mitglied des Kriegskabinetts im Gazakrieg zu nachgiebig gewesen zu sein. Solche kritischen Stimmen versuchen Eisenkot und sein Kampagnenteam mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft zu überspielen. Sogar die Musik passt dazu. Bei seiner Veranstaltung läuft ein alter israelischer Friedenssong. „Alles wird gut“, tönt es aus den Boxen.