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„Wenn dann die russische Hymne gespielt wird …“

Dieses Thema dominiert vor der Eröffnung am Abend die Paralympics: Im Gegensatz zu den Olympischen Spielen dürfen bei den Paralympics russische und belarussische Sportler unter den Flaggen ihres Landes antreten. Deshalb boykottieren die Ukraine, aber auch andere Länder die Eröffnungsfeier in Verona. Auch das deutsche Team wird keine Sportler zum Auftakt der Spiele schicken, redet aber nicht von einem Boykott. Hier spricht Marco Maier, Para-Skilangläufer und -Biathlet sowie Athletensprecher, über die Kontroverse.

DIE ZEIT: Herr Maier, hatten Sie sich auf die Eröffnungsfeier gefreut?

Marco Maier: Auf jeden Fall. Das ist ja ein Highlight der Spiele. Man stellt sich vor, dass man mit der ganzen Mannschaft in ein gefülltes Stadion einläuft, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Dass eine unvergessliche Atmosphäre herrscht.

ZEIT: Irgendwann aber stand fest, dass die Eröffnungsfeier nicht im San Siro stattfindet wie bei den Olympischen Spielen, sondern in Verona. Und pro Nation nur zwei Sportler einlaufen dürfen.

Maier: Für uns ist das unverständlich. Verona wollte diese Feier und die Arena ist sicher superschön. Aber wir wären vier Stunden hingefahren und dann nachts um zwei Uhr zurück gewesen, um am nächsten Tag einen Wettkampf zu bestreiten, auf den wir uns vier Jahre vorbereitet haben. Ich halte es auch für einen Fehler, nur zwei Plätze freizugeben und nicht zu sagen, es kann jeder kommen. Und warum kann man das nicht anders lösen? Dass die verschiedene Orten wenigstens live per Video zur gleichen Zeit zusammengeschaltet werden wie bei den Olympischen Spielen? Stattdessen haben wir vorab Videobotschaften aufgenommen, die dann ausgestrahlt werden. Flair hat das nicht.

ZEIT: Dazu kommt das große Aufregerthema vor diesen Spielen: Sechs russische und vier belarussische Athleten sind dabei. Die starten aber nicht wie bei Olympia unter neutraler Flagge, sondern mit Nationalflagge und Hymne und allem, was dazu gehört. Deshalb hat sich das deutsche Team entschlossen, die Eröffnungsfeier zu boykottieren.

Maier: Boykott ist das falsche Wort. Wir haben entschieden, dass es für uns keinen Sinn macht, zur Eröffnungsfeier zu gehen. Wegen des Zeitproblems. Und um solidarisch mit der Ukraine zu sein. Aber wir haben ja trotzdem an der Videoaufzeichnung für die Feier teilgenommen und zeigen damit, dass wir als Nation auch teilnehmen.

ZEIT: Aber ist das Zeichen an die Ukraine dann noch so groß, wenn man eh nicht so richtig Lust drauf hatte?

Maier: Wir hatten schon Lust. Wir hätten es auch möglich gemacht. Aber wir haben nach gemeinsamen Abwägungen aus den genannten Gründen anders entschieden.

ZEIT: Was halten Sie davon, dass nun russische und belarussische Athleten dabei sind?

Maier: Ich halte es für falsch. Man hätte es so lösen können wie bei den Olympischen Spielen, als sie als neutrale Athleten gestartet sind. Es wäre schwer, mit ansehen zu müssen, wenn ein russischer und ein ukrainischer Athlet auf dem Podium stehen, und dann die russische Hymne gespielt wird. Die Situation kann in gewissen Klassen tatsächlich entstehen. Die Ukraine stellt eines der größten Teams.

ZEIT: Verstehen Sie die juristische Begründung, warum Russen und Belarussen dabei sind?

Maier: Hundertprozentig nicht, nein. In einem Gespräch des Deutschlandfunks, bei dem neben mir auch noch ein Jurist war, habe ich gelernt, dass der Internationale Sportgerichtshof CAS so geurteilt hat und das IPC am Ende keine andere Wahl hatte. Im Kern scheint es um die Statuten des IPC zu gehen, die anders sind als die des IOC. Vielleicht müsste man die mal ändern.

ZEIT: Nervt es Sie, dass es vorab mal wieder nicht im Sport, sondern um Politik geht?

Maier: Nein, das nervt mich nicht. Vor den Spielen in Peking war das auch so. Da hatte Russland gerade die Ukraine überfallen und viele Länder haben mit einem Boykott der Paralympics gedroht, sollten Russen mitmachen dürfen. Sie wurden dann auf diesen Druck hin suspendiert. Auch da habe ich vor der Eröffnung viele Interviews zu diesem Thema geben müssen. Aber das gehört zu meinem Job. Ich beantworte die Fragen in diesem Fall sogar gerne, weil ich viele ukrainische Sportler schon sehr lange kenne und mit ihnen befreundet bin. Da finde ich es wichtig, sich zu äußern. Das ist die einzige Möglichkeit, dass Athleten auf der großen politischen Bühne eine Stimme haben. Die sollte man nutzen.

ZEIT: Sie haben in Peking zweimal Silber geholt. Was geht denn dieses Jahr?

Maier: So richtig sagen kann ich es noch nicht. Ich habe mich die ganze Saison sehr fit gefühlt, dann bin ich leider krank geworden, konnte eine Woche nicht trainieren. Damit habe ich noch ein bisschen zu kämpfen. Ich hoffe, dieses eine letzte Prozent, das gerade fehlt, kommt bis Samstag zurück.

ZEIT: Sie starten sowohl im Langlauf als auch im Biathlon. Was macht Ihnen mehr Spaß?

Maier: Grundsätzlich Biathlon. Mein Lieblingsrennen aber ist der Langlaufsprint in der freien Technik, klassisch macht mir nicht so viel Spaß. Der Sprint ist ein kurzer, direkter Wettkampf, Mann gegen Mann. Manchmal geht es in den Zielsprint, da muss man alles aus sich rausholen. Sonst mag ich Biathlon mehr, weil das ja zwei Sportarten in einer sind, das Auspowern im Langlaufen und die Konzentration am Schießstand. Und die 20 Sekunden Mattenpause nehme ich auch gerne.

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