Sie will Sex haben, er will mit Sex nach oben
Sehr ruhiger Beginn: Ein riesiger Sattelschlepper steht mitten im Bild. Nichts passiert. Bis Schreie zu hören sind, offenbar aus dem Laster. Im Laderaum sind mexikanische Flüchtlinge. Im Dunkeln ringen sie nach Atem. Dann geht die Tür auf, Lichter weisen den Weg in eine Freiheit, die USA heißt.
Anders als seine Mitmigranten hat der nachnamenlose Fernando (Isaac Hernández) ein Ziel und eine Berufung. Er macht sich auf nach San Francisco, wo das noch leere Haus von Jennifer McCarthy (Jessica Chastain) wartet. Fernando hat genug Zeit, sich in der minimalistischen, aber auch völlig persönlichkeitslosen Bleibe umzusehen. Die Rothaarige mit dem Porzellanteint kommt nach Hause. Gierig wird geliebt.
Und ebenso schnell steht der Elefant im Raum. Fernando ist das illegale, unerwartet aufgetauchte Boytoy der reichen Philanthropin, die nichts anderes macht, als professionell und glatt mit viel Geld das Werk ihres Vaters umzusetzen. Dazu gehört offenbar auch eine Ballettschule in Mexiko-Stadt, wo sie sich den hübschen Kerl ausgesucht hat. Zu ihm bekennen will sie sich zu Hause nicht, Fernando bleibt im Dunkel der Anonymität, unterbrochen von heftigem Sex. Sie glänzt im hellsten Charity-Licht.
Das Beziehungsdrama „Dreams – Gefährliches Verlangen“ wurde schon 2025 bei der Berlinale uraufgeführt, und obwohl es erst jetzt in die deutschen Kinos kommt, wird sein Plot durch die realen, mitunter tödlichen Hetzjagden von Donald Trumps vermummten ICE-Schergen auf vorgeblich illegale Latinos noch einmal drängender.
Dass der Mexikaner tanzt und überaus begabt ist, erfährt man erst nach einem Drittel des vierten Films des gefeierten Mexikaners Michel Franco. Es wurde, obwohl mit Isaac Hernández, der als Solist mit dem San Francisco Ballet und dem Dutch National tanzte und inzwischen als erster mexikanischer Solist mit dem American Ballet Theatre in New York Triumphe feiert, einem der besten Tänzer weltweit besetzt, kein Ballettfilm. Was schade ist. Denn mit dem Tanz als noch stärker ins Zentrum gerückter Metapher für das Fliegen und die Kraft der Träume wäre dieser dann bei aller Nuanciertheit und der Kraft seiner bewusst distanzierten Bildsprache doch spröde, ja kalte Film um einiges leidenschaftlicher und glaubwürdiger geworden.
Hernández mag als Ballerino ein toller Romeo sein und im Zeitgenössischen brillieren, ein guter Schauspieler ist er nicht. Und er wirkt mit seinen 36 Jahren auch zu alt, um glaubwürdig als begabter Latino-Underdog seinen Traum zu leben von der Ballettkarriere, die Grenzen und Behörden überwindet. Liebt er eigentlich Jennifer? Wir sind nicht dabei gewesen, als sie sich kennengelernt haben. Sie sind geil aufeinander, bei ihm aber aus Berechnung?
Michel Franco lässt das offen, wie so vieles. Er zeigt aber, so bitter wie nüchtern, das Auf und Ab dieser ungleichen Beziehung, in der das Geld regiert und (fast) alles möglich macht. Vor allem durch ihre exquisite Garderobe drückt sich Jennifer aus, weniger durch ihr Handeln. Fernando entflieht ihr schnell, weil er nicht nur Anhängsel sein will, sucht sich Arbeit in einem Motel, knüpft selbst Verbindungen zur Direktion des San Francisco Ballet, die von ihm begeistert ist und alles versucht, ihn auf legalem Weg zu engagieren.
Er kehrt dann aber doch zu Jennifer zurück, die freilich erlebt, dass ihr ungleicher Partner in ihrer Familie (den ebenfalls im Charity-Business steifgewordenen Bruder spielt Rupert Friend) nicht erwünscht ist. Hätte sie sich nicht etwas Besseres aussuchen können? Fernando emanzipiert sich zusehends und versucht, sein eigenes Leben aufzubauen. Das wiederum kann Jennifer, die gewohnt ist, alles zu bekommen, nicht ertragen. Sie verpfeift ihn bei den Behörden, er wird abgeführt und ausgewiesen. Wieder in Mexiko, wo sie für Fernandos Eltern ein Haus besorgt hat und selbst Hof hält, will sie sich als seine Retterin und Gönnerin aufspielen, ihm eine eigene Ballettkompanie aufbauen, ganz bei ihm leben.
Er will mit Sex aufsteigen, sie will Sex haben. Hirngespinste einer unausgefüllten reichen Frau. Jessica Chastain trägt die Spiellast dieser Geschichte, die eben kein Erotikthriller, aber auch keine Moralitätsfabel geworden ist, fast ganz allein auf ihren fragilen, aber starken Schultern. Und sie tut das bravourös. Auch wenn die Story nicht wirklich klar macht, warum sie so handelt, wie sie es tut in ihrer sehr amerikanischen Wohlstandsverwahrlosung.
Chastain spielt das spannungsvoll-entspannt mit einer gelassenen Müdigkeit, die trotzdem immer wieder zu Ausbrüchen verloren geglaubter Emotionen führt. Alles in ihr ist noch nicht tot. Und als Fernando, ein wenig dem Klischee der Latino-Vendetta folgend, sie einsperrt und erniedrigt, lässt sie es geschehen. Prinzesschen gefällt sich als Aschenbrödel. Bis ihre Familie sie errettet und das zerstört, was Fernando am wichtigsten ist: seinen Körper. Für Jennifer ist die mexikanische Affäre abgeschlossen.
Im realen Balletttänzerleben war Isaac Hernández übrigens mit der spanischen Ballerina Tamara Rojo zusammen, die das wirkliche San Francisco Ballet leitet und ebenfalls um einiges älter ist als er. Doch auch diese Beziehung hat nicht funktioniert.
„Dreams – Gefährliches Verlangen“ läuft ab 23. Juli in den Kinos.