Mit den Mitteln der Literatur gegen Israel
Das Palästinensertuch liegt auf dem Armaturenbrett wie eine Schlange vor dem Biss. Der Fahrer herrscht seine Schwester an, sie solle es verschwinden lassen; die Straße runter komme ein Checkpoint. In ihrer Unschuld versteht sie nicht, warum. Erst als die Soldaten winken, schiebt sie das Tuch unter den Sitz. Es folgt eine Schikane. Ein paar Kilometer weiter stürmen vermummte arabische Jungen mit Steinen auf den Wagen zu, da springt der Bruder hinaus und schwenkt dieselbe Kufiya. Die Angreifer verschwinden im Nebel. So beginnt Adania Shiblis neuer Roman, und in dieser kurzen Szene steckt bereits sein ganzes Programm: Dasselbe Zeichen rettet und gefährdet, je nachdem, wer hinsieht.
„Täuschung“ (Hanser, 208 S., 24 Euro) erzählt zwei Leben, von der ersten Intifada bis in die Oslo-Jahre. Sie ist Schülerin, dann Studentin, Reinigungskraft, Übersetzerin. Er sitzt vier Jahre, weil er aufrührerische Parolen gesprüht hat, und verdingt sich danach als Strandreiniger, Lehrling, schließlich Holzschnitzer. Ein Name wird beiden vorenthalten. Sie müssen sich mit Funktionen begnügen, als erstrecke sich die Besatzung auch auf die Sprache.
Im Unterricht lernt die Schülerin, das arabische Wort für Metapher sei „Ausleihung“. Das ist die Betriebsanleitung des Romans: Shibli borgt sich ihre Bilder, biegt sie nach Belieben und gibt sie zurück, sobald sie ausgedient haben. Die Ameisen, die über eine traurige Orange herfallen wie über ein fremdes Land, leisten bald dem Jungen in seiner Einzelhaft Gesellschaft – vier Jahre gibt es für die Graffiti. Nicht nur in den Gefängnissen zwitschern die Spitzel. Shibli lässt prompt einen „Zwitscherer“, nun tatsächlich einen Vogel, über den Schulhof hüpfen.
Vor drei Jahren wurde über Shibli schon einmal erbittert gestritten. „Eine Nebensache“, ihr erster auf Deutsch erschienener Roman, erzählt von der Ermordung eines Beduinenmädchens durch israelische Soldaten im Negev des Jahres 1949. Maxim Biller nannte das Buch zu Recht „ein unliterarisches Stück Propaganda“. Dem Kommandanten, dessen Trupp arabische Eindringlinge erschießt, verweigerte der Roman jede Psychologie; auf der anderen Seite standen wehrlose Frauen.
Im neuen Buch lassen sich die Israelinnen nicht so leicht durchschauen. Die Kommilitonin aus dem Mathekurs vertraut der stillen Heldin an, ihr Vater sei gar kein Jude. An einem Checkpoint beschimpft sie die Soldaten. Dann verschwindet sie aus dem Roman; im Wohnheim öffnet niemand mehr, am Telefon behauptet der Bruder, sie sei nicht da. Ähnlich die nächste Israelin, die ihren Müll seit Jahren in der eigenen Wohnung entsorgt. Nächtelang tippt sie der Heldin die Seminararbeiten und bessert das Hebräisch aus. Monate später stellt sie im Auto fest, alle Palästinenser seien Terroristen.
Der Junge verbringt derweil eine Nacht am Strand mit einer jungen Israelin. Er tischt ihr das Märchen auf, er leite das Büro für Quallenbestattung. Bei Sonnenaufgang gesteht er, Palästinenser zu sein und den Strand zu putzen. Sie flieht wortlos. Noch am selben Vormittag wird er entlassen. Ein Sprung um zwei Jahrzehnte in eine alternative Zukunft: Hausarrest und Haft. Deutlich zitiert Shibli den Fall Sabbar Kashurs, den ein Jerusalemer Gericht 2010 wegen „Vergewaltigung mittels Irreführung“ verurteilte, weil er sich als Jude ausgegeben hatte. Die Herkunftslüge machte einvernehmlichen Sex zum Verbrechen.
Die Heldin hingegen hat ihr gerolltes R beim amerikanischen Siedlerfreund der Familie ganz unabsichtlich aufgeschnappt. So hält man sie an der Universität für eine Amerikanerin – und lässt sie bestehen.
Das vertraute Prinzip Shiblis, radikale Politik im Gestus der Unschuld zu verbrämen, zeigt sich durchweg: Eines Abends führt die Arbeitgeberin ihre Reinigungskraft in ihr Büro mit Blick über die Lichter der Stadt. Die Räume gehören einem amerikanischen Millionär, der israelisch-palästinensische Kulturprojekte zur Friedensstiftung finanziert. An dieser Stelle entwirft der Erzähler im Konjunktiv mögliche Widersprüche – als feile ein Komitee der Boykottbewegung BDS an einem Paper. Nach einigem Schwadronieren über Kolonial- und Besatzungsverhältnisse heißt es, den Palästinensern fehle nicht Geld, sondern Freiheit. Jede Beschwichtigung sei als Normalisierung abzulehnen. Man kennt den Sermon; er wird nicht besser, wenn er sich als Literatur ausgibt.
Solche westlichen Reaktionen hat dieser zutiefst passiv-aggressive Roman indes schon eingebaut. Ein Journalist, mit dem die Protagonistin ein Verhältnis hat, erklärt dem Holzschnitzer sein Handwerk, als wäre der ein unfähiges Kind. In seinen Artikeln werden Palästinenser nicht ermordet, sie sterben bloß. Das ist eine Falle für die Rezeption, nicht ungeschickt gebaut, vor allem aber unredlich. Zudem ist es ein Text ohne Kontext. Die Selbstmordanschläge auf israelische Linienbusse, die die Osloer Jahre begleiteten, streift der Roman in einem einzigen Satz. Als Debattenbeitrag disqualifiziert er sich.
Und als Literatur? Das Geschwurbel mit den Natur- und Tiermetaphern ermüdet schon nach wenigen Seiten. Am Ende steht die Heldin vor einer Pinie, die seit dreißig Jahren keine Jahresringe mehr bildet und deren Nadeln dennoch grün sind wie die der lebenden Bäume. Der Wind fährt hinein, und das Wehklagen wird lauter und lauter. Wer damit wohl gemeint ist?