Deutsch

Starke Gefühle

Sie hat alles unter Kontrolle

Es ist nicht leicht, Jutta Leerdam zu sein. Sagt Jutta Leerdam. Tag zehn der Spiele, gerade ist die niederländische Eisschnellläuferin Zweite über 500 Meter geworden; die Silbermedaille hängt noch um ihren Hals. Mit ihren 1,81 Meter überragt sie im orange-blauen Rennanzug viele der Reporter, die ihr in der Mixed Zone des Speed Skating Stadium die Aufnahmegeräte entgegenstrecken, um ein Wort von der wohl größten Reizfigur dieser Spiele zu erhaschen.

Über 1.000 Meter hat sie bereits Gold gewonnen. Seither ist die Zahl ihrer Follower allein auf Instagram weit über die Sechs-Millionen-Marke geklettert. Auf der Plattform stellt die Tochter eines Tomatenbauern ihren Körper und das Jetset-Leben aus, das sie mit Jake Paul führt, einem US-Boxer und Trump-Unterstützer: ihre Flüge im Privatjet, ihre Verlobung in einem Meer weißer Rosen, ihr Bad mit ihm im Pool.

Leerdams vielleicht wichtigstes Bild, ihr Markenzeichen: nach der Zieldurchfahrt den Rennanzug so weit zu öffnen, dass die Sportunterwäsche des Sponsors sichtbar wird.

Für all das wird Jutta Leerdam gefeiert. Und beschimpft. Zwar hat sie den Eisschnelllauf, der nur in den Niederlanden Nationalsport ist, aus der Nische zu weltweiter Aufmerksamkeit geführt. Sie versteht sich als Vorbild für Mädchen, die ihren eigenen Weg gehen wollen, erklärt sie. Bereits als Elfjährige wechselte sie vom Hockeyfeld aufs Eis, weil sie dort, anders als im Teamsport, die volle Kontrolle über sich selbst und ihren Erfolg habe. Nun muss sie mit dem Vorwurf der Arroganz leben – und damit, dass über alles, was sie selbst von sich berichtet, alle anderen berichten.

Der ganze sei „manchmal hart“, erklärt die Skatefluencerin den Reportern in der Eishalle. Vor den Spielen hatte sie sich geweigert, mit der Presse zu reden, auf der olympischen Bühne muss sie es, so will es das IOC. Sie tut es souverän, mitunter spöttisch, das Handy stets im Blick. Viele Geschichten über sie seien erfunden. „Aber ich bin sehr gut darin, damit umzugehen.“ Etwa mit der Falschmeldung, sie habe mit dem amerikanischen Eislaufstar Jordan Stolz trainiert. Als sie ihn dann wirklich traf, verabredeten sie kurzerhand die Überführung der Ente in die Realität und liefen ein paar Runden auf dem Mailänder Eis. „Ich habe mein Gehirn regelrecht reprogrammiert, sich nur auf das zu fokussieren, was ich kontrollieren kann“, sagt diese große Frau. Und geht ab.

In der Leaders Box

Sieg, Niederlage, Sieg, Niederlage, herrje, geht es denn wirklich immer nur darum? Fliegt das Herz nicht viel höher und weiter in dem Moment – wenn alles möglich, weil nichts schon entschieden ist?

Bei Olympia gibt es selbst für diese Momente einen abgekordelten Bereich, die Leaders Box. Dort halten sich Führende so lange auf, bis eben jemand anderes führt. Und wie es sich anfühlen kann, in dieser Box zu stehen, davon war beim Monobob ein tausendschöner Eindruck zu gewinnen. Nach drei von vier Läufen hatte Laura Nolte geführt, nun schob sie ein letztes Mal an. Am Ziel, in der Leaders Box, stand Elana Meyers Taylor, Tendenz auf Silber, aber da war auch ein Flirren in der Luft.

So oft im Leben hat Ungewissheit etwas Bedrohliches, für Meyers Taylor wurde sie jetzt zur Verheißung, mit dem Schrittmaß von Sekundenbruchteilen. Nolte geriet bald 0,07 Sekunden in Rückstand, dieser verkleinerte sich dann wieder auf 0,06.

Und im Ziel? Wir gedulden uns noch einen letzten Moment.

Denn es geht hier nicht um das Ergebnis, es geht um die Schönheit der Chance, um die unstillbare Lust zu hoffen – und damit, auf eine Art, auch um das, was Manès Sperber die „kategorische Zurückweisung der Mutlosigkeit“ nannte und Monaco Franze umschrieb mit „A bisserl was geht immer“. Manchmal hilft dieses Denken: Am Ende hatte Nolte vier Hundertstel Rückstand auf Meyers Taylor.

Moonwalk auf dem Eis

Das Schöne an Olympia ist ja, dass nicht nur diejenigen zu Helden werden können, die schier Übermenschliches zustande bringen, sondern auch ganz normale Leute, die einfach ihren Job machen. Der französische Materialwart beim Eishockey zum Beispiel. Als dem Torwart seines Teams eine Kufe brach, schlitterte er übers Feld, mit der rettenden Ersatzkufe. Zwischen den Eishockeybullen sah er klein, fast verloren aus. Jedenfalls nervös. Das Publikum schien das zu spüren. Als er die neue Kufe am Schuh des Torwarts befestigte, bejubelte es ihn. So schnell er konnte, watschelte der gute Mann vom Eis. Zurück in der Box – leicht errötet – lächelte er.

Das größte Starpotenzial aber hat der Herr, der das Eis beim Curling präpariert. Dazu moonwalkt er lässig übers Spielfeld und versprüht aus einer Vorrichtung auf seinem Rücken demineralisiertes Wasser. heißt dieser Vorgang und Mark Callan der Mann, der damit als „Michael Jackson des Curling“ berühmt wurde. In einem Interview erklärte er, wie schwierig es sei, seinen eigenen Stil zu finden, und worauf man dabei achten müsse: Die Stadion- und die Eistemperatur, die Feuchtigkeit, die Athleten, die Stimmung. Er müsse sich jeden Tag neu darauf einstellen und dürfe nicht aus der Übung kommen. Klingt fast wie ein Sport.

Ab in den Wald

Wenn Dinge schieflaufen, einfach alles hinschmeißen und ab in den Wald: Wer bitte hat diesen Drang nie verspürt? In diesem Sinne ist Atle Lie McGrath einer von uns. Ein Millionenpublikum konnte am Montag live dabei zusehen, wie der Norweger einfach Reißaus nahm. In Skistiefeln stapfte er abseits der Piste durch den Schnee, stolperte, rappelte sich auf, lief auf ein Wäldchen zu. Eben war McGrath, Slalomgold vor Augen, bei seinem zweiten Lauf in Bormio ausgeschieden. Hatte seine Stöcke übers Fangnetz gefeuert, seine Skier abgeschnallt – und war losgestiefelt.

Es mag ein höchst skandinavisches Verhalten sein, im Wald Trost zu suchen. Aber auch deutschen Romantikern dürfte der Gedanke liegen. Und wer die Bilder sah, wie der Skiprofi auf die weißen Bäume zulief, der ahnte: Alles würde wieder gut, schon bald.

Irgendwann ließ sich McGrath fallen und blieb liegen. Als hoffte er, er könne im Schnee verschwinden. Was rund um eine olympischen Skistrecke aber schwierig ist. McGrath sagte später, er habe gehofft, etwas Frieden und Ruhe zu finden. Nur weg von allen habe er gewollt. Das aber habe wegen der Fotografen nicht recht geklappt, bilanzierte er.

Gebraucht hat McGrath diesen Fluchtmoment nicht nur weil er frustriert war, sondern auch aus einem ganz anderen Grund: Er fuhr für seinen Großvater. Der war am Tag der Eröffnungsfeier gestorben.

Die Unzerstörbare

Es ist wichtig, die vielen Brüche in Lindsey Vonns Biografie zu kennen, bevor sich der Zauber erschließt. Zumindest annäherungsweise. In TV-Interviews scheitert die Skirennfahrerin aus Minnesota selbst beim Aufzählen ihrer bisherigen Verletzungen. Oberarm gebrochen, kleiner Finger, Knöchel, linkes Knie kaputt, rechtes Knie enthält Ersatzteile, Meniskus gerissen, Kreuzband auch … und einmal hat ein Sektkorken bei einer Siegerehrung in Frankreich ihre Daumensehne zerstört. Da ist es eher ein Detail, dass sich Lindsey Vonn, 41, gut eine Woche vor den Olympischen Spielen bei einem Sturz auf einer Schweizer Piste ein Kreuzband gerissen hat. Sie startete trotzdem, raste 13 Sekunden über die Piste in Cortina d’Ampezzo, dann blieb sie in einem Tor hängen und überschlug sich mehrfach. Zehn Tage und vier Operationen später sind die Botschaften von Lindsey Vonn, die sich das Klinikbett mit einem Beingestellungetüm teilt, ein zuverlässiger Quell der Lebensfreude. Es gehe ihr sie mache Fortschritte (genau genommen sind Schritte noch unmöglich). Sie bereue nichts, allein die Chance, beim Rennen zu starten, sei ihr persönlicher Sieg gewesen. Wir sehen Freundinnen, die der Sportlerin die Haare waschen, und ihr Lächeln, das ausgelassen ist und groß und amerikanisch, und für einen Moment ist man froh, dass eben nicht alles politisch ist. Oder gar vernünftig.

Zerrissene Herzen

Sie saßen zu zweit vor dem Laptop in Mailand, erzählt Rick Maes, Sportreporter der Er und sein Kollege Les Carpenter waren der Redaktionskonferenz zugeschaltet, bei der verkündet wurde, dass die Zeitung ein Drittel der Journalisten einspart. Maes darf bleiben. Carpenter muss gehen. „Glückwunsch“, sagte Carpenter zu Maes. In zwei Tagen würden die Spiele beginnen.

Nur drei von mehr als 40 Redakteuren des legendären Sportressorts der behalten ihren Job, Maes und zwei andere. Künftig sollen sie Sport als „kulturelles und gesellschaftliches Phänomen“ beschreiben. Als hätten sie das nicht seit Jahrzehnten getan. „Ich habe eine Familie verloren“, sagt Rick Maes, und ich verstehe ihn. In Ausnahmezeiten, wie es Olympische Spiele für Sportjournalisten sind, sieht man Kollegen öfter als die eigenen Kinder.

Wir treffen uns in einer Bar in Bormio. Maes macht viele Pausen beim Sprechen. „Der schwierige Teil meines Lebens beginnt jetzt immer, wenn ich nicht arbeite“, sagt er. Er zeigt mir Bilder von leeren Apartments. Alle für seine Kollegen gebucht, aber kaum einer ist da. Nur vier Reporter sind trotz der Warnung, sie könnten ihren Job verlieren, geflogen. Sie schicken wie immer ihre brillanten Texte nach Washington: darüber, wie man eine Halfpipe präpariert und warum die US-Athleten bei diesen Spielen mit zerrissenen Herzen antreten. Ein Gefühl, das sie ziemlich gut kennen.

Zwei Tobis, acht Medaillen

Sechs Olympiamedaillen hatten die Rennrodler Tobias Wendl und Tobias Arlt vor diesen Spielen gemeinsam gewonnen, alle in Gold. 2014, 2018 und 2022 waren sie jeweils Doppelolympiasieger. Zehnmalige Weltmeister im Doppelsitzer sind Wendl und Arlt, genannt „die Tobis“, auch. Man könnte meinen, solche Dauergewinner interessierten sich nicht für zweite oder dritte Plätze. Bis vergangene Woche in Cortina d’Ampezzo.

Auf der Rodelbahn haben die Tobis dort im Training zunächst massive Materialprobleme. Vor dem Rennen tüfteln sie bis in die Nacht.

Der erste von zwei Läufen gelingt ihnen dann besser als im Training, ist für ihre Verhältnisse aber noch schwach. Platz fünf. Im zweiten Lauf steigern sie sich: Bevor die führenden Amerikaner starten, sind sie Dritte. Und weil die Amerikaner Fehler machen, bleiben Wendl und Arlt Dritte und gewinnen Bronze.

Niemand, auch nicht die Sieger aus Italien, jubelt so ausgelassen wie sie. Mehrmals fallen sie sich um den Hals. Sie bejubeln ihre siebte Olympiamedaille, als wäre es ihre erste.

Einen Tag später gewinnen die Tobis in ihrem letzten olympischen Rennen mit dem deutschen Team Gold. Mit siebenmal Gold und einmal Bronze sind sie nun die erfolgreichsten Winterolympioniken Deutschlands.

Mehr lesen