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Der Oktopus schien zu überlegen, bevor er handelte. Dann wurde er mein Freund

· Culture

Ich hätte ihn wohl nicht erkannt, wenn ich vorher nicht schon so viele gegessen hätte. Ein gerösteter Oktopusarm auf dem Teller hat eine ganz ähnliche Farbe wie der in einem Felsloch eingerollt liegende, ein bräunliches Violett mit den charakteristischen Noppen. Das Einzige, was sich an einem getarnten Oktopus noch bewegt, sind die Kiemen. Sie sehen wie Röhren aus, mit einem gelben Verschluss. Und dann waren da die beiden Augen, gelb mit einem horizontalen Schlitz. Ein blickender Fels, ein atmender Klumpen.

Es ist eine denkwürdige Sache, einem Oktopus zu begegnen: Er schaut einen an und reagiert auf Annäherungen, das wusste ich aus Filmen. Ich ruderte mit den Armen, um zu demonstrieren, dass ich kein Raubfisch bin. Bisher hatte ich die Tiere nur gegessen, nun war ich von dem tiefen Wunsch erfüllt, mit dem gallertartigen Wesen zu kommunizieren. Ich bin damit nicht allein.

Der Oktopus ist das Tier der Stunde, wenn nicht des Jahrzehnts. In dem gerade neu ins Kino gekommenen norwegischen Horrorfilm „Kraken“ übernimmt er die traditionelle Rolle des Haifischs als Gefahr aus der Tiefe, aber das ist eigentlich untypisch. Jahrhundertelang als abjektes Monster verschrien, taucht der Oktopus heute vor allem als Sympathieträger auf, als Plüschtier, Firmenlogo und fühlendes Wesen.

Spätestens seit „My Octopus Teacher“ (2020), in dem der südafrikanische Filmemacher Craig Foster Freundschaft mit einer Oktopusdame vor der Küste Kapstadts schließt, gehört die Beziehung zwischen Mensch und Kopffüßler zur popkulturellen Vorstellungswelt. Auf den oscargekrönten Dokumentarfilm folgte 2024 die Doku-Serie „Secrets of the Octopus“ und 2025 die zweiteilige Prime-Doku „Octopus!“, gesprochen von Phoebe Waller-Bridge. Das Albtraumwesen noch des 19. Jahrhunderts (Jules Verne!) ist zum Streaming-Liebling geworden – und bringt immer mehr Bücher hervor.

Die Naturforscherin Sy Montgomery beschreibt ihren eigenen Antrieb, Oktopusse zu erforschen, als Suche nach „the great mystery of the Other“. Sie habe eine andere Wirklichkeit berühren, eine fremde Form von Bewusstsein erkunden wollen. Auch den Philosophen Peter Godfrey-Smith trieb dieselbe Frage zum Oktopus: Wer etwas über andere Formen von Geist erfahren wolle, schreibt er, finde in den Kopffüßern das Fremdeste überhaupt. Die zum Oktopus in der Kultur publizierenden Gelehrten Peter Godfrey-Smith und Lars Svendsen („Understanding Animals“) sind sich einig, dass die Begegnung mit dem Oktopus die mit einer außerirdischen Lebensform am nächsten kommt.

Und hier saß er nun, ein echtes intelligentes Alien im Mittelmeer, von keinem Schnorchler sonst bemerkt. Ich kreiste, hielt Abstand, stieß Luftblasen aus. Aus Dokufilmen wusste ich, dass man das Vertrauen der Tiere gewinnen kann, dass sie zwischen Neugier und Selbstschutz abwägen. Kraken sind bis zur Paarung Einzelgänger, danach sterben sie.

„Kein Oktopus traut dem anderen“, schreibt Svenja Beller in einer lesenswerten Naturkunde des Kraken, erschienen 2025 bei Matthes & Seitz. Als „Unterwasser-Thoreau“ bezeichnet ihn die amerikanische Künstlerin Angie Keefer, die Beller zitiert, „nur misanthroper und gewaltbereiter.“ Der Krake ist nicht nur niedlich, sondern ambivalent. Ein Kannibale. Weibchen töten Männchen manchmal nach dem Geschlechtsakt. Oktopoden vergiften ihre Beute, versprühen Tinte, um Verfolger zu verwirren, nehmen die Gestalt anderer Spezies an. Sie entkommen in spektakulärer Weise aus Aquarien und spielen, wenn ihnen langweilig ist.

erschienen 2025 bei Matthes & Seitz

Der Krake wurde nicht bleich, wie es ängstliche Tiere tun, er verspritzte keine Tinte. Seine drei Herzen verspürten offenbar keine Angst. Ich tauchte stundenlang um ihn herum. Der Drang, mit dem ganz Fremden, Andersartigen, aber doch intelligenten Wesen irgendwie in Kontakt treten zu wollen, war überraschend stark. Der kleine Klumpen im Wasser, las ich später, besitzt neun Gehirne und so viele Neuronen wie ein Hund oder eine Katze, nämlich 500 Millionen.

„Dass auch andere Säugetiere eine höhere Intelligenz entwickelt haben, ist wenig verwunderlich“, schreibt Svenja Beller. „Immerhin sitzen wir ja auf demselben Ast des Stammbaums. Die Kraken hingegen entwickelten ihre Intelligenz vollkommen unabhängig von uns. Die Evolution hat den Geist gewissermaßen zweimal erfunden, und zwar vollkommen anders. Auch deswegen ist der Vergleich mit den Aliens so treffend.“ Nichts gegen Hunde und Katzen, aber wann hat man schon mal ein Alien vor sich?

Dann passierte es: Der Oktopus kam aus seiner kleinen Höhle hervor. Aus dem gescheckten braunen Fleck wurde ein unendlich weich wirkender Sack mit acht Armen, die nun die Felsen betasteten, dynamisch changierend zwischen dem Türkis des Wassers und dem hellen Sand – das schönste Schimmern, das man sich vorstellen kann, eher künstlich als biologisch, wie von einem LED-Bildschirm. Dann schwamm er los, halb wandernd, halb sich durch Wasserstöße fortbewegend, die acht Arme nun erstmals in ganzer Länge sichtbar.

„Es ist die äußerste Fremdheit, die uns zuerst fasziniert“, schreibt der Philosoph Carlo Salzani in einer Studie, die die kulturelle Konjunktur des Weichtiers analysiert.

Der Oktopus wirkt außerirdisch. Aber Kraken sind keine Außerirdischen. Sie sind schon 230 Millionen Jahre länger auf der Erde als wir und waren wahrscheinlich die ersten intelligenten Wesen auf diesem Planeten. Auch im norwegischen Horrorfilm „Kraken“ ist der fiese Riesenoktopus kein Eindringling, er lebt schon lange in dem bis zu 1300 Meter tiefen Sognefjord. Erst die technischen Spinnereien einer Lachsfarm provozieren ihn zu seinen Angriffen. Fiktion, natürlich.

Ein echter Oktopus ist vor allem: unsichtbar. Man musste ihn dabei ständig im Blick behalten, sonst verschwand er einfach. Am zweiten Tag sah ich ihn einen massiven Krebs vertilgen. Fische schwirrten um ihn herum, plötzlich schoss ein Arm hervor, entrollte sich und schlug nach einem Fisch. Es sah aus wie im Comic. Ich trug kleinere Steine heran und platzierte sie neben dem Eingang der Höhle. Ein einzelner Arm kam hervor, ergriff den Stein, zog ihn zu sich heran. Dasselbe tat er mit einem abgesunkenen Ast und den Überresten eines Taschenkrebses. Er schien zu überlegen, bevor er handelte.

Vielleicht ist der Oktopus ein Maskottchen geworden, weil unsere Gegenwart immer mehr wie er wird: schwer zu fassen, schillernd und individualistisch bis zum Einzelgängertum. Das Nervensystem eines Kraken ist so dezentral wie das Internet, ein Oktopus kann so perfekt täuschen wie Künstliche Intelligenz, er passt sich an alles an und hat doch eine eigene Persönlichkeit. In Experimenten konnte nachgewiesen werden, dass unterschiedliche Exemplare von Octopus vulgaris völlig verschieden auf dieselbe Situation reagieren.

Diese Mischung aus Eigensinn, Fremdheit und Intelligenz fasziniert. In Ray Naylers Roman „The Mountain in the Sea“ (2022) wird die Meeresbiologin Dr. Ha Nguyen auf ein abgelegenes vietnamesisches Archipel geschickt, um Gerüchten über eine Oktopuskolonie nachzugehen, die dort offenbar eine eigene Kultur entwickelt. Die Inseln gehören einem KI-Konzern, der die fremde Intelligenz erforscht. Zwei Formen des Andersartigen kommen so zusammen: die uralte, biologische Fremdheit des Oktopus und die neue, künstliche Fremdheit der KI. Irgendwo dazwischen befinden wir uns. Und essen Polpo alla Griglia, während wir Oktopusfilme schauen. Mit ersterem habe ich allerdings aufgehört: Freunde isst man nicht.