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Und dann erhebt sich das Publikum für Peter Handke

· Culture

In den vergangenen Jahren tat sich das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eher schwer, aus dem Schatten der sensationellen Opernproduktionen herauszutreten. Es ist daher nicht ohne Ironie, dass sich die Schauspielsparte gerade dieses Jahr nicht verstecken muss – im Jahr der Unruhe: Festspielchef Markus Hinterhäuser wurde kurzerhand geschasst, nachdem es zu Unstimmigkeiten bei der Nachfolge einer von ihm demontierten Schauspieldirektorin kam.

Das Programm trägt noch seine Handschrift: Hinterhäuser übernahm interimistisch die Planung für das Schauspiel. Er engagierte Ulrich Rasche für „Faust I“ und holte außerdem Uraufführungen von Peter Handke und Elfriede Jelinek nach Salzburg. Zum Auftakt zeigt sich das Publikum schwer begeistert.

Mit „Faust I“ beweist Rasche, dass es im deutschsprachigen Theater zurzeit wohl kaum jemanden gibt, der solche Atmosphären bauen kann wie der 1969 geborene Regisseur. Als er 2023 „Nathan der Weise“ auf der Pernerinsel in Hallein inszenierte, fielen neben dem üblichen Drehbühnendauerlauf vor allem die raffinierten Lichtarrangements auf, die er vergangenes Jahr bei den Festspielen mit seiner umjubelten Operninszenierung „Maria Stuarda“ zu ungekannten Höhen trieb.

Mit „Faust I“, ab dem Herbst auch am Münchner Residenztheater zu sehen, kehrt Rasche nun auf die Pernerinsel zurück und setzt in die Mitte seiner Drehscheiben zwei monumentale, bewegbare Lichtwände, die an Installationen von Olafur Eliasson erinnern. Mit etwas Bühnennebel und der Unterstützung von je einem Dutzend Scheinwerfern rechts und links entstehen daraus Lichtstimmungen, in denen man sich zu gern für immer und ewig versenken möchte.

Ein Faust ohne Welt

Auftritt Steven Scharf als Faust: Ein Anzugträger (Kostüme Annika Lu), der sich mehr über die Bühne schleppt, als dass er geht. Es plagt sich der Mensch, solange er geht. Vorspiel und Prolog sind allerdings gestrichen. Es beginnt direkt mit dem berühmten „Habe nun, ach!“, nur wie bei einer Schallplatte in verminderter Geschwindigkeit. Selten hat sich die erste Szene von Goethes großem Epos trotz vieler Striche so lang angefühlt, so bedeutungsbeschwert und trotzdem leer (sehr leichtfüßig hatte hingegen Nicolas Stemann vor 15 Jahren beide Teile auf der Pernerinsel inszeniert).

Als sich Faust wie noch öfter an dem Abend in den Korridor zwischen den beiden Lichtwänden verirrt, taucht in seinem Rücken Valery Tscheplanowa als Mephisto auf. Man sieht die Szene wie bei einer Überwachungskamera, es wirkt wie eine düstere Mischung aus David Lynch und Bruce Nauman. Ist Mephisto ein unheimlicher Doppelgänger von Faust?

Nun stapfen sie zu zweit zum Sound von Alfred Brooks, später kommen noch Johannes Nussbaum als junger Faust, Anna Drexler als Gretchen und Max Rothbart als ihr Bruder Valentin hinzu. Rasche reduziert das Geschehen auf den inneren Triebkonflikt von Faust, was doch arg schematisch und klischeebehaftet wirkt. Und die große und die kleine Welt, die Mephisto zu zeigen verspricht? Sind eingedampft. Nur für eine kurze Walpurgisnachtszene werden die Regler einmal nach oben geschoben, während die Schauspieler oben ohne sind.

Ein Faust ohne Welt, der nur um sich selbst kreist. Das ist auf die Dauer von dreieinhalb Stunden vor allem deswegen ermüdend, weil der Text nur wie eine Soundfläche wirkt, ohne Bedeutung. Warum nicht gleich ohne Text, als choreografische Installation aus Licht, Körper, Raum und Sound? Das wäre radikaler gewesen. So erweist sich Rasches atmosphärischer Höhepunkt zugleich als sein dramaturgischer Tiefpunkt. Der Begeisterung im Publikum tut das jedoch keinen Abbruch, es gibt viele Bravo-Rufe.

Peter Handke, unterwegs auf der Sprachinnenseite

Wie ein Gegengift zu Rasches Triumph der Technik wirkt Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“, das Uraufführung im Salzburger Landestheater feiert. Wo bei „Faust I“ alles von der semantischen Bedeutung wegstrebt und in seiner überwältigenden Monumentalität für sich stehen will, geht es bei Handke um das heiter-melancholische Spiel mit eben jener Bedeutung. „Im Weltspiel mittun, wenn auch nicht à la ‚Faust‘“, heißt es in dem Text.

Am Anfang steht nicht die Tat, sondern das lyrische und ohnmächtige Wort. Wie zwei traurige Clowns der Sprachspielerei tauchen Jens Harzer und Marina Galic, auch abseits der Bühne ein Paar, in das innere Zwiegespräch ein. Wie sich die beiden Schauspieler in den Text, aber immer wieder auch ineinander verbeißen, ist oft erstaunlich lustig und doch auch ernst.

Auch wenn sich bei „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ nichts dreht, es nur zwei Lichtstimmungen gibt und das Bühnenbild von Anja Rabes kurz vor der Premiere noch fachgerecht zertrümmert wurde, ist in der feinen Inszenierung von Jossi Wieler viel Rhythmus drin. Eher Free Jazz als monotoner Techno. Der Abend ist, typisch für Handke, auf der Sprachinnenseite der Welt unterwegs, mit den kaum verhohlenen, gemischten Gefühlen aus Weltekel und Sinnsehnsucht.

Darin ist sich der Literaturnobelpreisträger seit 60 Jahren, seit der Uraufführung von „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt, treu geblieben. In „Schnee von gestern, Schnee von morgen“, das Ende August ins Repertoire des Berliner Ensembles wandert, ruft Handke die Urbilder seiner Sprache auf und ermisst die „Dauer der Nachbilder bei geschlossenen Augen“. Es sind fragmentarische Reflexionen eines nur noch in der Sprache Behausten, auf der Suche nach einem offenen Gesicht. Wie Harzer und Galic das auf die Bühne bringen, ist umwerfend.

Zum Schlussapplaus kommt Handke selbst auf die Bühne. Der 83-Jährige herzt die Schauspieler und erhebt – ironisch drohend? – seinen Stock. Der Saal erhebt sich, unter den Zuschauern ist an diesem Abend auch der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Van der Bellen, mit 82 Jahren die gleiche Generation wie Handke, hielt am Vortag vor zahlreichen prominenten Gästen eine viel beachtete Rede über Heimat.

Mit dem Heimatbegriff werde viel „gefährlicher Blödsinn“ getrieben, sagte der Bundespräsident beim Festakt zur Eröffnung der Festspiele. Er erinnerte anhand seiner eigenen Familiengeschichte daran, dass sich Heimat und Offenheit nicht ausschließen. Heimat kann man im Dialekt finden, wie er es im Tiroler Kaunertal erlebt habe, aber auch in der Kunst, so Van der Bellen weiter. Was Van der Bellen politisch hochhält, macht Handke literarisch: Es ist der Versuch, in dieser Welt heimisch zu werden – ohne sie zu beschädigen oder jemandem dabei die Luft zum Atmen zu nehmen.

Bei den Salzburger Festspielen läuft „Faust I“ bis zum 6. August und „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ bis zum 5. August.