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Prag – Kaum ein Staatschef versteht so viel vom Krieg wie er: Tschechiens Präsident Petr Pavel (64) war einst Generalstabschef seiner Armee und schließlich der mächtigste General der Nato. Jetzt lenkt er die Tschechische Republik durch die Russland-Krise – und ist tief besorgt.

Im großen Exklusiv-Interview warnt Pavel vor einem Krieg mit Russland und fordert Europa zu Verhandlungen mit Kreml-Diktator Wladimir Putin (74) auf. Den russischen Herrscher hält Pavel für falsch informiert und paranoid.

Das sagte Pavel über …

… direkte Gespräche mit Moskau: „Wie kann man über europäische Sicherheit sprechen, ohne die Europäer einzubeziehen? Deshalb glaube ich, dass wir zunächst alles tun sollten, um – und mit ‘wir’ meine ich uns Europäer – eine klar formulierte Vorstellung für Verhandlungen zu entwickeln.“

… mögliche Verhandlungsführer: Zunächst brauche Europa „eine interne Debatte über eine umfassendere europäische Position“. Konkret: „Was wollen wir damit erreichen? Und im Anschluss an diese Debatte sollten wir eine Person oder eine Gruppe von Personen bestimmen, die für Europa sprechen würde. Nicht unbedingt Vertreter der EU oder der Nato, sondern einfach politische Führungspersönlichkeiten, die von den anderen ein Mandat erhalten würden, Verhandlungen zu führen.“

Europa muss Putin ein „Bonbon“ anbieten

… warum die Europäer bei Amerikanern und Russen außen vor sind: „Sie nehmen Europa nicht ernst. Weil sie sehen, wie gespalten wir sind, wie schwach wir sind, wie lange es bei uns dauert, bis wir überhaupt eine Entscheidung treffen. Wenn wir das nicht sehr schnell ändern, werden wir irrelevant sein.“

… was wir Putin anbieten könnten: „Wenn wir einen Prozess in Gang setzen, der zu einem Ende des Konflikts in der Ukraine führen würde, dann gäbe es keinen Grund, weitere hybride Angriffe zu starten, insbesondere wenn am Ende ein Bonbon wartet. Und wenn ich von einem Bonbon spreche, meine ich die Wiederaufnahme von Wirtschaftsbeziehungen, Zusammenarbeit und Handel, was für Russland ziemlich verlockend ist.“ Die Bedingung: ein Waffenstillstand in der Ukraine.

„Putin wird in mehrfacher Hinsicht falsch informiert“

… Russlands Kriegsmüdigkeit: „Ich glaube, dass auch Russlands Ressourcen erschöpft sind, insbesondere nach einem so langen Konflikt, der inzwischen viel länger dauert als der Zweite Weltkrieg. Die soziale Lage dort ist wirklich nicht gut, die wirtschaftliche Lage ist sehr düster.“

… Moskaus Kriegsprobleme: „Russland verliert jeden Monat Zehntausende Soldaten. Allein im September waren es rund 50.000 getötete und verwundete Soldaten, in nur einem Monat. Das übersteigt bei Weitem das Tempo, in dem Russland seine Personalverluste durch Rekrutierung ausgleichen kann.“

… Putins Geisteszustand: „Er vertraut nicht vielen Menschen. Außerdem hat er geradezu obsessive Angst davor, getötet zu werden. Und wenn er nur von einer begrenzten Zahl von Menschen umgeben ist, können diese ziemlich erfolgreich die Informationen filtern, die sie ihn hören lassen wollen.“ Die Folge: „Ich glaube, er ist nach wie vor davon überzeugt, wahrscheinlich sogar aufgrund der Berichte seiner Militärführung, dass die Operation erfolgreich verläuft. (…) Ich glaube, dass er in mehrfacher Hinsicht falsch informiert wird.“

Moskau will „neue Flüchtlingsbewegung in europäische Länder“ auslösen

… das Ziel des Kreml: „Das Leben in der Ukraine unerträglich zu machen und möglicherweise sogar eine neue Flüchtlingsbewegung in europäische Länder auszulösen. All das soll schlicht demonstrieren, dass die Ukraine nicht gewinnen kann, dass Russland sich durchsetzen kann, indem es den Menschen dort das Leben unmöglich macht.“

… wie lange der Krieg noch dauern kann: „In diesem Tempo würde der Krieg auf unbestimmte Zeit weitergehen, weil keine der beiden Seiten gewinnt. Es ist eine Art moderner Erster Weltkrieg mit einer Todeszone, in der es praktisch keine Bewegung gibt.“

… Europas schweren Fehler: „Einige Länder zögerten, gepanzerte Fahrzeuge zu liefern, dann Munition mit großer Reichweite, dann Raketen, dann Flugzeuge. Und das kostete die Ukraine nicht nur Territorium, sondern vor allem Tausende und Abertausende Menschenleben. Hätten wir die Ukraine von Anfang an in demselben Umfang unterstützt, hätte der Krieg ganz, ganz anders ausgesehen.“

„Offener militärischer Konflikt“ mit Russland möglich“

… einen Konflikt Europa vs. Russland: „Wenn wir so weitermachen wie bisher, könnte es zu einer Eskalation kommen, die schließlich zu einem offenen militärischen Konflikt führen würde.“ Aktuell sei es ein hybrider Krieg: „Das Ziel dieser Kampagne besteht vor allem darin, Zwietracht in der EU und der Nato zu säen, Misstrauen gegenüber unseren Institutionen zu schüren, aber auch uns davon abzubringen, die Ukraine zu unterstützen.“

… Putins Behauptung, die Nato wolle Russland angreifen: „Ich kann bestätigen, dass ich noch nie – obwohl ich über die höchste Sicherheitsfreigabe der Nato verfügte – einen Plan gesehen habe, der auf eine Offensive auf russischem Territorium abzielte. Einen solchen Plan habe ich nie gesehen. Alle Nato-Pläne sind defensiv.“

… die verpasste Chance auf eine Waffenruhe: „Ich glaube, wir waren dieser Situation ziemlich nahe“, so Pavel. Das „abgestimmte Vorgehen“ von USA und Europa gegen Russlands Wirtschaft habe „positive Ergebnisse“ gezeigt, „Russland stand unter Druck“. Der Präsident weiter: „Ich denke, wenn wir das gleiche Tempo hätten beibehalten können, dann hätte es eine Chance gegeben, Russland zu einer Waffenruhe zu bewegen. Jetzt hat Russland wieder eine Atempause bekommen. Durch Geld aus den Vereinigten Staaten für Öl, durch Hinweise darauf, dass es eine Bereitschaft zu einer Einigung ohne Europa, ohne die Ukraine geben könnte. Jetzt wird es viel schwieriger, weil Russland diese Gelegenheit nutzt, um sich dem Druck zu entziehen, und das ist für Russland eine Art moralischer Auftrieb.“