Von LOTHAR MATTHÄUS
Nach der Gruppenphase und vor der K.o.-Runde der WM ist Zeit für ein Zwischenfazit. Wie der Mannschaft gebe ich Bundestrainer Julian Nagelsmann bis jetzt die Note 3. Die gezeigten Leistungen waren befriedigend. Einerseits sein glückliches Händchen bei den Einwechslungen gegen die Elfenbeinküste. Andererseits hat er es nicht geschafft, der Mannschaft die nötige Fokussierung gegen Ecuador zu vermitteln.
Um weiterzukommen, muss das eine oder andere sofort besser werden. Selbstverständlich auch schon gegen Paraguay.
Ich habe das Gefühl, dass Nagelsmann ruhiger und souveräner geworden ist. Er wirkt gereift, sein Auftreten ist besser als noch vor Monaten. Was mir gefällt: Dass er anders als früher seine Mannschaft öffentlich schützt, weil er natürlich weiß, dass er das Vertrauen der Spieler auf gar keinen Fall verlieren darf.
Ich glaube, Nagelsmanns positive Entwicklung liegt zum einen an seiner Frau Lena, die als ehemalige Sport-Journalistin weiß, wie Medien funktionieren, und ihm sicher gute Tipps gegeben hat. Anders als Hansi Flick vor vier Jahren wird Nagelsmann auch vom DFB nicht allein gelassen. Vor allem liegt das an Rudi Völler, der im Hintergrund die Strippen zieht und mit all seiner Erfahrung als Spieler, Teamchef und Funktionär eine wichtige Stütze für unseren jungen Bundestrainer ist. Rudi ist überzeugt davon, dass Nagelsmann der Trainer ist, der aus dieser Mannschaft am meisten rausholen kann. Davon, wie er trainiert, wie er mit den Spielern umgeht. Wichtig ist, dass Nagelsmann Rudis Ratschläge anhört und darüber nachdenkt. Entscheiden muss er dann selbst.
Fakt ist: In der Vorrunde haben wir uns nicht so viele Torchancen erarbeitet wie noch bei der WM 2022. Und gegen die Elfenbeinküste und Ecuador hat man deren körperliche Präsenz gesehen. Sie haben sich häufiger durchgesetzt als die deutschen Spieler. Für mich ist das eine Frage der Einstellung, und für die ist der Trainer zuständig.
Ich vermisse vor allem die ordnende Hand im Spiel nach vorn. Um als Mannschaft während eines Turniers zu wachsen, braucht es Führung auf dem Platz. Mir fehlt in dieser Rolle einer, der in schwierigen Situationen die Ruhe und Übersicht behält – und das ist Joshua Kimmich.
Wer kann das in dieser Mannschaft sonst außer Kimmich? Für mich gehört er deshalb zu 100 Prozent ins Mittelfeld! Dort kann er Einfluss auf das Spiel nehmen. Wie aber soll er von rechts hinten Einfluss nehmen auf zum Beispiel Wirtz vorne links? Dort wird ihm der Einfluss genommen, den er als Kapitän haben sollte.
Im Mittelfeld kann Kimmich zudem seine fehlende Geschwindigkeit leichter kompensieren. Dort profitieren wir von seiner Qualität, Erfahrung und Intelligenz. Als Sechser neben Nmecha kann er von dort das Spiel aufbauen und auch seine gefährlichen Chip-Bälle auf die Angreifer spielen.
Dass jetzt bald Außenstürmer auf uns zukommen, die im Schnitt 3 km/h schneller sind als Kimmich, ist ein weiteres Argument, ihn rechts hinten durch jemand Schnelleren zu ersetzen. Etwa mit Brown auf rechts, Raum dafür links. Ich mag gar nicht daran denken, dass wir ausscheiden, weil wieder irgendeiner Kimmich überlaufen hat. Julian Nagelsmann sollte da nicht stur sein – wir wollen ja alle, dass Deutschland weit kommt. Wir alle sehen die Defizite und der Bundestrainer müsste sie noch genauer sehen im täglichen Training und mit seinem Analyse-Team.
Es verwundert mich jedoch, dass der Bundestrainer mit Kimmichs Werten als rechter Verteidiger von der EM 2024 argumentiert. Damals hatten wir aber im Mittelfeld in Kroos, Gündogan und auch Andrich erfahrene Führungsspieler und Kimmich konnte seine Rolle als rechter Verteidiger ganz anders spielen als jetzt. Damals ist er an der Linie entlang marschiert, und war auch für mich überragend. Kroos hat von hinten das Spiel gelenkt.
Auch entscheidend für die K.o.-Runde: Die deutsche Mannschaft muss wieder präsenter sein, muss das zeigen, was uns immer stark gemacht hat. Da geht es um Mentalität. Zweikämpfe nicht nur anzunehmen, sondern sich wirklich zu wehren.
Es sind bei uns viele Talente dabei, Talente mit Weltklasse-Potenzial. Aber das allein langt bei einer Weltmeisterschaft nicht. Die Spiele, die auf höchstem Niveau auf Messers Schneide stehen, gewinnst du nicht mit Potenzial. Dafür brauchst du Mentalität. Nagelsmann wird womöglich die eine oder andere unbequeme Entscheidung treffen müssen. Denn Spieler, die nicht abliefern, kann er nicht mit durchziehen. In der K.o.-Runde sollte er nur auf diejenigen setzen, die bisher hundertprozentig oder zumindest überwiegend überzeugt haben.
Zwei, drei Wechsel in der Startelf kann unsere Mannschaft vertragen.