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Berlin – Er sieht aus wie ein gewöhnlicher 69-jähriger Mann, der im Gericht sitzt. Nichts an ihm ist besonders. Einer, an dem ich auf der Straße vorbeigegangen wäre, ohne mich später an sein Gesicht zu erinnern. Ein zurückgezogener Rentner, wie es ihn in jeder Nachbarschaft geben könnte. Nichts an ihm wirkt angsteinflößend oder bedrohlich. Aber allein in seiner Nähe zu sein, löst in mir Ekel und Übelkeit aus. Als junge Frau sitze ich nur wenige Meter von Frank S. entfernt und weiß, was dieser Mann Frauen angetan hat. Mit System, mit Plan, über Jahre. Ein Serien-Vergewaltiger.

Dass der eigene Körper vergewaltigt und missbraucht wird, gehört zum Schlimmsten, was eine Frau erfahren kann. Dieser Fall eröffnet aber eine neue Dimension der Angst: Was, wenn es passiert und du weißt es nicht mal? Du konntest nicht Nein sagen, dich nicht wehren, deinen Körper nicht schützen.

Sie sehen es, ergötzen sich daran

Und irgendwann erfährst du, dass andere gesehen haben, was deinem Körper angetan wurde, während du selbst keine Erinnerung daran hast. Dein nackter, wehrloser Körper wurde zur Datei, zum Material für andere Männer. Sie sehen es, tauschen es untereinander, ergötzen sich daran. Abgelegt, sortiert, archiviert. Das Perverse hat System.

Dieser Prozess greift mein Vertrauen in andere Menschen an, in Männer, obwohl ich nicht will, dass er das tut. Ich liebe die Männer in meinem Leben und vertraue ihnen. Trotzdem frage ich mich jetzt: Wer sieht solche Videos? Wer teilt sie? Wer schweigt? Wer würde selbst nie eine Frau vergewaltigen, sieht aber zu, wenn es ein anderer tut? Es wäre leichter zu ertragen, wenn man diesen Männern ihre Abgründe ansehen könnte. Wenn diese Entmenschlichung ein Gesicht hätte, vor dem man instinktiv zurückschreckt. Aber das hat sie nicht. Sie kann vollkommen gewöhnlich aussehen. Unauffällig. Normal. Und genau das erschüttert.

Totale Verfügung über einen Menschen

Ich sitze im Gericht und versuche zu begreifen, was nicht zu begreifen ist. Warum muss eine Frau dafür bewusstlos sein? Weil sie sonst Nein sagen, sich wehren, ihn wegstoßen könnte? Ist es ausgerechnet ihre völlige Wehrlosigkeit, die erregt? Geht es überhaupt noch um Sex oder längst um die totale Verfügung über einen Menschen?

Mein Blick geht immer wieder zu Frank S. Zurückgelehnt sitzt er da. Ich suche in seinem Gesicht nach Scham, nach dem Wunsch, sich zu verstecken, nach irgendeinem Zeichen, dass er selbst die Abgründe dessen begreift, was hier verhandelt wird. Aber ich finde nichts.

Während ich dort sitze, sind plötzlich Bilder da. Ich war jung, im Urlaub. Ein Hotelzimmer. Ein Club-Animateur, der an mir zerrt. Ein Kuss. Mein Nein. Dann sehe ich eine Kamera auf einem Stativ, dieses rote Licht. Ich wehre mich, kann weglaufen. Damals sagte ich mir: Es ist nichts passiert. Heute ist nur dieses rote Licht im Gedächtnis geblieben. Und mit ihm manchmal die Frage: Ist wirklich nichts passiert oder erinnere ich mich nur nicht?

Keine Chance, sich zu wehren

Jetzt sitze ich hier und höre von Frauen, die erfahren mussten, dass ihnen das angetan wurde, wovor man sich als Frau am meisten fürchtet. Ohne es zu wissen. Ohne die Chance, sich zu wehren.

Beim Prozess um Gisèle Pelicot in Frankreich hatte ich das Gefühl, der Rachen einer Bestie sei aufgerissen worden, und wir wären gezwungen, hineinzusehen. Der Prozess gegen Frank S. zeigt: Auch hier, in Deutschland, werden Frauen betäubt, wird der Missbrauch gefilmt, werden die Aufnahmen unter Männern geteilt. Es ist nicht nur der Mann, der die Gewalt begeht. Da sind auch diejenigen, die sie sehen wollen, sich darüber austauschen, die Vergewaltigung konsumieren.

Ich gehe aus dem Gericht. Will das bittere Gefühl aus dem Körper schütteln. Aber es lässt mich nicht los. Die Opfer erfuhren erst durch die Ermittlungen davon – und viele wissen es noch gar nicht. Was eine Frau womöglich ihr Leben lang verfolgt, sehen sich andere Männer zu ihrem Vergnügen an. Ihre Hilflosigkeit. Ihre Ohnmacht. Sie warten auf das nächste Video. Für sie ist die Vergewaltigung einer Frau Unterhaltung.

Was ist das für eine Gesellschaft, die dafür nur einen kurzen Moment des Entsetzens übrig hat? Die Frauen nur mahnt, noch mehr aufzupassen. Wenn uns solche abscheulichen Taten nicht mehr bis ins Mark erschüttern, verrohen wir.