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Tel Aviv (Israel) – Nazis in Palästina. Hakenkreuzfahnen, Hitlerjugend und NSDAP-Ortsgruppen: Ausgerechnet im Heiligen Land bauten deutsche Siedler in den 1930er-Jahren ein Netz von Nazi-Organisationen auf.

Diese absurde Kombination erforschte der Historiker Dr. Ralf Balke (64) und schrieb 1997 seine Doktorarbeit darüber. Sie ist bis heute die wichtigste Arbeit zu diesem Thema. Der Titel: „Die Landesgruppe der NSDAP in Palästina“.

BILD erreicht Balke in Tel Aviv, wo er sich gerade für zwei Monate aufhält. Der Historiker erzählt, dass er für seine Arbeit unter anderem noch 1995 den ehemaligen NSDAP-Ortsgruppenleiter von Jerusalem, Ludwig Buchhalter, interviewen konnte. Buchhalter wurde 1910 in Alexandria in Ägypten geboren. Das Interview fand in Leonberg bei Stuttgart statt, Buchhalter war damals 85. Ein alter, unverbesserlicher Nazi. Balke: „Er hatte mich vorher am Telefon gefragt, ob das ,Weltjudentum‘ meine Doktorarbeit finanzieren würde. Ich sagte: ,Leider nicht!‘“

Die Mitgliedskarte von Ludwig Buchhalter und anderen NSDAP-Mitgliedern im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina können BILD-Leser mit BILDplus im digitalen Archiv finden.

2500 nichtjüdische Palästina-Deutsche

2500 nichtjüdische Palästina-Deutsche lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in dem Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer. 70 Prozent waren Mitglieder der sogenannten „Tempel-Gesellschaft“, einer Abspaltung der württembergischen Landeskirche. Balke: „1868 waren die ersten aus Deutschland nach Haifa gekommen, weil man glaubte, dass in Europa die Apokalypse ausbricht und man nur im Heiligen Land sicher ist.“

Diese „Templer“ hatten in ganz Palästina verschiedene Siedlungen, die heute wohl bekannteste in Sarona in Tel Aviv – direkt gegenüber dem Hauptquartier der Armee und den bekannten Azrieli-Türmen. Jahrelang waren die Gebäude Ruinen. Heute befinden sich in den aufwendig restaurierten Templerhäusern schicke Boutiquen, Cafés und Restaurants. „Templer-Lala-Land“ nennt Historiker Ralf Balke das.

Die Nazis fassten schon 1931 im Heiligen Land Fuß. Der Haifaer Architekt Karl Ruff knüpfte die ersten Kontakte zur NSDAP. Von Hitlers Bewegung hatte er auch durch die antisemitische Hetzzeitung „Der Stürmer“ erfahren, die bis nach Palästina geliefert wurde.

Hoher Anteil an NSDAP-Mitgliedern

Balke: „Im Januar 1933 gab es fünf bis sechs Leute mit Parteibuch, später waren es 17 Prozent der erwachsenen Deutschen.“ Das war eine sehr hohe Zahl. In der restlichen Welt waren nur fünf Prozent der Auslandsdeutschen NSDAP‑Mitglieder. „Die Partei hat dann sukzessive die Kontrolle über die Gemeinden übernommen, unter dem Landesgruppenleiter Cornelius Schwarz, der sah aus wie ein Hollywood-Nazi, überhängt mit Orden“, erzählt Balke weiter.

Eine besondere Zeit für die Palästina-Deutschen begann während des arabischen Aufstands zwischen 1936 und 1939. Damals griffen arabische Aufständische des britischen Mandatsgebiets zunehmend Juden und Engländer an. „Cornelius Schwarz empfahl allen Deutschen, auch Nicht-Parteimitgliedern, mit Hakenkreuz-Abzeichen herumzulaufen, damit man sie nicht mit Juden oder Engländern verwechselt“, erzählt Balke. Arabische Führer hatten damals gehofft, von Nazi-Deutschland Waffen zu bekommen. Deshalb ließen sie die Deutschen in Ruhe.

Palästina-Nazis kamen nach Australien

Kurz bevor Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel und der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden mehr als 200 Palästina-Deutsche mit einem griechischen Schiff über Athen nach Deutschland gebracht. Balke: „Die anderen wurden von den Briten interniert – zunächst zusammen mit Juden, die auch noch deutsche Staatsbürgerschaften hatten.“ Ungefähr 500 nichtjüdische Palästina-Deutsche seien dann wegen des Afrika-Vormarsches von Rommel nach Australien gebracht worden. „Da feierten sie dann bis April 1945 Hitlers Geburtstag im Outback“, erklärt Balke. Andere wurden gegen Juden ausgetauscht, die bei Kriegsausbruch in Europa gestrandet waren und schon Einreisepapiere für das britische Mandatsgebiet Palästina hatten.

Die letzten Palästina-Deutschen mussten im April 1948, kurz vor der israelischen Staatsgründung, das Land verlassen. Balke: „Der Staat Israel musste danach die Palästina-Deutschen für ihr verlorenes Eigentum entschädigen. Ludwig Buchhalter etwa bekam 60.000 D‑Mark. Diese Entschädigungen hatten die Deutschen als Forderung in die Verhandlungen über Wiedergutmachungs-Zahlungen eingebaut.“

Dabei grub Balke teils absurde Zeitdokumente aus: etwa ein Papier der Hitlerjugend-Ortsgruppe Haifa, die Hebräischkurse anbot – in der Sprache der ihnen verhassten Juden. Oder einen Bericht über einen Milchwagen auf dem Weg zu einer deutschen Templer-Siedlung, der manchmal auch jüdische Passagiere mitnahm. Balke: „Die mussten dann während des arabischen Aufstands die Hakenkreuzflagge schwenken, damit die Araber nicht schießen.“