Die Meta-Meta-Kunst von Charli xcx macht einen völlig kirre
Charli xcx hat uns einen Sommer voller Leichtigkeit geschenkt, vor allem jungen Frauen natürlich. Sie durften in den sonnigen Monaten des Jahres 2024 mal ganz unvollkommen sein, sich an ihrer Imperfektion sogar berauschen. Überfordert? Kurz vor dem Nervenzusammenbruch? Rotz und Wasser heulen, bevor der Eyeliner verschmiert? You go, girl! Und so kam es auch. Diese jungen Frauen zeigten sich ein wenig heruntergekommen mit einer Packung Zigaretten, einem BIC-Feuerzeug und einem Trägertop ohne BH und feierten es, eine „brat“, also eine rotzige „Göre“, zu sein.
Der durch Charlis Album „Brat“ ausgerufene „Brat Summer“ war eine erfolgreiche Gegenbewegung zu einer halb erfolgreichen Bewegung: Der TikTok-Trend „Clean Girl“ hatte eher selbstoptimierenden Charakter. Gesunde Ernährung, lieber kein Alkohol, jeden Abend artig zum Pilates – und diesen Lebenswandel mit perfekt ausgeleuchteten Fotos inszenieren. Öde, oder? Nur logisch, dass die britische Singer-Songwriterin die Internetgemeinde vom Gegenteil überzeugen konnte. So spießig sind Generation Z und Millennials also zum Glück doch nicht. Charlis Album „Brat Summer“ war sogar Inspiration für die damalige US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris. Auch eine wohlhabende und mächtige Politikerin im Hosenanzug durfte mal „brat“ sein, an der Wahlurne half das nicht.
Zwei Jahre sind seitdem vergangen, in denen ein Trend den anderen ersetzte. Doch wirkliche Strahlkraft entwickelte keiner von ihnen, was die Verklärung von „Brat“ umso leichter machte. Dafür sorgten Charli xcx und ihr Team natürlich auch selbst, ganz ohne Musik. Die im Februar erschienene Mockumentary „The Moment“ blickte noch einmal auf den ganzen „Brat“-Wahnsinn zurück und opponierte gleichzeitig gegen ihn, indem sie die Mechanismen der Musikindustrie garstig aufspießte. Charli xcx spielte sich einfach selbst. Eine ruhmsüchtige, egomanische Frau ist sie da, die aber immerhin an künstlerische Originalität glaubt – und deshalb „Brat“ auch endlich hinter sich lassen will, während ihr Management die Geldkuh weiter melken will. Charli xcx bleibt widerwillig länger auf der eigenen Party.
Aber die ist nun angeblich endgültig vorbei. „Die Tanzfläche ist tot“, singt die 33-jährige Künstlerin auf dem neuen Album „Music. Fashion. Film“, das am 24. Juli erscheint. Eigentlich meint Charli xcx, dass „Brat“ tot ist. Und die beste Nachricht vorweg: Die Zigaretten sind trotzdem noch da. Der Sex-Appeal von Charli xcx damit natürlich auch. Die Farbe Quietschgrün jedoch, die im „Brat Summer“ nahezu jede Instagram-Kachel schmückte, wurde jetzt konzeptuell durch Schwarz-Weiß ersetzt. Aber düster klingen die drei Songs, die schon veröffentlicht worden sind, nun wirklich nicht. Ehrlich gesagt sind sie sogar ziemlich heiter, doch die Instrumente sind jetzt andere. Verzerrte Gitarren dürfen die Synthesizer vom „Brat Summer“ ersetzen.
Zumindest auf dem Song „Rock Music“. Aber ist das überhaupt Rock? Das ist schon mal die falsche Frage, sagt zumindest Charli xcx. „Um ehrlich zu sein, habe ich Genres nie als etwas Binäres betrachtet. Das halte ich für eine sehr altmodische Vorstellung. Ich weiß nicht einmal, um welches Genre es sich handelt.“ Das ist doch wieder Koketterie einer Avantgardistin, die das selbstreferenzielle Hyperpop-Genre mit groß machte. Ständig sagt und singt die Britin etwas, legt Fährten, um sich dann wieder davon zu distanzieren. So auch auf „Music. Fashion. Film“.
Und so auch auf dem Song „Rock Music“. Im Musikvideo inszeniert Charli xcx wieder einmal den Exzess, dieses Mal in einem Hotelzimmer. Wenn die Britin hier die brennende Zigarette auf einem großen Zigarettenstummel-Haufen ausdrückt, sich mit Kabel-Mikrofon auf dem Boden wälzt und ihren Typen abschleckt, dann ist das auch ein bisschen „brat“. Wegen des Gitarrensounds fühlt sich ein Millennial plötzlich in seine Jugend zurückversetzt. Denn die Energie des Songs erinnert schon sehr an „Date with the Night“ von der Band Yeah Yeah Yeahs, die 2003 mit sägenden Gitarren dem kaputten Glamour der unberechenbaren Nacht entgegenmusizierte. Nur macht Charli xcx – wie gesagt – ja nicht wirklich Rock, eigentlich macht sie sich sogar über ihn lustig. Vom Headbanging – der Tanzform des Hardrock – bekommt sie Nackenschmerzen, singt Charli xcx belustigt.
Die Sängerin hat wieder einmal angetäuscht. Das zieht sie genauso in den anderen schon veröffentlichten Songs fröhlich durch. „Ich bin kein böses Mädchen mehr“, sagt Charli auf „Wink Wink“, während sie in kurzen Klamotten auf dem Sofa masturbiert, sich im Gras räkelt oder ihre Brüste gegen die Scheibe presst: „Zwinker, zwinker“. Davor hat sie sich schon an den ältesten, aber riskantesten aller Witze gewagt: „Vielleicht habe ich deinen Vater gevögelt.“ Kurz bleibt einem die Luft weg. Sie weiß, wie sie einem jungen Mann wehtut: „Nur Spaß. Ich sage das nur, um die Wirkung zu verstärken.“ Gezielte Empörung – Ragebait – durchgespielt.
Es ist zermürbend, die Musik von Charli xcx decodieren zu wollen. Alles ist Referenz hier und da: „Sie hat die versautesten Memes von Twitter genommen und sie in ihr Musikvideo eingebaut“, vermutet ein Fan unter dem YouTube-Video zu „Wink Wink“. Anscheinend hat Charli xcx mit ihrer Meta-Meta-Kunst auch ihre Fans dazu erzogen, nach Querverweisen zu suchen.
Ein Hörer der Songs von Charli xcx benötigt eigentlich einen Internetführerschein für Popkultur, den bislang die Volkshochschulen in dieser Form leider nicht anbieten. Vielleicht müsste die Singer-Songwriterin diese Kurse selbst leiten, denn sie ist doch die Internettheoretikerin, die zufällig auch Musik macht. Die Werke von Charlotte Emma Aitchison, so im Übrigen der bürgerliche Name von Charli xcx, sind das, was Kommunikationsdesigner „Moodboard“ nennen würden – also eine Collage aus Bildern, Farben und Schriften, um eine gewünschte Stimmung zu definieren. Die Suche nach dem richtigen „Vibe“ ist eben der Treiber der Popkultur geworden, und dieser „Vibe“ beschränkt sich nicht mehr auf einzelne Kunstformen. Umso konsequenter ist der Albumtitel „Music. Fashion. Film“. Alles gehört zusammen. Der Titel könnte auf der Visitenkarte eines Creative Directors stehen, und wenn wir ehrlich sind, ist Charli xcx genau das.
Alles auch zu hören in „Rock Music“, die eben dies nicht ist. Wir wären ziemlich doof, ihr wegen der verzerrten Gitarren eine 2000er-Nostalgie zu unterstellen, die eine vergangene Zeit betrauert. Viel eher ist es doch so: Charli xcx spielt uns nur die Erinnerung daran vor, wie wir, sie vielleicht auch, an die Jahre nach der Jahrtausendwende zurückdenken. Dafür reichen der Künstlerin einige zusammengeschusterte Rockklischees, denn auch sie weiß: Nostalgie ist für die Internetgeneration ein noch schwammigeres Konzept als ohnehin schon. Erinnerungen an Digitalkamera-Fotos, den Musiksender MTV, den ersten iPod und Hedi Slimanes Dior-Homme-Silhouetten verschmelzen rückblickend zu einem ästhetischen Gesamtbild, das von Charli xcx und ihrer Musik nur noch ein wenig untermalt werden muss.
Es gehört zum Kern ihrer Musik, dass sie auf den ersten Blick keine existenziellen Nöte ausstellt – und Lösungen nicht anbietet. „Nichts wird uns retten, weder Musik noch Mode noch Film“, raunt uns Charli xcx auf dem neuen Album entgegen. Das könnte ganz schön deprimierend sein, aber warum klingt es dann so unbeschwert? Nun ja, weil Charli xcx auch die eigene Hoffnungslosigkeit brechen kann. Auf dem Song „SS26“ läuft sie zwar auf dem Laufsteg der Hölle entgegen, aber: „Ich denke, es wird mir gut gehen, wenn ich in den Klamotten gut aussehe.“ Dann setzt sie ihr Siegerlächeln auf.