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Dating wie bei Jane Austen

· Culture

Es könnte ein sanfter Spätsommertag sein. Eine junge Frau – fast noch ein Mädchen – liegt in einer Wiese. Die Farben sind warm und erdig. Alles ist warm. Die Erde meint man riechen zu können. Eine Raupe klettert an ihrem Finger hoch. Ein Rotmilan zieht am Himmel seine Kreise. Ein Wind geht. Es ist still. Sie – Marianne heißt sie, aber das wissen wir noch gar nicht – springt auf. Ihr Haar ist offen, zersaust sieht sie aus. Sie rennt ihrem Schicksal entgegen.

Kate Winslet wäre das nicht eingefallen. Damals, als sie Marianne Dashwood war, die mittlere der Dashwood-Schwestern in Ang Lees Verfilmung von Jane Austens „Sinn und Sinnlichkeit“. Dreißig Jahre ist das schon wieder her. Alles war schön an diesem Film und lustig und irgendwie züchtig und gebändigt. Emma Thompson, die Mariannes ältere und vernünftige Schwester Elinor war und für ihr Drehbuch den Oscar bekam, hatte sich auf die ironischen Untertöne, das Federballspiel der Gefühle, das Duell der Dialoge von Jane Austen konzentriert und ein wunderbar besenreines und schwereloses Wimmelbild der Emotionen, eine romantische Gesellschaftskomödie in der Draufsicht erzählt. Ein bei aller sinnlichen Verwirrung intellektuelles Vergnügen. Überspitzt formuliert: die Elinor-Variante aller möglichen Adaptionen der 1811 erschienenen Urmutter aller RomComs, die man besser mit „Vernunft und Gefühl“ übersetzen sollte.

Esmé Creed-Miles ist Marianne jetzt in Georgia Oakleys Version der Geschichte von sozialem Absturz und romantischer Unrast. Oakley hat sich – vielleicht um über den vermeintlich übergroßen Ang-Lee-Schatten zu springen und zur höheren Ehre einer heute gültigen Erzählung – für die Marianne-Variante entschieden. Sie erzählt die Dashwood-Legende sozusagen von innen heraus, aus den Herzen und den Beziehungen der beiden Schwestern, die von Jane Austen schon als dichotomisches Lebensthesenpaar aufeinander losgelassen wurden.

Vielleicht erzählen wir – alle ausgepichten Austianer müssen jetzt stark sein – kurz die Geschichte, die aufgrund der austenschen Menschenmagie nicht altern will und jeder neuen Generation bei der Entscheidung hilft, wofür man sich in Liebesdingen entscheiden sollte – Herz oder Kopf. Das Schicksal, dem Marianne entgegenläuft, ist das Testament ihres Vaters. Die Dashwoods – alleinerziehende Mutter samt dreier Töchter, die – so ist es immer bei Jane Austen – möglichst rasch verheiratet werden müssen – leben auf einem feinen Gut in Sussex. Das Haus ist groß, ein feingestimmtes Klavier gibt es und eine wohltemperierte Schar von Bediensteten.

Einen älteren Halbbruder gibt es noch samt seiner hartherzigen Gattin. Der – so will es das patriarchale Gesetz – erbt nun alles. Die Dashwood-Frauen ziehen aufs Land fernab jeder feinen Gesellschaft und jeder Möglichkeit, sich gesellschaftlich nach oben zu verheiraten. Das Cottage ist klein, die Decken sind niedrig, das Klavier ist verstimmt. Elinor verliebt sich in Edward Ferrars, den Bruder ihrer kalten Schwägerin, Marianne in das wilde Filou John Willoughby. Colonel Brandon liebt wiederum Marianne. Aber den hat das Schicksal derart verbogen, dass sie einander nicht erkennen können.

Das alles fängt schon früh an, dann begeben sich die Schwestern durch eine Odyssee, eine Heldenreise der Herzen. Am Ende werden nicht alle Gegensätze geschleift, aber alle werden glücklich. Wie lange das – gerade zwischen der aus allen Fugen liebenden Marianne und ihrem hüftsteifen Hagestolz von väterlichem Herzensbrecher Brandon – gut geht, will man natürlich nicht wissen. Muss man auch nicht. Jane Austen hat uns zu unserem Glück und zur Trauer des Serien- und Filmwesens von Sequels ihrer Romane verschont.

Dass Georgia Oakley alles tut, damit die Legende von Elinor und Marianne anders aussieht als noch 1996, hatten wir schon erwähnt. Sie tut aber auch alles, damit sie nicht aussieht, als wäre sie von der möglicherweise auf Sofia Coppola zurückzuführenden zwischendurch um sich greifenden Bridgertonitis angekränkelt.

Es ist nichts bunt in „Sense and Sensibility“, es gibt keine kitschigen Glyzinien, nicht mal Nacktszenen, keine Songs aus den Nullerjahren, keine farbenblinde Besetzung, nichts ist so poppig wie es noch die knallbunte „Wuthering Heights“-Adaption von Emerald Fennell ist, nichts wird ausgestellt. Es herrscht ein geradezu heiliger Ernst in Oakleys Film, der vielleicht gerade deswegen einen unheimlichen Sog entwickelt. Einen Magnetismus des Authentischen.

Die Handkamera schlingert um Esmé Creed-Miles und Daisy Edgar-Jones. Georgia Oakley dreht mit echtem 35-Millimeter-Film, was allein schon ihre Geschichte menschlich macht. Man kann den sozialen Abstieg an der Stimmung der Klaviere hören, die in Sussex und im Cottage am Ende der Heide stehen. Oakleys Film ist eine sinnliche Geschichte. Die einfachen Stoffe knittern edel. Die Natur ist der Spiegel der Vergesellschaftung der Gefühle.

Musik gibt es, aber sie lenkt nicht ab, will nichts von heute erzählen, stülpt sich nicht über die Welt von gestern. Gefühle, Beziehungen werden ausgespielt in Gesten, Blicken, in Choreografien, in Sätzen, die nackt sind und treffen. Jeder, der sich wiederfinden will, findet sich wieder. Oakley schafft das nicht kleine Wunder, alles, was sich gerade auf der Debattenautobahn herumtreibt, zu spiegeln in einer Geschichte, die gnadenloser und präziser als je aus ihrer Zeit heraus erzählt wird.

Ein Hymnus auf die Gemeinschaftlichkeit, die Familie, auf die Versöhnung der Gegensätze, die Überzeitlichkeit der Literatur ist „Sinn und Sinnlichkeit“. Vielleicht sollte sich Georgia Oakley als Nächstes „Stolz und Vorurteil“ vornehmen. Würde schon passen. So in fünf Jahren. Wenn wir alt sind und Joe Wrights Adaption vergessen haben.