Wladimir Putin beruft wegen Treibstoffmangels Krisensitzung ein
Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Treibstoffkrise im Land infolge ukrainischer Gegenangriffe öffentlich eingeräumt. Bei einer Krisensitzung vor Medien- und Industrievertretern sprach Putin über Warteschlangen vor den Tankstellen. Die benötigten Benzinsorten seien nicht immer vorrätig, sagte er. Die dafür verantwortlichen ukrainischen Drohnenangriffe bezeichnete Putin als »terroristische Anschläge«.
Um die Folgen zu verringern, müsse schon ab Juli mehr Treibstoff produziert werden. Außerdem sei ein Exportverbot für Diesel im Gespräch, sagte er. Russland zapfe bereits seine Reserven an. »Die sich stellenden außergewöhnlichen Aufgaben werden gelöst, und zwar klar, zügig und kompetent im Interesse des Landes und unserer Bürger«, zitierte die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass den Präsidenten. An der Sitzung nahmen unter anderem Vertreter der russischen Erdölproduzenten teil.
Auch forderte Putin, die Flugabwehr zu stärken. Es müssten rasch mehr Abwehrsysteme produziert werden. Auf die Lage an der Front hätten diese Angriffe aber keinerlei Auswirkungen, behauptete er.
Putin lehnt Stopp von Langstreckenangriffen ab
In einem Gespräch mit dem Staatsfernsehen bezeichnete Putin die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien als Versuch, »eine Spaltung in der russischen Gesellschaft zu verursachen«. Damit wolle die Ukraine Russland zwingen, den Vormarsch der russischen Truppen entlang der Frontlinie zu stoppen und »Bedingungen für einen Verhandlungsprozess zu schaffen, die für unseren Gegner vorteilhaft sind«. »Diese Möglichkeit werden wir ihnen nicht geben«, sagte Putin.
In dem Interview sagte der russische Staatschef auch, er habe einen ukrainischen Vorschlag für einen gegenseitigen Verzicht auf Langstreckenangriffe abgelehnt. Er werte den Vorschlag der Ukraine lediglich als Versuch, den Druck auf ukrainische Truppen zu lindern. Die russische Regierung wolle jedoch nicht die ukrainische Regierung retten.
Putin beklagt »beispiellosen Druck« durch den Westen
Bei einem Kongress seiner Regierungspartei Geeintes Russland hatte Putin zuvor schon eine »schwierige Phase« für Russland eingeräumt, ohne die Angriffe klar zu benennen. »Ja, wir sehen die Probleme, wir sind uns ihrer bewusst und antworten darauf«, sagte Putin. »Wir werden ohne Zweifel alle die Herausforderungen bewältigen, mit denen wir heute konfrontiert sind, einschließlich terroristischer Angriffe auf unser Territorium und auf Infrastruktureinrichtungen.«
Putin beklagte »beispiellosen Druck« durch den Westen. »Dem Westen gelingt es nicht, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen, deshalb versucht er, die politische Lage zu destabilisieren, doch auch das gelingt ihm nicht«, sagte er. Trotz anderslautender Berichte von den Fronten behauptete Putin, die ukrainischen Truppen zögen sich »in alle Richtungen zurück«.
Ukraine setzt Ölraffinerie in Südrussland in Brand
Zuvor hatte die Ukraine mindestens eine große Ölraffinerie im Süden des Landes in Brand gesetzt. Trümmer abgeschossener ukrainischer Drohnen hätten in der Raffinerie in Slawjansk-na-Kubani in der Region Krasnodar ein Feuer ausgelöst, sagte der Gouverneur der Region. Laut Betreiber verarbeitet die Raffinerie knapp vier Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr und ist eine wichtige Quelle für Erdölprodukte, die über russische Schwarzmeerhäfen exportiert werden, darunter Heizöl, Naphtha und Schiffstreibstoff.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb am Sonntag bei Telegram, in der Nacht hätten ukrainische »Langstreckensanktionen« zwei Ölraffinerien in Russland erreicht. Jeder Treffer bedeute weniger Ressourcen für die russische Kriegsmaschinerie und einen weiteren Schritt in Richtung Frieden.
Selenskyj sagte, der zweite Angriff habe einer Raffinerie in der Region Jaroslawl gegolten. Sie liegt etwa 700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Von russischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung dafür.
Treibstoffkrise erfasst das ganze Land
Die Ukraine versucht seit einiger Zeit verstärkt, Treibstofflieferungen auf die 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim zu unterbrechen, und greift seit Monaten auch Energieanlagen tief in Russland an. Damit will sie die Einnahmen des russischen Energiesektors mindern, der den russischen Angriffskrieg finanziert.
Von der Krim ausgehend hat die Treibstoffkrise inzwischen fast das ganze Land erfasst. Lange Schlangen bilden sich an den Tankstellen, die noch Benzin verkaufen. Auf der Krim geben die Tankstellen derweil Treibstoff gar nicht mehr an Privatpersonen ab. Auch der Gouverneur der Region Irkutsk in Sibirien kündigte eine Einschränkung des Treibstoffverkaufs an Zivilisten an. Die Region liegt Tausende Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
Trotz zahlreicher Sanktionen gehört Russland weiter zu den weltweit größten Exporteuren von Öl und Erdgas. Nach Einschätzung westlicher Analysten haben die ukrainischen Angriffe Treibstofflieferungen und militärische Nachschubwege belastet und damit auch die russische Offensive verlangsamt.