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Das letzte Bollwerk gegen den Weltuntergang

· Culture

Das neue Album der Rolling Stones heißt „Foreign Tongues“ und „erscheint als exklusive Vinyl-Edition auf hochwertigem Baby Pink & Red Smash Vinyl mit Clear Splatter-Effekt“. Diese „streng limitierte Auflage“, heißt es, sei „weltweit auf nur 7500 handnummerierte Exemplare“ begrenzt, was „jede Platte zu einem einzigartigen Sammlerstück“ mache. Bei Dussmann in Berlin gibt es zudem eine LP in der Farbe Ochsenblut, in München bei Optimal Records eine in Orange und so weiter. Die Marketingabteilung hat es allem Anschein nach richtig krachen lassen. Als Mega-Fan muss man – wenn man die Musik nicht einfach nur streamen mag, was natürlich genauso gut geht – eine flotte Deutschlandtour einplanen.

Eine neue Biografie der Stones ist auch draußen (von Bob Spitz, knapp 700 Seiten, bei Penguin). Sie trägt in zu ihrem Sujet passender Bescheidenheit den Untertitel „die Biografie“ – als wenn es nicht die x-te wäre, in der gefühlten Ewigkeit der Bandgeschichte. Der Gründungsmythos berichtet vom Debütkonzert am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club. Das neue Album, offiziell das 25., erscheint am 10. Juli 2026 und somit zwei Tage vor dem 64. Bandgeburtstag.

Es gab eine mysteriöse Werbekampagne mit globaler Schnitzeljagd, ferner einen Album-Teaser auf YouTube, in dem sich die alten Recken mit Kaffeetassen zuprosten und jede Menge fantasievoll bedruckte Hemden zur Schau stellen. Und ein Video zur ersten Single „In the Stars“ mit digital verjüngten Musikern und einer entfesselten Odessa A’zion, spätestens seit „Marty Supreme“ Hollywoods hottestem Ticket, die in knackigen Jeans-Shorts lasziv herumtanzt und dem circa 22-jährigen Mick Jagger wie eine für den Moment gezähmte Wildkatze über die Wange schleckt. Sie könnte, nicht nur vom Alter, sondern auch vom Aussehen her, wahlweise Jaggers Tochter, Enkelin oder Urenkelin sein.

So geht es wohl, das viel beschworene „in Würde altern“. Die entsprechende Diskussion hat die Rolling Stones jahrzehntelang begleitet, bis sie irgendwann klein beigab. Wahrscheinlich ist sie selbst an Altersschwäche gestorben, befördert von moralinsaurer Dyspepsie. Die Band hingegen machte unbekümmert weiter, selbst über den Tod ihrer stampfenden Herzmaschine, des hochgeschätzten Drummers Charlie Watts vor einigen Jahren hinaus. Auch das ist schließlich eine Kontinuität; die lange Stones-Historie ist von Ab- und Zugängen gepflastert – manchmal tragisch, wie im Falle des 27-jährig in einem Swimmingpool ertrunkenen Brian Jones, manchmal banal, wie im Fall von Bill Wyman, Stones-Bassist von 1962 bis 1993, dem der ganze Zirkus zu viel wurde und der freiwillig in Vorruhestand ging.

Selbstverständlich nagt der Zahn der Zeit auch an der ikonisch herausgestreckten Zunge, dem Wahrzeichen der Stones. Die Drogeneskapaden, die verwüsteten Hotelzimmer, das Kettengerauche, die Hasch- und Heroinpartys – die neue Biografie behauptet, Robert Kennedy Jr., heute Gesundheitsminister der Regierung Trump, habe Keith Richards erst richtig draufgebracht –, die Sleep-overs in Hugh Hefners Playboy Mansion: tempi passati.

Jagger geht seit Jahrzehnten joggen und trinkt brav seinen Orangensaft, Richards fällt höchstens mal in seiner Privatbibliothek von der Leiter, wie Ende der 1990er, sodass die „Bridges to Babylon“-Tour verschoben werden musste. Wahrscheinlich, weil der alte Pirat noch das Wogen der Rock-’n’-Roll-Wellen unter den Füßen spürt, selbst wenn er in Batik-T-Shirt und Bandana tiefenentspannt auf seinem Landsitz in Weston, Connecticut, herumhängt.

Ende vergangenen Jahres hieß es noch, jede weitere Tour (und implizit: auch jedes weitere Album) sei ausgeschlossen. Dafür habe Keith, den man ja eigentlich per Gesetz beim Vornamen zu nennen hat, zu viel Arthritis in den Fingern, um selbst seine nur mit fünf Saiten bespannte Telecaster namens Micawber in der handfaulen Open-G-Stimmung zu bespielen, für die man bloß den Zeigefinger das Griffbrett hoch- und runterzuschieben braucht. Missgelaunte Unken behaupten, der Mann habe circa 1981 sein letztes gutes Riff komponiert, für das Album „Tattoo You“.

Gemeint ist wahrscheinlich „Start Me Up“, mit dem die Band traditionell ihre Stadionkonzerte eröffnet und das dereinst als Erkennungsmelodie eines Betriebssystems von Microsoft diente. Aber das ist nur ein Gerücht unter Myriaden Gerüchten, von denen der Mythos lebt. Es versteht sich von selbst, dass Keith einer der größten Gitarristen aller Zeiten ist. Vergesst die linke Hand; die Magie lebt in diesem vollkommen unkopierbaren Rhythmusgefühl.

Mick Jagger – König und Straßenköter

Jetzt dürfte der alte Motor warmgelaufen sein. Auf zur Frage, die ja auch irgendwie im Raum steht: Wie ist es denn so, das neue Album, auf dem erstmals Steve Jordan in Watts’ Nachfolge die Trommeln rührt?

Ein garstiger Kollege vom Schweizer „Tages-Anzeiger“ attestierte vor ein paar Tagen Energielosigkeit: „Ausschussware, die die Band zu ihren besten Zeiten nie veröffentlicht hätte.“ Ansatzweise und großzügig gerechnet würden maximal drei Songs funktionieren, und es sei „bezeichnend, dass es sich bei den beiden besten jeweils um eine Coverversion handelt“. Und so weiter. Doch was kümmert es den Weltenbaum Yggdrasil, wenn sich eine Rösti daran reibt? Man könnte auch einfach, wenn man zum Beispiel ein Cabrio besitzt, das Dach runterklappen und durch die Gegend sausen, beschwingt von Micks geilem Genöle, dieser unverwechselbar nasalen Arroganz von einem, der mit jedem Zungenschlag beides sein will, König und Straßenköter.

Da sind das wohlbekannte gehämmerte Klavier, die stampfenden Beats, die zirpenden Gitarren von Keith Richards und Ronnie Wood, die irgendwie immer ganz woanders hinwollen, aber sich dann doch prächtig vertragen. Aufs Stichwort gesellt sich Jaggers Mundharmonika hinzu, und es ist, als zuckele man nicht gerade auf die Siegessäule zu, sondern auf eine phantasmagorische Straßenkreuzung, Chicago Ecke New Orleans.

Der Opener „Rough and Twisted“ hüpft begeistert-besoffen los, mit Slidegitarren und „Brown Sugar“-Vibes – ein Honky-Tonk-Heuler. Wenn hier irgendwas neu ist, dann am ehesten die Produktionstechnik, die besinnungslos komprimiert auf die Anlage eindrischt.

Dann die erste Single, „In the Stars“, befeuert von einem „Start Me Up“-Riff. Jaggers sprichwörtlicher Ehrgeiz quillt ihr aus jeder Pore. Der Song verhehlt in keiner Sekunde den Zug zur ganz großen Hymne. Im Refrain „Miss You“-artige Chöre. Jagger klingt, als hätte man nicht nur ihn im begleitenden Video digital verjüngt, sondern auch seine Stimme. Das Grundgefühl – wie übrigens ein Großteil dessen, was nachher kommt – beschwört die 1980er, mit Tendenz auf die Zwölf, auf den Beat, nicht mehr so lustig offbeat-verspult wie in den bekifften 1960ern.

Elon Musk höchstpersönlich bekommt einen mit

Dann „Jealous Lover“, jetzt unumwunden und schamlos 1980er, mit Jaggers kreischendstem Bee-Gees-Falsett. Das konnte in dem Alter nicht mal Johannes Heesters. Und dann die Lyrics: „Hands off, jealous lover, the joke’s right on me, you prey like a mantis, you’re feeding off me.“ Als wenn sich Jagger, zumindest sein lyrisches Ich, immer noch Unmengen lüsterner Stalkerinnen erwehren müsste. Aber wer weiß, vielleicht stimmt das ja.

So geht es munter weiter, die beiden erwähnten Cover sind tatsächlich sehr gut: Amy Winehouse’ „You Know I’m No Good“ und, als Hommage an die eigenen Anfänge, Chuck Berrys trockener Schrammel-Blues „Beautiful Delilah“ als Rausschmeißer. Es gibt einen elegischen Country-Song, in dem der gegenwärtige Zustand Amerikas beklagt wird („Ringing Hollow“), und das leicht wohlfeile Reichen-Bashing „Mr. Charm“, in dem Elon Musk höchstpersönlich einen mitbekommt. Jagger wird schon wissen, wovon er hier singt. „Hit Me in the Head“ ist die Art Punkrock, von dem die Toten Hosen traurig träumen. Dazwischen das eine oder andere Füllsel, klar, aber das ist ja normal.

Von den Vorbereitungen zur eigenen Beerdigung, die etwa ein Leonard Cohen auf seinen letzten Alben betrieb, kann hier keine Rede sein. Eher: überzeugend berufsjugendliches Greisentum und ein dringend benötigter Trost, dass es zumindest eine Institution gibt, die sich gegen jeglichen Niedergang, der den Westen sonst so befallen hat, als immun erweist. Solange es die Stones gibt, kann die Welt nicht untergehen.