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Volkswagen will eine seiner wertvollsten Industrieperlen verkaufen: Everllence, bis 2025 MAN Energy Solutions, der König der Weltmeere. Das Unternehmen baut unter anderem riesige Schiffsmotoren, Kolosse, groß wie ein Haus, mehr als 100.000 PS stark, bis zu 50 Millionen Euro teuer.

Jetzt will der VW-Konzern 51 Prozent seiner Augsburger Tochterfirma abgeben. Erhoffter Erlös: mehr als vier Milliarden Euro! Frisches Geld, das der strauchelnde Auto-Gigant anscheinend dringend benötigt. Denn: Der Umbau zur Elektromobilität ist teuer, die Märkte bröckeln, Umsätze schwinden, die Kosten sind zu hoch.

Doch noch muss VW um den Mega-Deal zittern. Hinter den Kulissen läuft mit den Bietern ein Poker und mittlerweile dreht sich vieles um eine Geheim-Akte bei Everllence. Ihr Name: „Balthazar“.

Nach BILD-Informationen geht es dabei um behördliche Ermittlungen in Japan, manipulierte Verbrauchswerte bei großen Zweitakt-Schiffsmotoren und die Frage, ob daraus noch Schadenersatzansprüche gegen Everllence entstehen. Nach BILD-Recherchen sollen sich die Haftungsrisiken bei „Balthazar“ auf einen Milliardenbetrag belaufen. Dies bestätigen zwei mit dem Vorgang vertraute Personen unabhängig voneinander.

Damit wird aus einem Verkauf plötzlich eine heikle Wette: Wie viel ist Everllence wert, wenn im Hintergrund eine potenzielle Milliarden-Bombe tickt?

Die Brisanz zeigt sich schon am Umgang mit den Papieren. Nach Informationen von BILD wurden die „Balthazar“-Unterlagen im Datenraum für Kaufinteressenten besonders abgeschirmt. Jeder Vertreter eines Bieters, der sie einsehen wollte, musste persönlich eine zusätzliche Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben.

Noch sind drei Finanzinvestoren im Rennen: Bain Capital aus den USA, CVC mit Deutschland-Chef Alexander Dibelius (66) sowie ein Konsortium aus EQT, der Porsche SE und dem katarischen Staatsfonds.

Besonders die Porsche SE steht bei dem Deal unter Beobachtung. Die Holding der Familien Porsche und Piëch ist mit 53,3 Prozent der Stimmrechte der wichtigste Volkswagen-Aktionär. In dieser Konstellation spielt Hans Dieter Pötsch (75) die Schlüsselrolle. Er ist seit mehr als zehn Jahren Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen und zugleich Chef der Porsche SE. Pötsch kontrolliert also den Verkäufer – und bietet zugleich für Everllence mit.

Die Interessen sind klar: Die Porsche SE ist hoch verschuldet und auf VW-Dividenden angewiesen, um Zinsen und Kredite zu bedienen. Eine mögliche Sonderdividende aus dem Everllence-Deal wäre deshalb hoch willkommen.

Warum ist „Balthazar“ nun so gefährlich? In Japan laufen seit 2024 Ermittlungen der Behörden zu falschen Verbrauchswerten bei Schiffsmotoren. Mehrere Hersteller machten Unregelmäßigkeiten bei Messungen öffentlich. Heikel: Unter den betroffenen Unternehmen sind Hitachi Zosen Marine Engine und IMEX – Lizenznehmer der MAN Energy Solutions, die 2025 in Everllence umbenannt wurde. Die japanischen Firmen durften MAN-Motoren produzieren und verkaufen.

Nach einem Bericht von ShippingWatch hat Hitachi Zosen 1.366 seit 1999 auf Schiffen installierte Motoren untersucht. Ergebnis: Nur zwei Motoren wiesen vollständig korrekte Energieeffizienzwerte auf. In den übrigen Fällen sollen Testdaten manipuliert worden sein. Software-Programme sollen Kunden bei Prüfungen einen anderen Kraftstoffverbrauch angezeigt haben als den tatsächlichen. Ein Diesel-Skandal auf den Weltmeeren.

Bei großen Schiffsmotoren sind Verbrauchswerte bares Geld. Reeder, Werften und Finanzierer kalkulieren über Jahrzehnte. Schon kleine Abweichungen können über die Lebensdauer eines Frachters oder Tankers Millionen kosten. Die gefälschten Angaben betreffen direkt die Leistungs- und Effizienzversprechen der MAN-Technologie. Wenn ein Motor mehr Kraftstoff verbraucht als zugesagt oder dokumentiert, drohen Streit, Schadenersatzforderungen – und im Verkaufsprozess Abschläge beim Kaufpreis.

BILD konfrontierte VW und Everllence mit „Balthazar“ und dem Milliarden-Risiko. Auf Anfrage bestätigte ein Sprecher: „Der Projektname ,Balthazar‘ steht im Zusammenhang mit einer Prüfung zu einzelnen Geschäftspartnern von Everllence.“

In einem Statement betont das Unternehmen, dass die betroffenen Motoren nicht von Everllence selbst gebaut, die Tests nicht von Everllence durchgeführt wurden. „Dem Unternehmen sind keine Schadensersatzansprüche oder behördlichen Verfahren gegen Everllence oder Mitarbeiter von Everllence im Zusammenhang mit diesem Sachverhalt bekannt“, heißt es in dem Statement.

Aber: Zu Haftungsrisiken und entsprechenden Gesprächen mit den Bietern äußerte sich das Unternehmen auch auf Nachfrage nicht.

Nach BILD-Recherchen verhandeln VW und die Everllence-Bieter aber derzeit intensiv über die Aufteilung der Haftungsrisiken, die im „Balthazar“-Projekt stecken. Dabei gilt offenbar die Formel: Je mehr Risiken Volkswagen übernimmt, desto mehr kann der Autobauer für Everllence kassieren.