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Sie suchen ein Buch, in dem man wohnen kann? Hier ist es!

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Geständnis: Für das, was landläufig „Realismus“ genannt wird – also Romane, in denen über viele Hundert Seiten die Alltagsprobleme erfundener Menschen geschildert werden – fehlt dem Schreiber dieser Zeilen schlicht die Geduld. Noch allergischer reagiert er auf realistische Romane, in denen es um die Eheprobleme wildfremder Leute geht; für derlei interessiert er sich schon im wirklichen Leben kaum. Am schlimmsten findet er: realistische Romane, in denen sich Eheprobleme mit Weltschmerz verbinden. Stimmt, der Mensch ist sterblich und die menschliche Geschichte tragisch. So what?

Somit hätte er den Roman „Buckeye“ von Patrick Ryan angewidert aus der Hand legen müssen. Aber er konnte nach der ersten Seite nicht mehr aufhören und las bis Seite 648 weiter (so lang nämlich ist die deutsche Übersetzung). Sylke Tempel – eine Freundin des Rezensenten, die leider nicht mehr lebt – pflegte solche Romane „Wohnbücher“ zu nennen: Bücher, in denen der Leser oder die Leserin eine Zeit lang wohnt, aus denen man nie wieder ausziehen möchte, bei denen man bekümmert feststellt, dass der ungelesene Teil immer dünner wird. „Buckeye“ von Patrick Ryan ist beglückend, erschütternd und weise, abgrundtief lustig und himmelhoch traurig.

Das mag daran liegen, dass es kein ganz und gar realistischer Roman ist: Becky, eine der Heldinnen, kann mit den Toten reden. Becky lebt in Bonhomie, einem Kaff in Ohio, und sie macht kein großes Gewese um ihre Gabe. Sie nimmt auch kein Geld dafür. Aber sie hilft Leuten, die auf ein letztes Wort ihrer Lieben aus dem Jenseits hoffen.

Ihr Mann Cal hält das alles für Quatsch. Sein Unglaube, könnte man sagen, setzt den Plot des Romans in Gang, denn er führt zu einer tiefen Entfremdung zwischen den Eheleuten. Diese Entfremdung ist die Tür, durch die eine andere Frau in Cals Leben tritt: eine rothaarige Schönheit namens Margaret. Margarete wurde als Kind von ihrer Mutter ausgesetzt und lebt nun unglücklich mit einem schwulen Mann namens Felix zusammen, der sein Schwulsein heroisch unterdrückt. „Buckeye“ ist nämlich ein historischer Roman: Er spielt hauptsächlich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Fünfzigerjahren, als Schwulsein in den Vereinigten Staaten noch als Verbrechen galt.

„Das Wichtigste auf der Welt“

Was aber ist eigentlich ein Buckeye? Ein Baum: eine Rosskastanienart, die nicht in Europa wächst. Da sie in Ohio weitverbreitet ist, wurde „Buckeye“ zum Schimpfwort für die Einwohner dieses Bundesstaates; die haben die Beleidigung dann mit Stolz als Ehrentitel reklamiert. Im Roman ist Buckeye aber vor allem der Spitzname von Tom, dem rothaarigen Sohn von Margaret, der seiner Mutter verteufelt ähnlich sieht. Offiziell gilt Felix als sein Vater – tatsächlich ist Buckeye aber das Resultat des erwähnten Seitensprungs von Margarete und Cal. Als Tom gezeugt wurde, war Felix gerade Offizier der Kriegsmarine im Pazifik, wo er eine Affäre mit einem Soldaten hatte. Felix’ Geliebter ertrinkt während eines japanischen Torpedoangriffs: Felix überlebt und ist danach ein Gezeichneter. Niemand kennt das Geheimnis außer Margaret.

Tom wird schon als Kind der beste Freund von Skip, dem legitimen Sohn von Cal und Becky – und ahnt nicht, dass Skip sein Halbbruder ist. Später im Roman, wir befinden uns mittlerweile in den Sechzigerjahren, meldet Skip sich freiwillig zum Kriegsdienst in Vietnam. Und fällt. So ist dies unter anderem auch ein Roman über die zwei Kriege, die Amerika im 20. Jahrhundert gezeichnet haben, den Zweiten Weltkrieg und den Vietnamkrieg. Patrick Ryan hält sich zum Glück mit auktorialen Kommentaren zurück. Die kritischen Glossen zum Zeitgeschehen übernimmt Everett, Cals versoffener Vater, der wie ein Einsiedler lebt und wütende Briefe an den jeweiligen Präsidenten in die Schreibmaschine hackt.

Wer den Roman auf diese Weise nacherzählt, hat in Wahrheit nichts von dem wiedergegeben, was seine Lektüre so beglückend macht. Alle Romanfiguren wirken real; der Leser lebt mit ihnen wie mit alten Bekannten. Mit Cal, der eines verkrüppelten Fußes wegen nicht in den Krieg ziehen muss. Mit Felix, der seine Frau wirklich liebt, es aber kaum schafft, mit ihr zu schlafen. Mit Becky, die ihre Gabe selber nicht begreift und im Kern sehr bodenständig ist. Die Guten in dieser Geschichte sind alle nicht ganz gut, und die Bösen sind niemals nur böse. Die schrecklichste Entscheidung in „Buckeye“ trifft Margaret: Nachdem sie Felix ihre Affäre gebeichtet und sein Geheimnis erfahren hat, packt sie ihre Koffer und verlässt Mann und Kind, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Aber auch Margaret ist im Grunde keine Rabenmutter; sie ist einsam, ratlos, blind, erledigt.

Erzählt wird diese Geschichte in einer schönen, präzisen, rhythmischen Prosa, und ganz am Schluss des Buches gibt es eine Passage, die geht so. „Wieder und wieder hatte sie“ – gemeint ist Becky, die mit Verstorbenen reden kann – „erfahren, dass die Toten zumeist Liebe und Verzeihung vermittelten. Daraus konnte sie nur schließen, dass diese beiden Dinge das Wichtigste auf der Welt waren … Jenseits all der Freude, des Zanks, des Betrugs und des Verzichts, jenseits all der Kämpfe auf der Welt und in Amerika, all dieses menschlichen Elends, wurden Botschaften der Liebe und Verzeihung über die Kluft zwischen den Lebenden und den Toten hin- und hergeschickt. Diese Botschaften bedeuteten alles; sie bildeten ein Gegengewicht zur Welt.“ Eigentlich geht so etwas nicht. Wenn man sie aus ihrem Kontext löst, erstarrt eine solche Passage sofort zu Kitsch. Es zeugt von der Güte von Patrick Ryans Roman, dass die Passage, weil sie von der Erzählung beglaubigt wird, im Kontext kein Kitsch ist, sondern ein Trost.

Bleibt am Ende die Kardinalfrage: Ist „Buckeye“ etwa der große amerikanische Roman, auf den wir alle zur 250-Jahr-Feier der amerikanischen Republik gewartet haben? Einerseits nein, weil es den großen amerikanischen Roman bekanntlich längst gibt. (Er heißt „Moby Dick“ und stammt von Herman Melville.) Andererseits aber auch ja. Bedeutende amerikanische Romane zeichnen sich seit jeher dadurch aus, dass sie auf einem winzigen geografischen Areal spielen: Yoknapatawpha County (William Faulkner). Newark (Philip Roth). Feliciana Parish (Walker Percy), St. Petersburg (Mark Twain). Der Trick dabei war natürlich immer, dass in der tiefsten Provinz die wichtigsten Menschheitsfragen abgehandelt wurden, dass sie Schauplätze antiker Tragödien und moderner Tragikomödien wurden, dass es immer auch um Gott und die Welt ging.

Patrick Ryan reiht sich mit seinem Buch in die ehrwürdige Tradition des amerikanischen Provinzialismus ein. Sein fiktives Städtchen Bonhomie, das auf der Landkarte irgendwo zwischen Columbus und Toledo liegt, gehört ab sofort auf die exklusive Liste der amerikanischen Menschheitsdörfer. „Buckeye“ ist, wenn schon nicht der große amerikanische Roman, so doch der große Roman des Bundesstaates Ohio.

Patrick Ryan: Buckeye. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Ullstein, 656 Seiten, 26 Euro.