Zu den Eigenschaften von Friedrich Merz, mit denen er sich als Kanzler selbst herausfordert, gehört sein Talent zur freien Rede. Merz, so geht diese Beobachtung, adressiert immer zunächst das Publikum, das gerade vor ihm sitzt, lässt sich impulsiv forttragen, mal zur Rührung, mal von der Wut, mal ins Unbedachte, wo er dann auf Kosten Dritter, die gerade nicht im Raum sind, einen polemischen Punkt macht. Und die das dann aber doch bald spitzkriegen und entsprechend irritiert sind.
Insofern liegt es aktuell nur allzu nahe, sich in kabarettistischer Pose vor die Stirn zu schlagen und dem deutschen Bundeskanzler diplomatische Unbedarftheit vorzurechnen: Merz wieder! Gefällt sich vor Schülern im Sauerland darin, den Irankrieg der USA und Israels schlechtzumachen, die USA gar »gedemütigt« zu nennen und ihnen vorzuwerfen, »keine Strategie« zu haben! Und wir zahlen jetzt alle die Zeche, wenn Strafzölle niedergehen und US-Truppen aus Deutschland abgezogen werden. Der impulsive Merz ruiniert die deutsche Konjunktur und
gefährdet die europäische Sicherheit. Er ist, um dann auch noch diese
feministische Pointe zu bringen, einfach zu emotional, um Kanzler zu
sein. Na, schönen Dank auch!
Zwei Fragen kann man zu dieser Lesart stellen. Die erste ist: Stimmt das überhaupt? Die zweite ist: Und wenn schon? Es könnte ja auch sein, dass sich der deutsche Bundeskanzler von einem vordergründig guten Verhältnis mit Donald Trump nicht mehr viel verspricht. Weil der seine Drohungen selten wahr macht, einerseits. Und weil man andererseits ohnehin nicht auf seine militärische Hilfe zählen kann. Ob die US-Soldaten in Deutschland bei einem Angriff Putins auf Europa wirklich in den Nato-Bündnisfall treten: Wer weiß das schon?
Das alles klingt, natürlich, einigermaßen verrückt, aber die Frage ist, wer hier eigentlich verrückt ist. Und die naheliegende Antwort sollte lauten: sicher nicht Friedrich Merz. Sicher ist niemand in Europa verrückt, der spätestens seit JD Vances Auftritt bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 nichts mehr für gegeben und, auch über die Person Donald Trump hinaus, alles für möglich hält. Und deshalb auch irgendwann unsicher wird, ob die Strategie des Appeasements wirklich so vielversprechend ist.
Insofern könnte man Merz’ plötzliche rhetorische Attacke auf die USA auch schlicht als Strategiewechsel lesen,
auch in dieser Form, als Testballon aus der deutschen Provinz, lässig
dargebracht vor einem europäischen Sternenhimmel mit von Schülerhand
gemalten Peacezeichen und EU-Flaggen. Was dabei längerfristig herauskommt an transatlantischem Verhältnis, ist im Zweifel belastbarer als das dünne Eis, auf dem Regierungschefs wie Merz und Nato-Generalsekretär Mark Rutte bis hierhin in stark gebückter Haltung tänzelten. Und wenn Merz sich nun bald – was ja sein kann – erneut unterwirft, Trump daraufhin toxisch triumphiert und eine große Versöhnung inszeniert, dann könnte man das immerhin so lesen, dass Merz den US-Präsidenten zu seinen Gunsten manipuliert hat, um ihm emotional noch näherzukommen.
Zugegeben: Wahrscheinlich ist es nicht, dass Friedrich Merz sich im sauerländischen Marsberg als postmoderner Politiker und strategischer Spieler neu erfunden hat. Wahrscheinlicher ist, dass Merz angesichts seiner Abscheu vor dem iranischen Regime umso wütender ist, wie dilettantisch und wenig erfolgreich es angegriffen wurde.
Recht hat der Mann!
Wahrscheinlicher ist auch, dass der Transatlantiker Friedrich Merz immer noch daran glaubt, dass ein kritisches Wort »unter Freunden« verstanden, verziehen, gar – nach einer kurzen Aufwallung – geschätzt wird. Und dass da schon irgendwer ist, der Donald Trump davon abhält, sich wirtschaftlich und militärisch ins eigene Fleisch zu schneiden, indem er zusätzlich Zölle verhängt und Truppen aus Europa abzieht.
Doch Intention ist ohnehin nur die halbe Miete – und Merz’ Aussage eher ein Punkt, an dem sich etwas zeigt. Denn der naheliegende Impuls, ihm hier strategische Dummheit vorzuwerfen, betreibt auf besonders perfide Weise eine Täter-Opfer-Umkehr in der Normalisierung Donald Trumps. Dass für Trump eigene Maßstäbe gelten, ist angesichts der Machtmöglichkeiten seines Herrschergebarens zwar einerseits nachvollziehbar. Andererseits gibt es immer einen Punkt, wo sich Mittel und Zweck von Politik umkehren und also aus dem strategischen Zugeständnis an ihn eine Mittäterschaft wird.
Friedrich Merz hat sich nun aus diesem Zusammenhang gelöst. Und vielleicht hat er dabei tatsächlich vergessen, »dass das Publikum eines Bundeskanzlers immer deutlich größer ist, als er sehen kann«, wie die nun schrieb.
Gerade
wenn er Trump als strategielos kritisiert und als gedemütigt
herausfordert, gebührt ihm aber erst mal Klartext als Unterstützung:
Recht hat der Mann. Mehr noch: Es ist auch ein Zeichen des Respekts gegenüber den denkenden Menschen im eigenen Land, dass er das so ausspricht. Viele fragen
sich schließlich spätestens seit Trumps Wiederwahl immer wieder: Bin
ich eigentlich verrückt geworden – oder sind es die Verhältnisse? Friedrich Merz, so ist ebenfalls in der zu lesen, nimmt sein jeweiliges Publikum ernst. In diesem Fall trifft das nicht nur auf die Schülerinnen und Schüler im Sauerland zu.