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Oft sind es die kleinen Dinge, die einem auf den Zeiger gehen und sich summieren. Das laute Atmen des Ehepartners, die schlampig zugeschraubte Flasche im Kühlschrank oder der zusammengeknüllte Spüllappen.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist es nicht anders. Natürlich ist das Gebaren von Fifa-Boss Gianni Infantino, der die DNA von US-Präsident Trump an der Stirn zu haben scheint, inakzeptabel. Auch, dass die deutsche Nationalmannschaft wieder knapp am Titel vorbeigeschrammt ist und die Fans nicht zu 100 Prozent zufriedengestellt hat, ist nervig. Aber auch rund um die Spiele in Kanada, Mexiko und den USA sind es oft die vermeintlich kleinen Dinge, die einem keine andere Wahl lassen, als sich darüber aufzuregen.

1. Hydration Break – Werbung bei unmenschlichen 19 Grad

Das Wunderbare am Fußball sind die 90 Minuten auf dem Rasen. Bis zur Weltmeisterschaft waren diese eineinhalb Stunden trotz aller Show und Kommerzialisierung purer Fußball. Aus und vorbei, denn jetzt gibt es Hydration Breaks.

Auch bei 19 Grad und leichter Bewölkung oder in klimatisierten Stadien muss der Schiedsrichter das Spiel rund um die 22. und 67. Minute unterbrechen. Natürlich nicht, damit die Spieler, die diesen schier unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt sind, sich erholen können. Es geht um Geld – wohl kaum eine Werbezeit ist kostbarer als die mitten im Spiel. Die Trinkpausen, die bei Temperaturen jenseits von 28 Grad völlig in Ordnung und nachvollziehbar sind, haben den Fußball binnen drei Wochen verändert: Der Spielfluss geht verloren, und die Stimmung im Stadion erlischt.

2. Hey Baby, Macarena is living on a prayer

Die Hydration Breaks haben eine weitere Schattenseite. Die Öffentlich-Rechtlichen und Magenta stopfen nicht die kompletten drei Minuten mit Werbung voll. Obwohl noch locker ein weiterer KI-animierter Spot für einen Wettanbieter Platz finden würde, schalten sie eine Minute vor Wiederanpfiff zurück ins Stadion. Und da gibt es jedes Mal die volle Dröhnung auf die Ohren. Mehr heavy rotation als in den WM-Arenen ist nicht möglich – drei Lieder in Dauerschleife.

DJ Ötzi bettelt darum, dass eine Dame ihm doch endlich mal sein Girl wird. Der Après-Ski-Barde aus Österreich scheint das Nein von „Baby“ nicht zu akzeptieren, sonst würde er es ja nicht bei jeder Hydration Break erneut probieren. Dann ist da noch der 90er-Klassiker, bei dem jeder froh ist, wenn der Refrain kommt, weil man dann endlich mitsingen kann. „lalalalalalalalalalala ich kann den Text nicht, lalalala egal. Heeeee Macarena.“

Das Ballermann-Feeling in den Arenen macht der Song, der mit Abstand am meisten gespielt wird, komplett: „Livin’ on a prayer“ von Jon Bon Jovi. Im Song heißt es: „Wir haben schon die Hälfte geschafft, wir leben von der Hoffnung, nimm meine Hand, wir schaffen das, das schwöre ich, wir leben von der Hoffnung.“ Wohl die Hoffnung, dass die unerträgliche Dauerbeschallung endet.

3. Wenn Bardems TikTok-Show vom nervigen Fußball unterbrochen wird

Er ist häufiger im Bild als Lamine Yamal und Rodri zusammen. Wenn Spanien spielt, wird jede seiner Bewegungen aufgenommen und analysiert. Glaubt man den Fernsehbildern, sind Javier Bardem und seine Frau Penélope Cruz bei den Spielen des Europameisters die große Attraktion. Nicht die Dribblings, Zweikämpfe und Tore.

Die Regisseure des Weltbildes werden bei dieser WM zu Paparazzi und überbieten sich im Einblenden von A-, B- und C-Promis. Traumtor von Messi, aber egal, in Block Q, Reihe F, Platz 23 sitzt ein TikToker, der krasse 3218 Follower hat. Und daneben die Influencerin, die mal was mit einem Drittligaspieler in Argentinien hatte und gerade eine voll natürliche Story für Instagram aufnimmt. Wie ihr ging es auch Will Smith, Salma Hayek, Oprah Winfrey und Taylor Swift einzig um den Sport.

4. Das Betteln um Stimmung, bis die Schulter auskugelt

Die Einzigen, die bei der WM rudern dürfen, sind die norwegischen Spieler und Fans. Leider hält sich da kaum ein Profi dran. Die Partien sind keine Minute alt, da werden die ersten Spieler schon zu Animateuren. Nach einem gewonnenen Zweikampf an der Mittellinie bauen sie sich in Richtung Tribüne auf und fordern die Zuschauer wild mit den Armen rudernd auf, doch endlich mal Stimmung zu machen. Völlig inflationär und auch nach den unpassendsten Situationen wollen sie, dass der Fanblock in Ekstase verfällt.

5. Mehr Menschen auf dem Spielfeld als auf den Rängen

Es gab wirklich Menschen, die das Fernsehbild angehalten und sich die Mühe gemacht haben, zu zählen. Die Zahl war beeindruckend: 215. Es war keine Demonstration oder ein Flashmob, bei dem die Teilnehmer durchgezählt wurden. Nein, es war das Spielfeld des MetLife-Stadions wenige Minuten vor dem Anpfiff des Achtelfinales zwischen Brasilien und Norwegen.

Kinder, die kleine Fahnen schwenken. Kinder, die zwei riesige Fahnen halten. Kinder, die dem Fifa-Logo im Anstoßkreis huldigen. Spieler, Ersatzspieler, Schiedsrichter, Trainer, Physiotherapeuten, Ballbringer, Menschen, die Pyros halten – auf den WM-Plätzen geht es kurz vor dem Anstoß so betriebsam zu wie auf einem Flughafen zu Ferienbeginn. War Fußball nicht einmal ein Spiel elf gegen elf?

6. Kapitänsregel, war da mal was?

Es war eine Regeländerung, die endlich Schluss mit den ständigen Diskussionen und Rudelbildungen machen sollte – die Kapitänsregel. Nur der Mannschaftskapitän hat das Recht, nach einer Entscheidung des Schiedsrichters in den Dialog mit dem Unparteiischen zu treten. Endlich klare Verhältnisse auf dem Platz und keine Rudelbildung um den Mann mit der Pfeife mehr. Doch grau ist alle Theorie.

Die Kapitänsregel ist bei der Weltmeisterschaft quasi außer Kraft gesetzt. Bei jedem noch so scheinbar unbedeutenden Pfiff bildet sich ein testosterongeladenes Rudel um den Schiedsrichter und redet wie wild auf ihn ein. Die Spieler entblöden sich nicht einmal, den Unparteiischen vollzuquatschen, wenn gerade im Hintergrund der Videobeweis aktiv ist und die Bilder gecheckt werden.

7. Gebt dem Mann doch bitte einen Stuhl

Die Schiedsrichter haben es bei der Weltmeisterschaft wirklich nicht einfach. Nicht nur, weil sie von allen Seiten bepöbelt, kritisiert und angegangen werden. Vor dem Anpfiff wird immer der Videokeller, der gar kein Keller mehr ist, sondern dem White House Situation Room gleicht, eingeblendet.

Da zehn Augen besser als zwei sehen, tummeln sich gleich fünf Schiedsrichter in Arbeitskluft vor den Monitoren. Aber nur vier von ihnen dürfen in bequemen Bürostühlen sitzen, einer muss stehen. Das irritiert und nervt – wie gesagt, manchmal sind es die vermeintlichen Kleinigkeiten.

Dieser Text ist im Sport-Kompetenzzentrum von BILD, SPORT BILD, BILD AM SONNTAG, WELT und WELT AM SONNTAG entstanden. Zuerst ist er bei WELT erschienen.