Am Ende des Kulturkampfs hatte Wien ein „austrifiziertes Centre Pompidou“
Sie haben sich über die ganze Welt verteilt, von Japan über Albanien bis Spanien. Die Enzis. Die was? Enzis sind Sitz- und Liegemöbel aus Kunststoff, die wie ein klobiges, buntes Plastikboot aussehen. Immer öfter tauchen sie im Stadtbild auf und besonders gern werden sie vor Museen aufgestellt, wie auch vor dem Berliner Humboldt-Forum. Sie signalisieren lockere Abhängatmosphäre statt steifer Hochkulturetikette. Die ikonischen Sitzmöbel verkörpern einen Zeitgeist, der es sich überall bequem zu machen versteht.
Was kaum jemand weiß: Die kultigen Designobjekte wurden für das Museumsquartier in Wien entworfen, das diesen Sommer sein 25-jähriges Bestehen feiert. Und das mit einer Spezialedition der Sitzliegen in den Farben „Sodazitrongelb“ und „Punschkrapferlrosa“.
Die Enzis stehen sinnbildlich für die Erfolgsgeschichte des Museumsquartiers. Geboren aus dem Geist der Improvisation, kann man heute ein Original Enzi oder auch Enzo (die nächste Generation) sogar für den Heimgebrauch bestellen, ab knapp unter 3.000 Euro. Modernes Marketing at its best!
Als das Museumsquartier 2001 eröffnet wurde, brauchte man vor allem robuste und wetterfeste Sitzgelegenheiten für den großen Innenhof der ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen. Dass sich daraus eine weltweit bekannte Marke entwickeln würde, war damals wie auch beim Museumsquartier nicht abzusehen. Gegen die Umgestaltung des Areals gab es nämlich erbitterten Widerstand, wie eine neue Ausstellung rekonstruiert.
Was heute unbestritten eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Wien ist, war einst ein höchst umstrittenes Politikum. Inspiriert von dem 1977 in Paris eröffneten Centre Pompidou, wurde im Wien der 1980er Jahre diskutiert, wie man das Gelände der ehemaligen Hofstallungen des Kaisers künftig nutzt.
Die Idee einer musealen Nutzung ist schon älter, sie kommt von dem berühmten Architekten Otto Wagner aus der Zeit, als direkt gegenüber bereits das Natur- und das Kunsthistorische Museum errichtet wurden. Es blieb um die Jahrhundertwende jedoch bei der Idee und so wurden die Reithallen nach Wagners Tod und dem Sturz der Monarchie als Messehallen genutzt. Ein anderer Plan blieb zum Glück auch nur Idee: Die Nazis wollten den Messepalast durch ein monumentales Gauforum oder neoklassizistische Versammlungshallen ersetzen.
Weil architektonisch alles beim Alten blieb, zog nach 1945 wieder die Messe in die ehemaligen Stallungen ein. Die amerikanischen Besatzungstruppen brachten immerhin neue Sportarten wie Basketball und Tischtennis mit, die im Messepalast ebenso zu sehen waren wie die allerneuesten Rennwagen bei der „Jochen Rindt Show“.
Doch in den 1980er-Jahren verwahrloste das Areal immer mehr. Das zog erkundungs- und experimentierfreudige Künstler an, auch die Wiener Festwochen entdeckten das heruntergekommene Gelände als Spielort. Die kulturellen Zwischennutzungen trugen dazu bei, dass nun auch die Politik eine Neugestaltung als Kulturort bevorzugte, zudem in Wien sowieso ein Standort für ein neues Museum moderner Kunst gesucht wurde.
Welche Kämpfe um das Areal ausgetragen wurden, zeigt die Ausstellung „Vision und Widerstand. Wie das Museumsquartier Wien veränderte“, die noch bis Anfang nächsten Jahres im Freiraum des Museumsquartiers zu sehen ist. Erst musste die Kultur überhaupt eine Chance bekommen und sich gegen die Ideen eines riesigen Einkaufszentrums oder eines Kongresskomplexes mit Hotels durchsetzen. Und dann, mit einem mehrstufigen Wettbewerb zur Um- und Neugestaltung, fing der Ärger erst richtig an. Als „Museumsmonster“, „Tumor“ oder auch „Kulturreaktor samt Schlot“ wurde der Gewinnerentwurf der Architekten Ortner & Ortner bezeichnet. Vor allem der neben Museen und Veranstaltungshalle im Entwurf geplante Leseturm, der die barocke Fischer-von-Erlach-Fassade weithin sichtbar überragte, sorgte für einigen Unmut.
Was sich nun entwickelte, wurde in der Presse auch als „Politschlacht“ bezeichnet. Eine Bürgerinitiative bekämpfte das Projekt und auch die „Kronenzeitung“ mischte mit. Dabei kam es zu abenteuerlichen Querfronten zwischen Grünen und Freiheitlichen, die aus unterschiedlichen Gründen mit dem Entwurf fremdelten. Ein Kulturkampf, der sich entlang der Achsen von Provinzialismus-Kosmopolitismus und Denkmalschutz-Modernismus ausrichtete.
Mehrfach schien das ganze Projekt auf der Kippe zu stehen, die Architekten waren gezwungen, ihren Entwurf zu überarbeiten. Am Ende fiel mit dem Leseturm der größte Streitgegenstand weg, auch die Neubauten wurden etwas kleiner. Aus Vision und Widerstand, so die Ausstellung, entstand ein „austrifiziertes Centre Pompidou“, geboren aus dem Geist des Streits und des Kompromisses.
Kompromisse können zu Totgeburten führen. Trotz vieler Bedenken war das jedoch nicht der Fall. Nach nur drei Jahren Bauzeit wurde das Museumsquartier im Sommer 2001 eröffnet, kurz darauf wurden bereits die Enzis im Hof verteilt. Heute kommen jeden Tag Tausende Besucher. Es locken Museen wie das Leopold Museum und das Mumok, das Tanzquartier, ein Theater für junges Publikum, das Architekturzentrum und vieles mehr.
Es ist wirklich schwer, das Museumsquartier mit seiner freundlichen Atmosphäre nicht zu mögen. Und es entwickelt sich weiter: Demnächst soll mit dem Haus der Geschichte Österreichs ein weiterer Neubau dazukommen. Außerdem wird der Hof begrünt, sodass man etwas Schutz vor der Sonne findet und auf den Enzis im Schatten liegen kann.
Die Geschichte des Museumsquartiers ist eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte. Heute ist die Marke – in der Eigenschreibweise MuseumsQuartier, abgekürzt als MQ – weltweit bekannt. Das Wiener Beispiel zeigt, dass es Stadt- und Kulturpolitik dringend Visionen brauchen, auch wenn das bekanntlich immer seltener wird. Und dass es auch Beharrlichkeit braucht, diese umzusetzen, sei es auch als Kompromiss. Und dass es sich am Ende trotzdem lohnt.
Denn was hätte man heute stattdessen schon von einem Rieseneinkaufszentrum, das vom blühenden Versandhandel leergefegt wird? Jedenfalls keine beliebten Outdoormöbel, die man Enzis nennt. Womit sich andere Städte schwertun, ist in Wien gelungen: lebendige Stadtgestaltung durch Verdichtung, auch im denkmalgeschützten Rahmen. Eine Kulturoase, auf die man stolz sein kann.
„Vision und Widerstand. Wie das Museumsquartier Wien veränderte“ läuft bis zum 25. Januar im Freiraum im Wiener Museumsquartier. Der Katalog zur Ausstellung ist im Czernin-Verlag erschienen und kostet 34 Euro.