Brasilia – Großes Finale im Kampf um das brasilianische Präsidentenamt! Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (80) kämpft um seine politische Zukunft. Für eine vierte Amtszeit muss er auch Wähler überzeugen, die ihn eigentlich ablehnen. Heute entscheidet die Stichwahl, ob der Amtsinhaber im Präsidentenpalast bleibt – oder vom rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro abgelöst wird. Der 45-jährige Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro (71) lag in der ersten Runde mit mehr als zwei Millionen Stimmen vor Lula.
Bolsonaro geht also mit Rückenwind in die Wahl. Lula setzt im Endspurt derweil auf prominente Unterstützung und mobilisiert landesweit seine Anhänger. An der Copacabana traten bekannte brasilianische Musiker vor seinen versammelten Anhängern auf. Die weltberühmte Strandpromenade wurde zur politischen Arena. „Fanatismus ist kein Argument“, lautet eine Botschaft der Lula-Anhänger. Auch in São Paulo, Brasilia und anderen Städten gingen Menschen auf die Straße.
Beobachter sehen Bolsonaro vorn
Aber auch Flávio Bolsonaro mobilisiert – gerade in Regionen, in denen er schwächer abgeschnitten hatte, etwa im ärmeren Nordosten. In Fortaleza treibt er seine Anhänger mit Feuerwerk und Funkmusik an, fast wie bei einem Karnevalsumzug. Auf der Bühne verspricht er einen harten Kurs gegen kriminelle Banden: „Sie werden festgenommen oder von der Polizei neutralisiert.“ Auch eine chemische Kastration von Vergewaltigern stellt er in Aussicht. Sicherheit und Kriminalität treiben viele Brasilianer um.
Mehrere politische Beobachter sehen Flávio Bolsonaro im Vorteil: Er kann auf Unterstützung aus Teilen der politischen Mitte und des rechten Lagers zählen. Lula kann seinerseits auf wirtschaftliche und soziale Erfolge verweisen. Die Arbeitslosigkeit sank auf einen historischen Tiefstand, die Armut ging zurück, der reale Mindestlohn stieg. Kurz vor der Stichwahl wurde zudem das Ende der verbreiteten Sechs-Tage-Woche beschlossen: Beschäftigte sollen künftig grundsätzlich fünf Tage arbeiten.
Lula steht seit Jahrzehnten im Zentrum der Politik
„Entscheidend ist für viele Brasilianer nicht, ob die Wirtschaft statistisch wächst, sondern was am Ende des Monats im Portemonnaie übrigbleibt“, sagt Maximilian Hedrich, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro. Lebenshaltungskosten, öffentliche Sicherheit und Korruption seien im Alltag viel unmittelbarer spürbar. Der linksgerichtete Präsident stehe seit Jahrzehnten im Zentrum der Politik. Für seine Anhänger verkörpere er sozialen Aufstieg, für seine Gegner die Arbeiterpartei PT und die mit ihr verbundenen Korruptionsvorwürfe.
Lula warf im ersten direkten Fernsehduell seinem Herausforderer Bolsonaro Verbindungen zur organisierten Kriminalität vor. Flávio Bolsonaros Wahlkampf ist eng mit dem Schicksal seines Vaters verbunden. Jair Bolsonaro wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt und steht derzeit unter Hausarrest.