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Zahl der Insolvenzen steigt weiter – und die betroffenen Firmen werden größer

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Der Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland geht ungebremst weiter. Rund 12.900 Fälle meldet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform für das erste Halbjahr, das ist ein Plus von fast acht Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und der höchste Stand seit 2013.

„Immer mehr Unternehmen geraten zwischen die Auswirkungen von schwacher Nachfrage, hohen Kosten und anhaltender Unsicherheit“, sagt Patrick-Ludwig Hantzsch, der Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Und vielen fehle mittlerweile die Stabilität, um sich zu behaupten. „Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Stagnation und Rezession sind viele Betriebe finanziell geschwächt.“

Hantzsch sieht weiterhin keine Anzeichen für eine Verbesserung. Im Gegenteil: Statt des erhofften Konjunkturaufschwungs habe der Nahost-Konflikt die Lage weiter verschärft, beschreibt der Ökonom. Vor allem der starke Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise habe die Unternehmen belastet. Seine düstere Prognose: „Der Pleite-Höhepunkt ist noch nicht erreicht.“ Die Lage wird sich erst wieder stabilisieren, wenn die Wirtschaft wächst. „Nach jetzigem Stand also frühestens 2027.“

Der Schaden für die Volkswirtschaft ist enorm. Insolvenzgläubiger, also etwa Lieferanten, Kreditgeber und Sozialversicherungsträger, mussten im ersten Halbjahr erneut überdurchschnittlich hohe Ausfälle hinnehmen, heißt es von Creditreform.

Zwar liegt der finanzielle Schaden mit geschätzten 28,5 Milliarden Euro leicht unter dem Vergleichswert von Mitte 2025. Gleichwohl übersteigt diese Zahl gleich mehrmals den Gesamtschaden kompletter Jahre in der vergangenen Dekade. Es kann passieren, dass Gläubigerforderungen im Verlauf eines Verfahrens noch ganz oder zumindest teilweise bedient werden. Einschlägige Untersuchungen zeigen aber, dass in mehr als 90 Prozent der Fälle der Großteil des Geldes weg ist.

Kritisch ist das Insolvenzgeschehen für den Arbeitsmarkt. 165.000 Jobs waren von Januar bis Juni betroffen, das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Grund ist die deutlich gestiegene Zahl an Großinsolvenzen, also von Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern. Um 28,6 Prozent ist diese Zahl im ersten Halbjahr gestiegen.

Beispiele sind die Hotelkette Revo Hospitality Group mit rund 5000 Beschäftigten sowie die Supermarktkette Feneberg Lebensmittel aus dem Allgäu mit rund 2900 Mitarbeitern. Den Großteil machen gleichwohl weiterhin Klein- und Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten aus. Gut 80 Prozent der Pleiten fallen in diese Kategorie.

Dazu gehören üblicherweise auch junge Firmen. Und in diesem Feld gibt es derzeit einen regelrechten Sprung bei den Pleitezahlen, meldet Creditreform. Konkret sind es 25,3 Prozent bei Firmen, die noch keine zwei Jahre alt sind, und elf Prozent bei Unternehmen im Alter von drei bis vier Jahren. „Nach der Gründung in die Insolvenz“, steht dementsprechend in der Halbjahresanalyse. Ökonom Hantzsch hat dafür aber eine einfache Erklärung. „Nach jahrelangem Rückgang werden wieder mehr Unternehmen gegründet. Viele Menschen suchen ihr Heil in der Selbstständigkeit, weil die Spannungen am Arbeitsmarkt signifikant zunehmen. Mehr Gründungen heißt aber auch mehr Scheitern. Das schwierige Umfeld verzeiht keine Fehlkalkulationen.“

Bei den betroffenen Wirtschaftsbereichen fällt der Dienstleistungssektor ins Auge, der ohnehin seit Jahren den größten Anteil der Insolvenzen ausmacht. Um 12,6 Prozent ist dort die Zahl der Pleiten gestiegen, zeigt die Creditreform-Auswertung. Zumal der Druck noch mal höher ist, wie Ökonom Hantzsch beschreibt. „Viele Betriebe sind klein, verfügen nur über begrenzte finanzielle Reserven und hängen oft von wenigen Auftraggebern ab. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz deren Geschäftsmodell. Wer sich nicht schnell genug anpasst, gerät ins Hintertreffen und wird selbst zum Treiber der steigenden Insolvenzzahlen.“

Ein Plus bei den Insolvenzen gibt es auch im Bausektor, konkret um 4,5 Prozent. Das verarbeitende Gewerbe wiederum hat sich stabilisiert. Und im Handel gibt es gegen den Trend sogar ein leichtes Minus bei den Zahlen. „Das dürfte unter anderem auf eine bereits in der Vergangenheit erfolgte Marktbereinigung sowie die Anpassung der Unternehmen an die schwierigen Rahmenbedingungen zurückzuführen sein“, heißt es von Creditreform. Wobei es zuletzt erneut prominente Fälle gab, wie die Baumarktkette Hellweg oder den Non-Food-Discounter Mäc-Geiz.

Und Sorgen sind in der Branche weiterhin vorhanden, das zeigt eine Umfrage des Münchener Ifo-Instituts. Demnach bangt jede zwölfte Firma in Deutschland um die eigene Existenz, also gut acht Prozent der befragten Unternehmen. Im Einzelhandel liegt dieser Wert aber bei 17 Prozent, ist damit deutlich überdurchschnittlich und laut den Ifo-Forschern auf einem neuen Höchststand.

„Insolvenzen sind grundsätzlich ein nachgelagerter Prozess“

Hauptprobleme seien die Kaufzurückhaltung vieler Verbraucher, der wachsende Online-Handel und die Konkurrenz von Billiganbietern aus dem Ausland. Klaus Wohlrabe, der Leiter Umfrage beim Ifo-Institut, nennt die Lage daher angespannt, sowohl im Handel als auch in anderen Wirtschaftsbereichen. „Die Insolvenzzahlen dürften vor dem Hintergrund der geopolitischen Unsicherheit in den kommenden Monaten auf einem hohen Niveau bleiben.“

Das befürchtet auch der Berufsverband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID), speziell mit Verweis auf den Iran-Krieg. „Insolvenzen sind grundsätzlich ein nachgelagerter Prozess. Zwischen ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten und einem Insolvenzantrag liegen regelmäßig mehrere Monate“, sagt der VID-Vorsitzende Christoph Niering. Noch also sei die Eskalation im Nahen Osten zu kurz, um bereits flächendeckende Auswirkungen auf die Insolvenzzahlen zu entfalten. Das also könne erst noch bevorstehen. Im Bereich Verkehr und Lagerei sei die Insolvenzentwicklung zuletzt aber auffällig und überdurchschnittlich gewesen.

Wie groß der Druck mittlerweile ist, zeigt auch eine Analyse des Kreditversicherers Coface. Steigende Beschaffungskosten, volatile Energiepreise und wachsende Unsicherheit setzen Unternehmen spürbar unter Druck und dämpfen Investitionsentscheidungen, heißt es in der Untersuchung. Coface hebt deswegen seine globale Insolvenzprognose an. Erwartet werden für das Gesamtjahr sechs Prozent mehr Insolvenzen – und damit mehr als doppelt so viele wie noch zu Jahresbeginn prognostiziert.

Für Deutschland rechnet Coface mit einem Anstieg um rund fünf Prozent. „Schwächeres Wirtschaftswachstum, höhere Leitzinsen, strengere Kreditvergaberegeln, gestiegene Energiekosten und ein hohes Maß an politischer Unsicherheit wirken sich in Deutschland zunehmend negativ auf Insolvenzrisiken aus“, begründet Coface-Volkswirt Markus Kuger.

„Die Kombination aus hohen Kosten, sinkenden Margen und erschwertem Zugang zu Finanzierungen schränkt die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen zunehmend ein. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Unternehmen, da sie häufig weniger diversifiziert und anfälliger für Liquiditätsschwankungen sind.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.