Ein Klang hält die Zeit an
Halberstadt wird das „Tor zum Harz“ genannt. Trotz der schweren Bombardierung am 8. April 1945, als 55 Prozent der Stadt in Sachsen-Anhalt zerstört wurden, hat sie ihren Charme bewahrt. Historische Teile wurden aufwendig restauriert, und die Fußgängerzone am Breiten Weg umfassend modernisiert. Kirchen zählen zu den größten Sehenswürdigkeiten Halberstadts. Der prächtige Dom im Stil der französischen Gotik und die Martinikirche mit ihren ungleichen Türmen prägen das Stadtbild. Und dann ist da noch die Sankt-Burchardi-Kirche. Sie besticht nicht durch Schönheit, sondern durch ihren ganz speziellen Klang.
Es hat nichts Feierliches, diese kreuzförmige romanische Kirche zu betreten. Kein Prunk, keine Gebetsbänke, keine noch so einfache Jesusfigur. Der Boden ist holperig, das Mauerwerk hat Risse und Löcher. Die Kirche wurde um 1050 erbaut und seitdem häufig zweckentfremdet. Mal diente sie als Scheune, mal als Brennerei und sogar schon als Schweinestall. Weltbekannt wurde sie erst in diesem Jahrtausend – als die Heimat eines musikalischen Experimentes, des John-Cage-Orgel-Kunst-Projekts, eines eigenwilligen Konzerts, das erst im Jahr 2640 beendet sein wird.
Im Herzen der Sankt Burchardi steht eine eigens dafür angefertigte, sehr schlichte Orgel. Ein Gebläse sorgt für einen ununterbrochenen Luftstrom. Kleine Sandsäcke auf den Tasten halten einzelne Töne so lange wie nötig. Vor 25 Jahren wurde das Stück „Organ/Aslsp“ dort gestartet.
Geschrieben hat es der Amerikaner John Cage, er gilt als einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Für ihn war jedes Geräusch eine Art von Musik, das Ticken einer Uhr genauso wie das Rauschen des Windes. Cage veränderte bekannte Instrumente, um neue Klänge zu erzeugen, sie waren ihm wichtiger als Melodien. So steckte er Radiergummis oder Schrauben zwischen die Saiten eines Klaviers.
Mit seinem Stück 4’33’’ ging er einigen Kritikern zu weit. Ein Musiker setzte sich vier Minuten und 33 Sekunden lang an einen Flügel, spielte aber keinen Ton. Die Musik sollte allein aus den Geräuschen der Zuschauer bestehen – aus deren Atmen, Rascheln, Flüstern.
1985 wurde Cage gebeten, ein Stück für einen Klavierwettbewerb in den USA zu schreiben. Er nannte es „Aslsp“ (As slow as possible – so langsam wie möglich) und gab dafür kein festes Tempo vor. Eine erste Aufführung auf dem Klavier dauerte 20 Minuten, auf der Orgel gespielt kam das Lied auf 29 Minuten, weil im Gegensatz zum Klavier Orgeltöne nicht verstummen.
1998 wurde eine Idee geboren, die in ihrem Irrwitz wohl sogar Cage imponiert hätte: Organisten, Orgelbauer, Musikwissenschaftler, aber auch Philosophen und Theologen trafen sich zu einem Symposium für Orgelmusik im schwäbischen Trossingen und beschlossen, Cages Vision eines langsamen Stückes radikal auf die Spitze zu treiben. Sie legten für „Organ/Aslsp“ eine Geschwindigkeit fest, bei der das Lied 639 Jahre benötigen würde.
Langjähriger Hüter des Projekts wurde Rainer Neugebauer. Der 72-Jährige ist Historiker und Sozialwissenschaftler, wurde in Wilhelmshaven geboren und ging 1997 als Gründungsdekan nach Halberstadt. Er ist Vater der John-Cage-Orgel-Stiftung, nennt sich heute Seniorkurator und sagt: „Kunst muss mich neugierig machen, überraschen, mir Zeit schenken, mich verändern und zur Veränderung anregen, und John Cage ist für mich jemand, dem dies mit seinem Denken und seiner Kunst in höchstem Maße gelingt.“ Halberstadt zeichnete Neugebauer für sein Engagement bereits mit dem bedeutendsten Kulturpreis aus.
Wer Neugebauer am Domplatz besucht, fühlt sich wie in einem Walt-Disney-Film. Seine Wohnung gleicht einer verträumten alten Bibliothek. An ihrem Ende befindet sich die Küche – hier wird der Kaffee noch per Hand gemahlen. Die Einrichtung hat etwas sehr Märchenhaftes. Eine Mischung aus Museum und Antiquitätenladen, aus Magie und Vergangenheit.
Vom Domplatz führt ein 15-minütiger Fußweg zur Sankt Burchardi, vorbei am Museum und an der Crêperie. Die Stadt als Eigentümerin des Klostergeländes überließ der Cage-Stiftung die damals ungenutzte Kirche mietfrei für die gesamte Dauer des angelegten Konzerts. Zunächst wurde eine Balganlage mit elektrischem Gebläse gekauft, dann kam ein verkleinerter Nachbau der gotischen Faber-Orgel hinzu. „Sie wurde genauso gemacht, wie sie auch 1361 gebaut worden wäre“, erzählt Neugebauer. Mit geschmiedeten Nägeln und Baumwollstreifen als Dichtung. Insgesamt kommen 89 Pfeifen zum Einsatz. Sie sind in einem Stecksystem angebracht und funktionieren wie Fußballspieler – wer nicht mehr gebraucht wird, wird ausgewechselt.
Um 15 Uhr kommt ein gestrichenes A dazu
Es hat etwas Meditatives, dem Sound in der Kirche zu folgen. Der aktuell gespielte Siebenklang wird als eine Schwingung wahrgenommen, die mit jedem Schritt, mit jeder Kopfdrehung einen anderen Charakter erhält. Verantwortlich dafür sind vor allem die beiden Basspfeifen – und die eigene Empfindung. Wer bedächtig unter den Rundbögen des Chorumgangs hindurchläuft, ist auf der Suche nach etwas. Wonach – das muss jeder Besucher mit sich ausmachen. Entscheidend ist das Erlebnis eines Klanges, der nicht vor einem davonläuft oder danach hechelt, mit einem anderen Klang verschmolzen zu werden. Der Klang in Halberstadt schafft es, die Zeit anzuhalten – ein schönes Gefühl.
Am 5. August 2026 steht nach mehr als zwei Jahren um 15 Uhr der 17. Klangwechsel an. Ein gestrichenes A wird hinzugefügt. Zuletzt kam im Februar 2024 ein D dazu. Erst im Oktober 2027 und im April 2028 stehen weitere Klangwechsel an. Eine spannende Angelegenheit also, der viele beiwohnen möchten. Tickets werden für 200 Euro verkauft. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums gibt es vom 3. bis 9. August 2026 begleitende Gesangworkshops, Konzerte und Kunstausstellungen im Cage-Haus neben der Kirche.
Natürlich stellt das Cage-Projekt einen deutschen Rekord für das längste Musikstück auf. Was sind schon die 30 Minuten und 18 Sekunden auf Wolfgang Petrys „längster Single der Welt“ (Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde) gegen 639 Jahre? Das „Wall Street Journal“ nannte das Cage-Projekt ein Konzert, das nicht einmal Diehard-Fans durchstehen. Weltweit gibt es allerdings weitere solcher Projekte, das bekannteste startete der Rockmusiker Jim Finer (The Pogues) zur Jahrtausendwende.
„The Longplayer“ spielt ein Musikstück ohne Unterbrechung oder Wiederholung genau 1000 Jahre lang. Finer benutzt dafür 234 tibetische Klangschalen und Bronzegongs und folgt einem mathematischen, computergesteuerten Algorithmus. Er veranstaltet Konzerte, bei denen Musiker die Klangschalen vorübergehend von Hand bedienen. Heimat des Musikstückes ist das Lighthouse am Trinity Buoy Wharf in London.
Final-Tickets für das Jahr 2640
Finer erhält großzügige Fördermittel, er hat eine eigene Stiftung und ein Crowdfunding-Modell. Im Leuchtturm belaufen sich die täglichen Unkosten auf etwa 100 Pfund. Sponsoren können tageweise Patenschaften dafür übernehmen. In Halberstadt verfahren sie ganz ähnlich. Das ehrenamtlich betriebene Projekt finanziert sich ausschließlich über private Spenden, den Verkauf von Eintrittskarten und Merchandising sowie über Förderungen von Unterstützern und Stiftungen. 60.000 Euro verschlingt das Projekt jedes Jahr allein an Unkosten wie Heizung und Versicherungen. Eine Idee, an frisches Geld zu kommen, ist der Verkauf von sogenannten „Final-Tickets“ im Wert von 2640 Euro, einer Art Kunstaktie.
Die Summe ergibt sich aus dem Jahr, in dem der Schlussakkord ertönt, dem 4. September 2640, einen Tag vor John Cages 728. Geburtstag. Über einen Förderverein („Very much Cage“) kann man für 369 Euro Jahresbeitrag Premiummitglied werden. Staatliche Hilfe gibt es keine. Das Ehepaar Roland Richter und Karla Reinbacher-Richter hat spontan 10.000 Euro für Sofortmaßnahmen an der Kirche gespendet und unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz eine Rücklage in Höhe von 50.000 Euro für deren weiteren Erhalt hinterlegt.
Um die alte Kirche macht sich seitdem niemand mehr Sorgen. „Angst, sie könnte nicht so lange durchhalten, habe ich nicht“, sagt Neugebauer. Ungewiss ist vielmehr die Lebensdauer der Orgel. Normalerweise spielt keine Pfeife nonstop, in diesem Falle schon. Wie lange ertragen Lötstellen wohl permanente Schwingungen? Martin Schwarz ist Orgelbauer bei Karl Schuke. Die Berliner gehören zu den international renommiertesten Orgelbauunternehmen mit einer Tradition von über 200 Jahren. Schwarz sagt: „Der Orgel ist es egal, ob sie nonstop läuft. Es gibt genügend Renaissance-Orgeln, die 500 Jahre und älter sind.“
Ihm erscheint eher das Gebläse problematisch, sagt Schwarz. „Für gewöhnlich hält es etwa 80 Jahre, wird dabei aber nur sonntags für ein paar Stunden Gottesdienst belastet.“ In Halberstadt läuft das Gebläse 24/7. Der Balg liegt im Norden der Kirche und gleicht einem Altar. Neugebauer verrät: „Mit ihm verbunden sind zwei elektrische Gebläse, von denen jedes etwa ein Vierteljahr ununterbrochen läuft.“ Das andere kann sich entsprechend lange ausruhen oder wird überholt.
Und so geht ein wohl einmaliges Musikprojekt Deutschlands weiter und weiter und drängt die unumgängliche Frage auf: Wer führt es eigentlich irgendwann zu Ende? Der Förderverein hat das Programm „Young Cage“ ins Leben gerufen. Er möchte damit jungen Menschen einen Gegenpol zur extrem schnelllebigen digitalen Welt von heute bieten. In die Zukunft schauen aber kann niemand, schon gar nicht so weit, wohl aber 639 Jahre zurück. Columbus hatte noch nicht Amerika entdeckt. Die Sankt-Burchardi-Kirche stand bereits.
„Inzwischen zieht sie interessante Leute aus aller Welt nach Halberstadt“, sagt Neugebauer nicht ohne Stolz. Die Besucher, es sind etwa 11.000 pro Jahr, kommen, um einem einzigen Klang für eine gewisse Zeit zu lauschen. Für viele ist die alte Kirche ein spiritueller Ort geworden. Wenn sie ihn verlassen, nehmen sie ein Gefühl mit nach Hause, das kaum jemand in Worte fassen kann, aber das ihnen gefällt. Und natürlich tragen die meisten diesen einen Traum in sich: Irgendwie am 4. September 2640 wieder in Halberstadt zu sein.