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Dein Körper will dir etwas sagen, Spider-Man

· Culture

Actionszenen? Gibt es schon auch noch. Schließlich ist es das Kerngeschäft eines Superhelden, derlei Kämpfe immer für sich zu entscheiden. Ein Uniprofessor wird so zum überlebensgroßen Hulk, schleudert Spider-Man in den Ruinen eines Hochhauses umher und der Spinnenmannf hat arge Nöte, sich auf dem breiten, grünen Rücken auch nur festzuhalten. Aber Spider-Man, der Humanist, glaubt eben noch daran, dass es das Böse gar nicht so böse meint und sich schon irgendwie überreden lässt.

Eigentlich aber ist das zentrale Thema des neuen Spider-Man-Films ein anderes: „Brand New Day“ widmet sich dem Seelenleben seines Protagonisten, der zunehmend untröstlich wirkt. Wie es sich für einen Superhelden gehört, kann er sich das jedoch nur sehr schwer eingestehen. Spider-Man, wieder gespielt von Tom Holland, wiegelt ab, wenn er auf seine angeknackste Psyche angesprochen wird. „Mir geht’s gut“, sagt er dann.

Doch sein Körper spricht eine andere Sprache: Die dröhnenden Kopfschmerzen, diese Überreiztheit, mit der er sich seit Kurzem herumschlagen muss, legen unumwunden offen: Irgendetwas stimmt da nicht. „Dein Körper will dir etwas sagen“, gibt ihm seine Vertraute bei der New Yorker Strafverfolgung zu verstehen. Menschen mit psychosomatischen Beschwerden hören das öfter.

Armer Peter Parker!

Immerhin: „Brand New Day“ braucht keine inszenierten Therapiestunden auf der Couch, um den Kern des psychischen Leidens von Spider-Man freizulegen: Es ist die Einsamkeit, die ihn plagt. Schuld daran sind seine Überempathie und sein Hang zum Heroismus, ein letztlich selbstgewähltes Leid. Wer glaubt, selbst mehr tragen zu müssen als der Rest der Menschheit, manövriert sich in die unschöne Situation, sich selbst auch allein tragen zu müssen.

Im Vorgängerfilm „Spider-Man: No Way Home“ (2021) wurde dieses Leiden übrigens schon angekündigt. Um sein engstes Umfeld nicht weiter in Gefahr zu bringen, bat Spider-Man Dr. Strange darum, die Welt vergessen zu lassen, dass sich unter dem Superhelden-Anzug Peter Parker verbirgt. Doch weil die Dinge weiter aus den Fugen gerieten, griff Spider-Man zum letzten Mittel: Die Welt sollte ebenfalls vergessen, dass es Peter Parker gibt. Dr. Strange verwies pflichtschuldig auf die Gefahren. Auch sein Freund Ned und seine große Liebe MJ (gespielt von Zendaya) würden sich nicht mehr an Peter erinnern können.

„… auch wenn es Peter Parker das Herz bricht“

Und so ist es nun in „Brand New Day“ gekommen. Spider-Man scrollt abends bedrückt durch TikTok-Videos seiner Liebsten, die ein neues Leben ohne ihn führen: „Manchmal muss Spider-Man den schwierigen Weg wählen, auch wenn es Peter Parker das Herz bricht“. Spider-Man versucht hier noch, sich seinen Heroismus mit tapferen Worten schönzureden. Doch diese Worte fühlen sich zunehmend leerer an angesichts der Isolation im Dachgeschoss voller Fast-Food-Reste und Proteinpulver. Spider-Man, der draußen Unglaubliches leistet, ist drinnen ein trauriger Junggeselle.

So gesehen nimmt der neue Film eine gelungene Wendung. Der Konflikt entsteht abseits von den Kampfhandlungen und nicht mehr zwischen Spider-Man und den Schurken. Im Gegenteil: Spider-Man muss erkennen, dass sein Abgrenzungsgehabe in Einsamkeit endet. Und so ist es ausgerechnet Spider-Mans stumpfer und arg grober Marvel-Gefährte „The Punisher“ – eigentlich möchte er alle immer abknallen –, der klarmacht: Ich fühle mich auch allein. Im Gesicht von Spider-Man, der bislang seine Hochnäsigkeit gegenüber dem ungehobelten „Punisher“ nicht verbergen konnte, spiegeln sich längst Schwere und Erschöpfung, die sogar Tom Hollands jugendliches Temperament verblassen lassen.

Und die schwierigste Entscheidung steht noch bevor: Eigentlich wünscht sich alles im Spinnenmann, MJ dazu zu bringen, sich wieder an ihn zu erinnern und ihn natürlich auch wieder zu lieben. Schauspielerin Zendaya (privat seit Jahren mit Tom Holland liiert) hatte schon vor dem Kinostart angekündigt, dass es Tränen in den Kinosälen geben werde. Davon war im Zoopalast Berlin nichts zu sehen. Ein ergriffenes Stöhnen aber ging schon durch die Reihen.

Und die Actionszenen? Gibt es, siehe oben, zum Glück auch noch.

„Spider-Man: Brand New Day“ ist im Kino zu sehen.