DIE ZEIT: Herr Ungváry, wie haben Sie den ungarischen Wahlabend erlebt?
Krisztián Ungváry: Ich gehe normalerweise um 22 Uhr ins Bett. Aber am Wahlsonntag war ich bis 3.30 Uhr auf den Straßen in Budapest unterwegs. Ständig hat mich jemand umarmt und sich bei mir bedankt, als sei ich ein gewählter Abgeordneter, dabei mache ich historische Sendungen bei YouTube. Die Menschen haben fast geweint, überall waren junge Leute, die das Gefühl teilten, befreit worden zu sein! Mich hat das an die Wende 1989 erinnert. In Ungarn ist sie im Konsens geschehen: Die Staatspartei hat sich demokratisch transformiert. Jetzt hingegen hat die Staatspartei immer mehr verdeckte und offene Gewalt für den Machterhalt angewendet, inklusive der Bespitzelung von Orbáns politischen Gegnern. Die Orbán-Herrschaft stellt einen Tiefpunkt in der ungarischen Geschichte dar.
ZEIT: Warum?
Ungváry: Ein Jahrtausend lang wurde mit Ausnahme der Zeit des Kommunismus eigentlich nie infrage gestellt, dass Ungarn zum Westen gehören sollte. Außer von marginalen Gruppen – und nun von Orbáns Fidesz-Partei. Während der EU-Mitgliedschaft hat Ungarn prozentual mehr Zuschüsse erhalten als Deutschland durch den Marshallplan. Die vergangenen 16 Jahre hätten das goldene Zeitalter sein müssen. Stattdessen wurden sie zum Zeitalter systematischer, staatlich durchgeführter Ausplünderung im Dienste einer politischen Familie. Das ist die größte Katastrophe.
ZEIT: Orbáns Herausforderer Péter Magyar hat seinen Wahlsieg in eine Reihe gestellt mit den Revolutionen von 1848, als Ungarn gegen die reaktionäre habsburgische Monarchie rebellierte, und 1989. Übertreibt er?
Ungváry: Nein, die Wahl ist in der Tat ein historischer Wendepunkt. Weder die USA noch Russland noch China wollten, dass Orbáns Herrschaft endet. Hier wurde ein System abgewählt, das keine Demokratie im klassischen Sinne war, sondern ein hybrides Regime mit perfiden Methoden zur Einschränkung der Meinungsfreiheit.
ZEIT: Die Erwartungen an Magyar sind nun riesig.
Ungváry: Eine juristische Aufarbeitung der Orbán-Jahre wird bitter notwendig sein. Ich wundere mich nur, wieso Orbán seine Niederlage ohne Wenn und Aber akzeptiert hat.
ZEIT: Das passt eigentlich nicht zu der Entwicklung dieses Mannes.
Ungváry: Viktor Orbán hat gesagt, dass die Bürgermeister auf dem Lande ihm mindestens 500.000 Stimmen liefern müssen. Das ist nicht wenig in Ungarn. Dann wäre es knapp geworden. Aber der Sieg Magyars war zu eindeutig. Dabei muss Fidesz damit rechnen, dass jetzt Rechenschaft für die massenhaften und systematischen Verbrechen gefordert wird. Ich habe das Wort Verbrechen nicht ohne Überlegung gewählt: Dieses System war in seiner Machtausübung eindeutig kriminell. Es organisierte auf kriminelle Art Wahlfälschungen, bedrohte Staatsbedienstete, bespitzelte politische Gegner und missbrauchte die Institutionen des parlamentarischen Systems.
ZEIT: Magyar ist selbst ein Mann des Systems. Kann er tatsächlich die Wende bringen?
Ungváry: Sicher! Nicht nur Péter Magyar war früher Fidesz-Anhänger, auch seine Wähler waren es zu einem sehr erheblichen Teil. Fidesz war früher eine bürgerliche Mitte-Partei.
ZEIT: Das war 2010, als Orbán gewann?
Ungváry: Ja. Für Péter Magyar ist es eher ein Vorteil, dass er kein Linksliberaler ist. Damit erreicht man in Ungarn keine Mehrheit.
ZEIT: Es war also geschickt, dass er den Kampf gegen die Korruption mit Nationalismus verknüpft hat?
Ungváry: Nationalismus ist in der deutschen Sprache negativ besetzt, deshalb würde ich von Patriotismus sprechen. Und hier zeigt sich, wie entwicklungsfähig Magyar ist. Früher zitierte er Albert Wass …
ZEIT: … einen völkischen ungarischen Autor, der antisemitische Schriften verfasste.
Ungváry: Nun zitiert er den konservativ-liberalen Schriftsteller Sándor Márai. Er hat enorm viel dazugelernt in den vergangenen zwei Jahren. Magyar trägt sicherlich eine große politische und kulturelle Last mit seiner Fidesz-Vergangenheit. Aber er baut sie systematisch ab.
ZEIT: Nach seinem Sieg hat Magyar sich an alle Ungarn gewandt. Kann er die starke Polarisierung des Landes überwinden?
Ungváry: Er hat diese Sprache gewählt, weil die wichtigste These Orbáns war, die Opposition sei nicht ungarisch und vertrete keine ungarischen Interessen. Solche Aussagen sind am Rande des Nationalsozialismus zu verorten und bewegen sich im Freund-Feind-Schema des Staatsrechtlers Carl Schmitt: Wer nicht für Fidesz ist, ist kein Ungar. Péter Magyar hat schon aus praktischer Sicht das Gegenteil davon sagen müssen. Er muss auf eine Einheit der Gesellschaft setzen.