Berlin – Guido Westerwelle war FDP-Chef, Außenminister, Vizekanzler. Ein Mensch, der das Leben liebte. Zu seinem 10. Todestag erinnern Weggefährten, politische Gegner wie Freunde, in BILD exklusiv an einen Mann, der schmerzlich vermisst wird.
„Mir persönlich fehlt der Vertraute Guido Westerwelle“
Angela Merkel (71, CDU), Alt-Bundeskanzlerin: „Guido Westerwelle war ein leidenschaftlicher Liberaler in der Tradition von Theodor Heuss, Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff. Mehr noch: Er war ein Ausnahmepolitiker. Er wich keinem Schlagabtausch aus, wenn er seine Ideen und Ziele durchsetzen wollte. Mit ihm verlor Deutschland einen überzeugten Patrioten und ebenso überzeugten Europäer.
Mir persönlich jedoch fehlt vor allem der Vertraute Guido Westerwelle. Denn wir konnten gemeinsam nachdenken, nach der richtigen Lösung von Problemen suchen und – ja, auch das – streiten, ohne dass jemals etwas davon an die Öffentlichkeit gelangte, wenn es nicht öffentlich werden sollte. Vertrauliches vertraulich zu halten – das ist eine heute leider rar gewordene Tugend. Doch es ist eine, ohne die politische Verantwortung, davon bin ich überzeugt, nicht erfolgreich wahrgenommen werden kann.
Guido Westerwelle und ich konnten uns immer aufeinander verlassen. Dafür werde ich immer dankbar sein.“
„Man kann nicht oft genug an die UN-Rede von 2013 erinnern“
Annalena Baerbock (45, Grüne), Ex-Außenministerin: „In einer Zeit, in der die internationale Ordnung, die Charta der Vereinten Nationen und das Völkerrecht relativiert und von manchen sogar offen angegriffen werden, kann man gar nicht oft genug an Guido Westerwelles letzte Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erinnern. Bereits 2013 begründete er eindrucksvoll, warum starke Vereinten Nationen als Herzstück einer Weltordnung, die auf Zusammenarbeit, friedlichen Ausgleich und kooperative Lösungen setzt, im deutschen Interesse und damit Deutschlands Verpflichtung sind.“
„Er würde sich heute mit ganzer Kraft gegen Russlands Unterwerfungskrieg einsetzen“
Johann Wadephul (63, CDU), Außenminister: „Für Guido Westerwelle waren besonders unsere östlichen Nachbarn entscheidend für die Vollendung der inneren Einheit Europas. Seine erste Reise als Außenminister führte ihn folgerichtig nach Warschau. Später habe ich ihn als MdB einmal in die Region begleitet, das war eine Reise, die mich als Außenpolitiker geprägt hat.
Wie sehr unsere europäische Einheit herausgefordert werden würde, hat er im Amt selbst noch erlebt: Seine letzten Tage als Außenminister verbrachte er mit den Demonstranten auf dem Maidan. Ihm war es wichtig, den Rufen der Ukrainerinnen und Ukrainer nach einem Leben in Würde und Selbstbestimmung mehr Gehör zu verschaffen. Ich bin überzeugt, wäre er heute unter uns, er würde sich mit ganzer Kraft gegen Russlands mörderischen Unterwerfungskrieg einsetzen. Westerwelle wäre gerade heute eine herausragende Stütze für die Ukraine.“
„Er hat sich niemals schon im Denken selbst zensiert“
Philipp Rösler (53, FDP), Ex-Vizekanzler und -FDP-Chef: „Im Zweifel für die Freiheit!“. Schon dieses Zitat zeigt, Guido Westerwelle war Optimist und mutig. Er hat den Menschen etwas zugetraut. Zugetraut, dass sie ihr Leben in die Hand nehmen, dass sie Verantwortung übernehmen wollen und können, für sich und andere. Dieses Zutrauen hat ihn in seiner politischen Agenda angetrieben. Für ihn war der Staat Basis und Startrampe in ein selbstständiges, eigenverantwortliches Leben.
In einer Zeit, in der in den meisten deutschen Parlamenten ausschließlich Parteien sind, die bei allen Problemlösungen auf einen starken Staat setzen, anstatt auf eine starke Gesellschaft, ist eine Stimme wie die Westerwelles notwendiger denn je. Er hat den Menschen zugetraut, selbst Lösungen zu finden, denn staatliche Lösungsversuche enden in Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften, in einem mehr an Bürokratie.
Diese Bürokratie ist die moderne Unfreiheit der heutigen Zeit. Westerwelle konnte dies spitz, auf den Punkt, oft humorvoll, aber immer brillant formulieren. Er hat sich niemals schon im Denken selbst zensiert und die oft darauffolgende Kritik in Kauf genommen. Für ihn sollte der Staat für die Bürgerinnen und Bürger da sein, nie andersherum.“
„Er hat keine Debatte gescheut“
Lars Klingbeil (48, SPD), Vizekanzler und Partei-Vorsitzender mit Bärbel Bas (57): „Guido Westerwelle war Vollblut-Politiker, der keine Debatte gescheut hat. Er war streitbar, ganz bewusst – und mit vielen seiner Positionen kann ich mich auch heute nicht anfreunden. Aber: Guido Westerwelles starke Stimme für internationale Verständigung und sein Gespür für Verantwortung würden uns in der Politik auch heute guttun. Er fehlt.“