„Der Markt für kleine Kernreaktoren könnte auf eine Billion Dollar wachsen“
Der Motorenhersteller Rolls-Royce Power Systems gehört derzeit zu den wenigen Industrieunternehmen, die in Deutschland kräftig investieren. Der Grund: Der Spezialist für Notstrom-Aggregate und speziell ausfallsichere Stromerzeuger bedient eine vor allem in Deutschland immer größer werdende Marktlücke.
Inzwischen hilft der Konzern ersten deutschen Unternehmen dabei, vollständig autark und unabhängig vom Stromnetz zu werden. Im Zukunftsgeschäft mit kleinen Atomkraftwerken, sogenannten Small Modular Reactors (SMRs) erwartet Vorstandschef Jörg Stratmann außerhalb Deutschlands ein enormes Wachstumspotenzial.
WELT: Herr Stratmann, Rolls-Royce Power Systems ist Spezialist für Notstrom-Aggregate und ultrasichere Stromerzeuger für heikle Anwendungen. Da Deutschlands Stromnetz als eines der sichersten der Welt gilt, läuft Ihr Geschäft hierzulande sicher nicht besonders.
Jörg Stratmann: Ganz im Gegenteil: Rolls-Royce Power Systems hat seinen absoluten Profit verdreifacht und den Cashflow fast vervierfacht. Der Geschäftsbereich Stromerzeugung hat dazu wesentlich beigetragen, auch in Deutschland. Unser Konzern ist bekannt dafür, ein führender Anbieter von Flugzeugturbinen, Schiffsmotoren und Großmotoren für militärische Fahrzeuge zu sein. Inzwischen erwirtschaften wir aber in der Division Power Systems mehr als die Hälfte des Umsatzes mit dem Bereich Energieversorgung. Und zu den Bestsellern in diesem Bereich gehören Notstrom-Aggregate für kritische Infrastrukturen, also für Krankenhäuser, Flughäfen, Datencenter und große Industrieanlagen, kurz: überall dort, wo Strom auf keinen Fall ausfallen sollte.
WELT: Reagieren solche Kunden auf die Anschläge gegen die Strom-Infrastruktur in der letzten Zeit?
Stratmann: Ja, solche Ereignisse erhöhen die Sensibilität unserer Kunden. Für viele Unternehmen reichen schon kurze Unterbrechungen, Spannungsschwankungen oder Qualitätsprobleme im Netz, um Produktionsprozesse zu stören oder sensible Anlagen zu gefährden. Unsere Notstromanlagen laufen in Deutschland zwar weiterhin überwiegend im regelmäßigen Probebetrieb. Gleichzeitig sehen wir in unseren Servicedaten und hören von Kunden, dass sie zunehmend auch im Ernstfall gebraucht werden. Diese Einsätze dauern meist nur einige Stunden. Aber für ein Rechenzentrum, ein Krankenhaus, eine Produktionsanlage oder eine Chipfertigung können schon wenige Minuten erhebliche Folgen haben. Als Reaktion haben Unternehmen unter anderem Notstrom-Aggregate oder Energiespeicher installiert. Das ist eher ein Stimmungsbarometer als eine repräsentative Statistik, aber es zeigt die Richtung.
WELT: Offiziell gemessen werden nur Stromausfälle, die länger als drei Minuten dauern.
Stratmann: Exakt. Der SAIDI-Index dient als international anerkannter Maßstab für die Stromversorgungssicherheit. Es gibt allerdings eine wachsende Zahl von Unternehmen, bei denen das Problem früher beginnt. In hochautomatisierten Produktionsprozessen, bei Halbleiterherstellern, Gießereien, in der Chemieindustrie oder in Rechenzentren können schon bei Stromunterbrechungen im Sekunden- oder Millisekunden-Bereich Produktionsausfälle mit erheblichen Schäden verursacht werden und hohe Kosten entstehen. Das ist der entscheidende Punkt. Die offizielle Statistik zeigt, dass Deutschland im Durchschnitt ein zuverlässiges Stromnetz hat. Aber sie bildet nicht vollständig ab, was Unternehmen im Betrieb tatsächlich erleben. Denken Sie auch an Krankenhäuser: Da können Stromausfälle immer auch Menschenleben gefährden.
WELT: Heißt das, dass die Qualität des Stromnetzes für die Versorgung von Rechenzentren nicht mehr ausreicht?
Stratmann: Der Netzausbau hinkt der Entwicklung der Nachfrage in vielen Ländern hinterher, auch in Deutschland. Die Bundesnetzagentur legt zwar regelmäßig Berichte zum Stand der Versorgungssicherheit vor. Nötig wäre aber ein richtiger Resilienz-Check für Deutschland: Was passiert eigentlich, wenn die zentrale Stromversorgung nicht mehr funktioniert? Haben wir ausreichend Backup-Lösungen? Können wir ausreichend Notstrom zur Verfügung stellen? Aus diesem Check könnten sich entsprechend verbindliche Empfehlungen ergeben, was in Deutschland an zusätzlichen Notstromlösungen installiert werden muss.
WELT: In welchem Bereich wächst die Nachfrage nach Notstrom-Optionen am stärksten?
Stratmann: Die Nachfrage wird zu mehr als 80 Prozent von Datencentern getrieben. Die Betreiber drücken ihre Qualitätserwartung mit einer einfachen Ziffernfolge aus: „Five-Nine“, also fünfmal die Neun. Die Datencenter müssen eine Verfügbarkeit von 99,999 gewährleisten. Entsprechend erwarten sie eine Stromversorgung, die pro Jahr nicht länger als fünf Minuten unterbrochen werden darf. Wenn Datencenter etwa tagelang die Large Language Models der Künstlichen Intelligenz trainieren und dann drei Minuten Stromausfall haben, ist alles weg und sie müssten von vorn anfangen. Netzbetreiber können so eine Ausfallsicherheit im Normalbetrieb nicht garantieren. Hier kommen unsere Gasmotoren ins Spiel.
WELT: Viele Netzbetreiber nehmen Anträge auf Stromanschluss von Datencentern gar nicht mehr an.
Stratmann: Stimmt, viele Großverbraucher müssen inzwischen jahrelang auf einen Stromanschluss warten, nicht nur in Deutschland. Das führt immer mehr dazu, dass sich die Betreiber von Datencentern ihre eigene Stromerzeugung vor Ort hinstellen. Wir bieten dafür unsere sogenannten Modular Engine Powerplants an. Das sind Gasmotorenkraftwerke, die sich je nach Bedarf zusammengeschaltet werden und auch mit klimafreundlicheren Brennstoffen betrieben werden können. Wenn die Netzanbindung später kommt, können die Kunden diese Einheiten immer noch als Notstrom-Aggregat nutzen. Viele Kunden gehen auf der Suche nach Versorgungssicherheit aber noch einen Schritt weiter.
WELT: In welche Richtung?
Stratmann: Wir statten unter anderem in Deutschland einige Industriebetriebe bereits mit Microgrids aus. Die Kombination großer Solaranlagen mit Batteriespeichern und Blockheizkraftwerken macht diese Unternehmen vollständig autark und unabhängig vom Netz. Um auch diese steigende Nachfrage bedienen zu können, vergrößern wir unsere Produktionskapazitäten in den USA, aber auch in Deutschland. Hier bauen wir am Standort Friedrichshafen ein neues Werk für die Motorenfertigung. Insgesamt investieren wir in den nächsten Jahren einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in unsere Produktionskapazitäten. Wir stellen in diesem Jahr weltweit 1000 neue Mitarbeiter ein, allein in Deutschland suchen wir 500 neue Mitarbeiter.
WELT: Rolls-Royce hat sich international als Entwickler einer neuen Generation kleiner Kernkraftwerke, sogenannter Small Modular Reactor (SMR) in Position gebracht. Die Erwartung ist, dass eine modulare Serienfertigung kleiner Anlagen die Anfangskosten der Kernkraft drückt. Wie ist da der Stand?
Stratmann: Wir sehen weltweit eine stark wachsende Nachfrage nach verlässlicher, CO₂-armer Grundlastenergie. Treiber sind die fortschreitende Industrialisierung, Digitalisierung, KI-Rechenzentren und der steigende Bedarf an Versorgungssicherheit. Small Modular Reactors können hier langfristig eine wichtige Rolle spielen, weil sie einen stärker industrialisierten Ansatz für die Kernenergie ermöglichen, durch ein standardisiertes Design, modulare Lieferung und einen hohen Anteil an Fertigung außerhalb der Baustelle. Konkret sind wir in mehreren europäischen Märkten aktiv. In Großbritannien wurden unsere Lösungen von Great British Energy Nuclear ausgewählt, für drei SMRs wurden bereits Verträge geschlossen. In Tschechien arbeiten wir mit ČEZ an bis zu sechs Einheiten, von denen eine bereits vertraglich vereinbart wurde. In Schweden arbeiten wir gemeinsam mit Vattenfall an einer Perspektive von mindestens drei Einheiten.
WELT: Welche Absatzerwartungen haben Sie?
Stratmann: Die ersten Anlagen sollen Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen. Bis 2050 könnte der weltweite SMR-Markt ein Volumen von rund einer Billion US-Dollar erreichen und mehrere Hundert Reaktoren umfassen.
WELT: Wie klein und wie kostengünstig werden die „Kleinen Modul-Reaktoren“ denn werden?
Stratmann: Unser Rolls-Royce SMR ist auf eine elektrische Leistung von 470 Megawatt ausgelegt und zählt damit zu den leistungsstärksten SMR-Lösungen, die derzeit verfügbar sind. Entscheidend ist jedoch nicht nur seine Größe, sondern vor allem das industrielle Konzept dahinter. Wir wollen weg von individuell geplanten Einzelprojekten und hin zu Skalierbarkeit, Standardisierung und Serienfertigung. Die größten Herausforderungen liegen vor allem bei den ersten Anlagen. Kostenrisiken müssen beherrscht sowie Genehmigungs- und Planungsverfahren beschleunigt werden. Genau deshalb setzen wir auf ein möglichst standardisiertes Design und eine industrielle Fertigung. Nur so kann Kernenergie schneller umgesetzt, planbarer und wettbewerbsfähiger werden.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.