Das beste Kinderbuch der Welt
Dass sie aus einer anderen Welt kommen, sieht man ihnen an. Dass sie dennoch auch in dieser Welt einen Platz haben könnten, hofft man mit den Staunenden, die sich in der New York Public Library um ihren Schaukasten drängen. Hinter dem Glas wartet die ganze Bagage: Pu (oder Winnie oder Eduard Bär), das winzige Ferkel, I-Ah, der Esel mit dem hängenden Kopf, Känga, die im Nordwesten des Hundertsechzig-Morgen-Walds wohnt, und Tieger (anderswo Tigger), der, wie die anderen auch, noch die gedeckten Farben des frühen 20. Jahrhunderts trägt.
Tatsächlich war die Idee Stofftier erst zwanzig Jahre alt, als der „Punch“-Satiriker und Studienabbrecher Alan Alexander Milne aus dieser gar nicht so bunten Truppe, die zunächst allein das Kinderzimmer seines Sohnes Christopher Robin unsicher machte, das vielleicht beste Kinderbuch der Welt formte: „Pu, der Bär“ erschien am 14. Oktober 1926, von Ernest H. Shepard ikonisch illustriert.
Seither hat es viele Millionen Leser gefunden, wurde, ohne dass das groß gestört hätte, von Disney verpoppt, und war, wie es nur den sehr guten Büchern eigen ist, für viele Deutungen offen. Sogar seine Pathologisierung, die Pu eine Zwangs- und Ferkel eine Angststörung zuschrieb, bei Tieger ADHS diagnostizierte und bei I-Ah eine chronische Depression, hat anfänglich noch Spaß gemacht, ist aber, im Nachhinein betrachtet, womöglich schon ein Alarmzeichen gewesen, handelt „Pu, der Bär“ doch in Wahrheit von der Freiheit des Geists, zu der auch die Freiheit gehört, einfach mal seltsam, ängstlich, überdreht oder traurig zu sein.
War da schon in Vergessenheit geraten, dass das Erzählen ein Spielen, das Spielen ein Erzählen und beides in seinem anarchischen Inneren ein zweckfreies Unterfangen ist, das keiner Optimierung dient? „Mein Vater“, so hat es der durchaus zum Hadern neigende echte Christopher Robin viel später erklärt, „schrieb die Bücher nicht für Kinder. Er schrieb sie auch nicht für irgendeinen speziellen Markt; er hatte von Marketing überhaupt keine Ahnung. Er kannte mich, er kannte sich und war allem anderen gegenüber ignorant – abgesehen, vielleicht, vom Leben.“
Natürlich verdient „Pu, der Bär“ zum Hundertsten keinen Geburtstagsgruß in Moll; es ist nun aber mal so, dass dieser Hundertste in eine Lesekrise fällt, die sich durch ein seltsames Missverhältnis auszeichnet: Einerseits wird rund ein Drittel der Kinder in Deutschland 15 Jahre alt, ohne ausreichende Lesekompetenzen erworben zu haben, andererseits geben 91 Prozent der Eltern an, es „sehr wichtig“ oder doch wenigstens „eher wichtig“ zu finden, dass ihre Kinder Bücher lesen. Haben sie alle „Pu, der Bär“ im Haus? Fragen sie ihre Kinder, was A.A. Milne Christopher Robin fragte, nämlich, welche Sorte Geschichte er mag?
Oh, wie wir hoffen, dass es den Kindern mit den Büchern nicht wie Pu mit dem Honig geht: Er kann ihn nämlich einfach nicht erreichen. Wieso nicht? Das fragt er sich auch, als er, vom Baum gefallen, im Stechginster liegt. „Es kommt alles daher, dass man Honig so schätzt.“