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„Heute fühle ich mich katarisch, heute fühle ich mich arabisch, heute fühle ich mich afrikanisch, heute fühle ich mich schwul, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Gastarbeiter. Ich fühle so, weil ich all das gesehen habe.“ – Infantino über Infantino bei seiner Eröffnungsrede am 19. November 2022 vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar.

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Seit zehn Jahren hat er bei der Fifa das Sagen – und nur er: Gianni Infantino (56). Der Präsident des Weltverbands behauptet, er liebe den Fußball. Was er aber noch mehr liebt, ist Macht. Jetzt ist der Fußball-Boss mit seinen umstrittenen Investoren-Plänen krachend gescheitert.

Wer ist Giovanni Vincenzo Infantino?

In Brig im Schweizer Kanton Wallis kommt Giovanni „Gianni“ Vincenzo Infantino 1970 als jüngstes von drei Geschwistern zur Welt. Seine Eltern sind italienische Gastarbeiter. Mama Maria betreibt einen Kiosk, Vater Vincenzo arbeitet am Bahnhof als Zeitungsbote und Snackverkäufer.

Doch schon vor der Geburt des kleinen Gianni gibt es Probleme. Ärzte entdecken, dass etwas mit dem Blut des Kindes nicht stimmt. Zwölf Tage vor dem errechneten Termin wird er geholt. Der Kampf mit dem Tod beginnt. Antikörper verursachen eine schwere Gelbsucht. Nur ein vollständiger Blutaustausch kann den Kleinen retten. Das Rote Kreuz findet zwei Menschen mit der gleichen seltenen Blutgruppe in ganz Europa. Einer in Bristol (England), einer in Belgrad (Serbien). Beide helfen mit je einem halben Liter Blut, das mit der Rettungsflugwacht eingeflogen wird. So retten sie Infantinos Leben.

56 Jahre später ist er der mächtigste Mann im Weltfußball.

Infantino ist seit 2001 mit Leena Al Ashqar, einer Libanesin, verheiratet. Sie ist eher selten bei öffentlichen Auftritten an der Seite ihres Mannes zu sehen. Kennengelernt haben sich die beiden bei der Arbeit. Leena Al Ashqar arbeitete damals für den Fußballverband ihres Heimatlands als stellvertretende Generalsekretärin. Infantino war zu dem Zeitpunkt noch bei der Uefa.

Die Fifa zahlt Miete und Schulgeld

Gemeinsam haben sie vier Töchter – die Zwillinge Sabrina und Alessia (beide 23), Shania Serena (21) sowie Dhalia Nora (15). Die Zwillinge wurden am Tag nach dem Tod von Infantinos Vater geboren. Das erzählte der Fifa-Boss der Schweizer Zeitung „Blick“ in einem Interview: „Mein Vater ist gestorben, am anderen Tag kamen meine beiden Zwillingstöchter auf die Welt. (...) Ich habe meinen Vater verloren und am anderen Tag plötzlich zwei Kinder gehabt. So richtig das pure Leben.“

Die Familie hat mittlerweile ihren Wohnsitz im Schweizer Kanton Zug, lebt dort in einer 4,5 Zimmer großen Penthouse-Wohnung. Die 8500 Euro Miete werden gezahlt von der Fifa. Der Verband stellt seinem Boss dazu eine Wohnung in Paris. Pikant: Zuvor lebte die Familie noch auf der anderen Seite des Zugersees, in Küsnacht im Kanton Zürich. Doch dort waren ihm die Steuern wohl zu hoch. Durch den Umzug muss er nur noch etwa die Hälfte an Abgaben zahlen, denn die maximale Steuerlast in der Steueroase Zug liegt bei 22 Prozent.

Zwischenzeitlich lebte die Familie Infantino in Doha (Katar). In der Hauptstadt des Emirats sind auch zwei seiner Töchter eingeschult, der Fifa-Boss hat dort seit der WM 2022 ein Haus angemietet. Eine weitere Tochter geht in Miami zur Schule, für sie übernimmt die Fifa die knapp 52.000 Euro Schulgeld.

Immer unter Strom, immer unterwegs

Seit der Hochzeit besitzt Infantino neben der schweizerischen und italienischen auch die libanesische Staatsbürgerschaft. Er spricht fließend Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch, Spanisch und Portugiesisch. Außerdem gilt er als Workaholic. Immer unter Strom, immer unterwegs.

Um überall pünktlich zu erscheinen, hat Infantino mittlerweile ein Lieblingsspielzeug: einen Privatjet! Die Gulfstream G650ER, ein ultralangstreckentaugliches Geschäftsreiseflugzeug von Gulfstream Aerospace mit einer Reichweite von 13.890 km, Platz für bis zu 19 Passagiere, 16 Panorama-Obergroßfenster. Neupreis: 70 Mio. Dollar! Doch Infantino muss nicht selber zahlen, der Jet wird bereitgestellt von der Fluggesellschaft Qatar Executive (einer Tochterfirma des WM-Sponsors Qatar Airways).

Vom Bolzplatz in den Weltfußball

Zurück zu seiner Kindheit. Der kleine Gianni spielt Fußball beim FC Folgore, kickt später in der 5. Liga. Zu mehr reicht es nicht. Nach dem Schulabschluss absolviert er ein Jurastudium an der Universität Fribourg. 2000 kommt er zur UEFA. In der Folge bekleidet er verschiedene Positionen beim Verband, ehe er 2009 den Posten des Generalsekretärs übernimmt. Doch Infantino will mehr.

Sein Glück: Im Mai 2015 stürmt die Polizei das Zürcher Hotel Baur au Lac und nimmt sieben Fifa-Funktionäre fest. Die Bundesanwaltschaft eröffnet u. a. wegen Veruntreuung ein Strafverfahren gegen den damaligen Präsidenten Sepp Blatter (heute 90). Im Zentrum steht eine Zahlung über 2 Mio. Euro an Uefa-Boss Michel Platini (heute 71). Auch wenn das Gericht später beide freispricht, sind sie nicht mehr tragbar. Blatter (kommt aus dem gleichen Kanton wie Infantino) tritt zurück und Platini wird gesperrt. Der Verband liegt in Trümmern – und Infantino wittert seine Chance.

Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Im Oktober 2015 reicht er seine Kandidatur fürs höchste Amt im Weltfußball ein.

Wer zahlt, hat das Sagen

Im Februar 2016 wird Infantino endgültig zu FIFAntino! Er setzt sich im zweiten Wahlgang mit 115 von 207 Stimmen überraschend gegen Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa (60) durch und wird zum Präsidenten gewählt. Der Schweizer verspricht bei seinem Amtsantritt Transparenz, Glaubwürdigkeit und eine neue Fifa: „Wir werden das Image und das Ansehen der Fifa wiederherstellen.“

Sein Motto: Wer zahlt, bestimmt. Und Infantino zahlt gut. Er sichert den 211 Mitgliedsverbänden eine Erhöhung der Fördergelder von 1,4 Mio. auf 4,4 Mio. Euro pro Vier-Jahres-Zyklus zu. Vor allem die kleineren Verbände bringt er damit auf seine Seite.

Zehn Jahre später ist die Fußballwelt fassungslos und schockiert über das, was aus der Fifa unter Infantino geworden ist. Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger (81) im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Infantino hat die Verbindung zur Basis völlig verloren. Er ist der unwürdigste Fifa-Präsident aller Zeiten.“

Infantino hat den Sport verraten und verkauft. Er kassierte laut Finanzbericht 2025 rund 5,27 Mio. Euro Gehalt. Doch seine Gier kennt keine Grenzen.

Anbiedern und abkassieren

Ex-Uefa-Boss Platini sagte zuletzt über seinen einstigen Ziehsohn: „Er war eine gute Nummer zwei, aber er ist keine gute Nummer eins. Sein Problem ist, dass er auf die Reichen und Mächtigen steht, die mit Geld. So ist sein Charakter.“

Infantino biedert sich bei den Mächtigen an, geht bei Autokraten ein und aus. Von Russlands Präsident Wladimir Putin (73) bekam der Fifa-Boss 2019 den „Orden der Freundschaft“. Auch mit „Blut-Scheich“ Mohammed bin Salman (40) macht Infantino Geschäfte. Der Saudi wurde für die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi († 59) 2018 verantwortlich gemacht.

Eine ganz besonders enge Beziehung pflegt Infantino zu US-Präsident Donald Trump (80). Dem verleiht der Fifa-Chef kurzerhand bei der WM-Auslosung im Dezember den neu geschaffenen Friedenspreis. Mit der Aufhebung der Rotsperre für US-Stürmer Folarin Balogun (25) fürs Achtelfinale gegen Belgien (1:4) hat das devote Verhalten von Infantino gegenüber Trump einen neuen Tiefpunkt erreicht. Vorausgegangen war ein Anruf des US-Präsidenten bei seinem Freund „Johnny“.

Durch den US-Präsidenten dürfte sich auch die Beziehung zu dem milliardenschweren Investor Joshua Kushner (41) vertieft haben. Der Milliardär hat familiäre Verbindungen zu Trump: Sein Bruder Jared ist mit Trumps Tochter Ivanka verheiratet. Kushner sollte eine führende Rolle bei den WM-Investorenplänen einnehmen.

Vermischung privater und geschäftlicher Interessen

Brisant ist auch sein Auftritt 2024 auf der 600-Millionen-Euro-Hochzeit von Anant Ambani (Sohn des Milliardärs Mukesh Ambani) und Radhika Merchant. Zahlreiche internationale Prominente wie Kim Kardashian, Tony Blair und Justin Bieber als Live-Act waren geladen. Infantino trug traditionelle indische Kleidung und tanzte ausgelassen mit einer Axt auf der Bühne. Er war als persönlicher Gast der milliardenschweren Ambani-Familie geladen, da Fifa und der Ambani-Konzern Reliance Industries enge geschäftliche Beziehungen pflegen und gemeinsam den Fußballmarkt in Indien ausbauen wollen. Kurzerhand wurden private Feierlichkeiten und millionenschwere, laufende Wirtschaftsverhandlungen vermischt.

Im Laufe der Jahre wird Infantino immer wieder vorgeworfen, gegen die Richtlinien des Weltverbands zu verstoßen. Doch Korruptionsverdächtigungen wischt er weg, Ermittlungsverfahren werden eingestellt. Und wer ihn kritisiert, wird aus dem Weg geräumt. Er ist der Unstürzbare.

Kritik? Unerwünscht!

Sein Meisterstück: Er setzt durch, dass der Fifa-Rat die Mitglieder der Kontrollgremien, darunter die Ethik- und Compliance-Kommission, selbst ernennen und abberufen kann. Kritik? Unerwünscht. Die letzten Fragen auf einer Pressekonferenz beantwortete er 2023.

Beleg für Infantinos Selbstherrlichkeit: Auf die vergoldete Trophäe der von ihm eingeführten und 2025 erstmals ausgetragenen Klub-WM ließ er zweimal seinen eigenen Namen eingravieren.

Die Fifa regiert den Fußball – und Infantino regiert die Fifa. Kein Wunder, dass Ex-Präsident Blatter heute urteilt: „Die Fifa ist unter Infantino eine Diktatur.“

2019 wird Infantino per Akklamation (Beifall der Anwesenden) wiedergewählt. Genauso vier Jahre später. Einen Gegenkandidaten gibt es (natürlich) nicht. Kommendes Jahr endet seine dritte und laut Fifa-Statuten letzte Amtszeit. Doch Infantino wäre nicht Infantino, wenn er nicht auch dafür eine Lösung hätte. Sein Credo: Da die erste Amtsperiode nach Blatters Rücktritt nur drei statt der üblichen vier Jahre dauerte, sei es keine vollständige Amtszeit gewesen.

Ergo: Infantino will sich 2027 erneut zur Wiederwahl stellen. Es wäre seine dritte und nach den Regeln letzte Amtszeit (bis 2031). Danach wollte er Chef der Fifa-WM-Firma werden und so die Hoheit über die WM behalten. Doch nach dem verlorenen Macht- und Milliardenkampf könnte nun der Infantino-Untergang folgen.