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Wien (Österreich) – Der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek (46) hat behauptet, am Sturz des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz (40) beteiligt gewesen zu sein. Das geht aus Ermittlungsunterlagen hervor, die dem Axel Springer Global Reporters Network vorliegen, zu dem BILD gehört. In einer Nachricht vom 22. Oktober 2021 erklärte Marsalek demnach, „wir“ hätten den früheren Kanzler „erfolgreich gestürzt“ – durch die Beschlagnahme eines Mobiltelefons, wie er behauptete. Kurz hatte 13 Tage zuvor seinen Rücktritt angekündigt.

War ein russisches Spionagenetzwerk am politischen Ende eines europäischen Regierungschefs beteiligt? Sollte Marsaleks Behauptung stimmen, wäre das ein Indiz für eine unmittelbare Einflussnahme des russischen Staates. Bewiesen ist eine solche Operation nicht.

Marsalek ist seit 2020 auf der Flucht

Marsalek ist seit dem Wirecard-Zusammenbruch im Juni 2020 auf der Flucht. Damals fehlten in der Bilanz des Zahlungsdienstleisters rund 1,9 Milliarden Euro. Er wird wegen Betrugs gesucht. Zudem ermitteln Behörden in mehreren europäischen Ländern wegen Spionage gegen ihn. Er soll seit Jahren für russische Nachrichtendienste gearbeitet haben.

Adressat der Nachricht war Orlin Roussev. Er führte eine Spionagegruppe, die in Großbritannien im Auftrag Russlands agierte. Roussev wurde später zu zehn Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Nach Erkenntnissen britischer Ermittler soll er Anweisungen von Marsalek erhalten haben, der unter dem Decknamen „Rupert Ticz“ kommunizierte.

„Hexenjagd durch das Team des Kanzlers“

Zunächst schrieb Marsalek über einen Mann, der eine Zeit lang „für uns gearbeitet“ habe. Dieser sei nun Opfer einer „Hexenjagd durch das Team des ehemaligen Kanzlers“ geworden. Dann behauptete Marsalek, „wir“ hätten Kurz „erfolgreich gestürzt“, indem das Handy eines Freundes des Politikers beschlagnahmt worden sei. Dieser Freund habe die „geheime Wahlkampffinanzierung“ verwaltet. Ob Marsalek damit dieselbe Person wie zuvor meinte, bleibt offen.

Marsalek verschickte auch einen Link zu einem Artikel über die Korruptionsvorwürfe gegen Kurz. Darin ging es auch um das Mobiltelefon von Thomas Schmid, einem engen Vertrauten des Kanzlers und früheren Spitzenbeamten des österreichischen Finanzministeriums. Österreichische Ermittler hatten Schmids Mobiltelefon bereits am 12. November 2019 beschlagnahmt – fast zwei Jahre vor Marsaleks Nachricht. Die Ermittler sicherten zahlreiche Chats, darunter zuvor gelöschte Nachrichten. Sie wurden zu wichtigen Beweismitteln in Korruptionsermittlungen, unter anderem zu politischen Postenbesetzungen und staatlichen Werbeausgaben.

Durchsuchung im Bundeskanzleramt

Am 6. Oktober 2021 durchsuchten Ermittler das Bundeskanzleramt, das Finanzministerium und die ÖVP‑Parteizentrale. Es ging um den Verdacht, Steuergeld sei für politisch vorteilhafte Umfragen und Medienberichte verwendet worden. Am 9. Oktober kündigte Kurz seinen Rücktritt an.

In derselben Unterhaltung schrieb Marsalek, das Ganze sei eine „ziemlich chaotische Geschichte“. Über weitere Nachrichten auf dem Handy erklärte er im englischen Original: „And the rest of the chats ‘killed' the chancellor“ – die übrigen Chats hätten den Kanzler politisch „gekillt“.

Viele Einzelheiten der Affäre waren zu diesem Zeitpunkt bereits aus Medienberichten bekannt. In den österreichischen Unterlagen halten die Ermittler fest: „Unmissverständlich erklärte MARSALEK, dass ‚sie‘ in einer erfolgreichen Operation den Kanzler ‚gestürzt‘ hätten.“ Und weiter: „MARSALEK gab somit gegenüber ROUSSEV zu, an der Beschlagnahme dieses Mobiltelefons beteiligt gewesen zu sein.“ Die Unterlagen liefern keinen unabhängigen Beweis dafür, dass Marsalek die Beschlagnahme tatsächlich organisiert hat. Zudem blieb nach Einschätzung der Ermittler unklar, ob Marsalek mit „für uns“ Wirecard oder einen russischen Nachrichtendienst meinte.

Kurz über Verbindung nach Russland geschockt

Kurz wollte die Nachrichten und die Bewertung der Ermittler auf Anfrage nicht kommentieren. Aus seinem Umfeld hieß es, er habe die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets für politisch motiviert gehalten und sei schockiert gewesen, als er von einer möglichen Verbindung zu Russland erfuhr.

„Erkenntnisse sind besorgniserregend“

Der britische Labour-Abgeordnete Graeme Downie, Mitglied des Verteidigungsausschusses, bezeichnete die Erkenntnisse gegenüber dem Telegraph (gehört wie BILD zu Axel Springer) als „besorgniserregend“. Putins strategisches Ziel sei es, Demokratien grundlegend voneinander zu spalten. Dies sei Teil eines größeren Musters russischer Einflussnahme in Europa. Besonders in Großbritannien beobachte man Versuche, die Demokratie zu destabilisieren.

Die britische Polizei stellte bei der Festnahme von Mitgliedern des Spionagenetzwerks Hunderttausende Nachrichten sicher. Ein Teil des Materials wurde an österreichische Ermittler übermittelt. Sie untersuchen, ob Angehörige österreichischer Nachrichtendienste Informationen an Marsalek und damit an Russland weitergegeben haben.

Marsalek ist für europäische Behörden seit Jahren nicht erreichbar. Auch dieser Redaktion gelang es nicht, ihm eine Anfrage zur Stellungnahme zukommen zu lassen. Ein Sprecher des österreichischen Innenministeriums erklärte, man könne sich zu den laufenden Ermittlungen gegen Marsaleks Netzwerk nicht äußern. Das Bundeskriminalamt erteile weder Auskünfte zu laufenden Verfahren noch Informationen über einzelne Personen.