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„Wenn ich mir vorstellte, dass meine Mutter mich berührt, befiel mich Ekel“

· Culture

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss sitzt auf der Terrasse des Literarischen Colloquiums Berlin mit erhabenem Blick auf den Berliner Wannsee. Hier ist die Stadt am schönsten, weil sie so weit weg ist. Man könnte sich fast am Zürichsee wähnen, so vertraut wirken die Dimensionen und die Friedlichkeit.

Die Schönheit der Landschaft trügt. Sie hat ihre Leichen im Keller, hier wie dort. Das Haus der Wannseekonferenz ist um die Ecke. Bärfuss schlägt vor, es besichtigen zu gehen. Oder in die Liebermann-Villa? Ja, das wäre schön, dort sei er noch nie gewesen. Am Ende bleiben wir hier und brechen später zu einem Lunch auf, ein paar Hundert Meter die Straße hinauf, zu den Wannseeterrassen.

„Gut haben wir’s“, wird Bärfuss dort sagen, als das Vitello Tonnato und die getrüffelten Nudeln kommen, mit jener leisen Ironie, die die Dinge genauso meint, wie sie gesagt wurden – kaum merklich garniert, wie der Dill auf dem Vitello, mit einem Hauch selbstreflexiver Melancholie. Das ist ein Vorrecht des Schriftstellers: ganz in der Welt zu sein und doch daneben.

In seinem Beruf ist Bärfuss hoch dekoriert, ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis 2014 und dem Georg-Büchner-Preis 2019, zudem ein vielgespielter Theaterautor. Jedes neue Buch ist ein Ereignis. Fast könnte man ihn für einen Teil des Establishments halten. Doch Biografie und Stoffe seiner Bücher erzählen eine andere Geschichte: die eines radikal Abgehängten, ohne reguläre Schul- oder gar Universitätsbildung, aus einem kaputten Umfeld.

Der Vater ein Gauner, der sich aus dem Staub macht und im Knast sitzt; ein Bruder, der dem Heroin verfällt und sich umbringt; die Mutter narzisstisch, Bardame „im Dunstkreis der Prostitution“, später Putzfrau, Wäscherin, zuletzt Wirtschaftsemigrantin in die Dominikanische Republik, weil sie zu stolz ist, zu Hause die Armut zu ertragen. Als sie stirbt, besitzt sie 60 Franken.

Zwei Mitgliedern dieser entfremdeten Familie hat Bärfuss schon je ein Buch gewidmet: „Koala“ 2014, das den Spitznamen des Bruders auf- und von dort eine Expedition nach Australien unternimmt, wo der echte Koala, das tierische Vorbild, vom Aussterben bedroht ist. Und „Vaters Kiste“ 2022, in der er das ausgeschlagene Erbe – lauter Schulden – und eine einzig verbliebene Kiste, 25 Jahre nach dem Tod des Vaters erstmals geöffnet, zum Anlass nimmt, vermeintliche Naturgesetze des Nachlasses zu hinterfragen, juristisch wie biologisch.

Und jetzt „Königin der Nacht“, gleichsam die Krönung der autobiografischen Chronik, die letzte Leerstelle, die selbst eine Leerstelle ist: das Aufwachsen ohne Mutter. Das Leben hat sie ihm geschenkt. Und sonst? „Sonst hatte sie nichts getan, was man von einer Mutter erwartete“, schreibt Bärfuss. „Hatte sich nie gekümmert, niemals ihr Wohlergehen meinem hintangestellt. Ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, ihr Interesse hatte ich nie gespürt. Sie hatte mich niemals getröstet, keine Wunde verbunden, ich konnte mich nicht erinnern, dass sie mich gewaschen hätte, und wenn ich mir vorstellte, wie meine Mutter mich berührt, befiel mich Ekel.“

Als er fünfzehn war, kam er aus der Schule und fand eine leere Wohnung vor: „Das billige braune Klappsofa aus Schaumstoff ist verschwunden, weg auch der Ohrensessel und die goldene Lampe mit dem weiten Schirm.“ Und: die Mutter. Sie hat ihn sitzen lassen, ist ohne Nachricht in eine andere Stadt gezogen, zu einem Liebhaber. Sie wird nicht wiederkommen. Er weiß, er hat noch zwei Monate, so lange ist die Miete bezahlt. Dann muss er raus. Wohin, in ein Heim? Nur über seine Leiche. Lieber auf die Straße, ein Vagabundenleben im toten Winkel der Behörden. So wird es gehen müssen bis zur Volljährigkeit.

Ich frage: „Können Sie sich einen behüteten, von Mutterliebe umfangenen Lukas Bärfuss vorstellen?“

Die Frage schockiert ihn, soweit er überhaupt zum Schockiertsein fähig ist. Dann sagt er: „Das ist ein Gedanke, der mir Angst einflößt, ganz unmittelbar. Es ist verrückt. Weil er so basal ist und alles zum Einsturz bringen könnte, was ich bin.“

Denn der Liebesentzug hat ihn zu dem gemacht, der er ist. Hat ihn gestählt, seine Sinne geschärft, anders als die Söhne und Töchter, die im weichen Bett der Bürgerlichkeit ganze Nachmittage verdösen konnten, denen es vergönnt war, in der Schule nicht aufzupassen, irgendwer würde es schon richten – anders als jene weiß der junge Bärfuss, und er hat es nie vergessen, dass, wenn er fällt, niemand da sein wird, ihn aufzufangen.

Jemand schenkt ihm eine Enzyklopädie. Der Jugendliche verschlingt sie. Er versteht, welch gefährlicher Ort das Universum ist. Versteht die Lebensnotwendigkeit der euklidischen Geometrie. „Und in Euklids Rücken“, schreibt er über die Lektüreerfahrung, „auf der gegenüberliegenden Seite, fällt die glühende Asche auf die Stadt Pompeji, an jenem verfluchten Tag, dem 24. August des Jahres 79 nach Christus, Rauch, Feuer, Lava, drei Tage und drei Nächte hielt der Ascheregen an, bevor über Kampanien die Sonne in den leuchtend blauen Himmel stieg. Wer die Formeln nicht kennt, wird verschüttet, verbrannt, erstickt.“

Freiheit ist ein Privileg

Wissen ist Macht, das ist kein nichtssagender Spruch, sondern eine existenzielle Wahrheit, unter deren Banner sich Bärfuss flüchtet. Paradoxerweise ist all das auch ein Geschenk: die beinahe animalische Wachheit, wie sie sonst nur wilde Tiere erleben, die beständig auf der Hut sein müssen. Das wilde Wuchern der Gedanken, frei von Zucht, geleitet von unbändiger Neugier, von einer immensen, unstillbaren Lebenslust, bis heute. Dann ist er ein weißer Mann, gutaussehend noch dazu, und Schweizer. So gesehen, hat er im Prekariats-Mau-Mau ziemlich gute Karten zugeteilt bekommen.

Ich gebe zu bedenken, dass – besonders wenn man seinen Werdegang rückblickend betrachtet – dieses Maß an Freiheit, das er zu nutzen verstand, auch ein Privileg sei: So viele Leute bewegen sich in vorgeschriebenen Bahnen, indem sie sich etwa den Erwartungen der Eltern fügen. „Absolut“, sagt Bärfuss, ohne zu zögern. „So habe ich es immer empfunden, in jedem Augenblick. Und wie jedes Privileg hat auch dieses einen Preis. Ich war immer bereit, diesen Preis zu bezahlen.“ Die Vorstellung, ein Auto oder ein Haus zu besitzen, erschrecke ihn.

Hat seine Mutter am Ende nicht ähnlich gehandelt, frage ich. Sie mochte sich um ihr Kind nicht kümmern. „Stimmt“, sagt er. „Sie mochte sich nicht kümmern.“ Im Buch buchstabiert er die schaurige Parallele aus, diese furchtbare Dialektik der Freiheit: „Die Macht, die gegen meine Mutter arbeitete“, heißt es da, „adressierte sie, als Frau, als Frau mit einer Sexualität, als Frau ohne Einfluss, ohne Bildung, aber mit einem Drang nach Freiheit, nach Unabhängigkeit.“

Einerseits denkt das Kind, in das er sich literarisch zurückverwandelt, über seine Mutter, „es wäre besser, wenn sie tot wäre, diese dumme, egoistische, verräterische, hurerische Schlampe“. Um sich gleich gegen den Sog des Hasses zu wappnen, damit er ihn nicht mit hinabzieht. Andererseits versteht und respektiert er das Freiheitsbedürfnis der Mutter, ihre selbst gewählte Aristokratie im Abgehängtsein, ihre egoistische Flucht.

Beim Blick aufs einzelne Schicksal, das eigene, das seiner Mutter, übersieht Bärfuss nie die Strukturen, die es hervorbrachten: „Ist es auch Wahnsinn, sein Kind zu verlassen, so hat es doch Methode.“ Das letzte Drittel des Buchs ist den „Fahrenden“ gewidmet, die man früher auch „Vaganten“ oder „Zigeuner“ nannte – ein Dorn im Auge der Behörden, die keine Maßnahme scheuten, diese unliebsamen Subjekte zu kujonieren. Der Sprung mag assoziativ wirken. Bärfuss aber denkt in Gravitationszentren. Dieses heißt: Armut und Freiheit – aus Sicht eines um totale Kontrolle bemühten Staatswesens eine Horrorkombination.

Die poetische Soziologie ist ergiebig. Sie führt etwa zu Auguste Forel, der in der sechsten Banknotenserie der Schweizerischen Nationalbank, 1978 ausgegeben, auf dem Tausendfrankenschein prangte. Ein Ameisenforscher, so begeistert von seinem Fachgebiet, dass er fand, auch die Menschen sollten sich die emsigen Arbeiter – die über die Rückseite des Geldscheins krabbelten – zum Vorbild nehmen. Solche Gedanken münden reibungslos in Rassismus und Eugenik. Forel folgerte, „lebensunwerte“ Menschen müssten gehindert werden, Nachkommen zu zeugen, auf dass ein Paradies auf Erden entstehe, bar des Alkohols, der Prostitution und der Fahrenden. „Das Programm wurde in der Schweiz umgesetzt“, schreibt Bärfuss. „Mittels Einsperrungen, Kastrationen, Sterilisationen.“ Seine Mutter, glaubt er, stand auch auf Forels Liste. „Eine Reihe von Eigenschaften traf auf sie zu: der unstete Lebenswandel, zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, die Delinquenz ihres geschiedenen Mannes, die Arbeit im Nachtleben, ihre Attraktivität, ihre sexuelle Energie.“

Und auch Bärfuss, so zumindest der Eindruck, fühlt sich nicht sicher vor dem unbarmherzigen Zugriff der Bürokratie. Eben waren wir noch bei La Fontaine und seiner Fabel von der Grille – die für das unstete Künstlerleben steht – und der brav und angepasst funktionierenden Ameise. Er sei, schlug ich vor, eine Art arbeitende Grille. „Sehr gut“, sagte er, „genau so ist es.“ Und fügte einen typischen Bärfuss-Nachsatz hinzu, der die Dinge gleichsam in einen dreidimensionalen gedanklichen Raum stellt: „Ich habe immer darauf geschaut, dass die Tätigkeit aus sich selbst heraus gut ist – und nicht durch das Resultat, das man von ihr erwartet.“

Seine Bücher schreibt Bärfuss mit der Hand. Und kopiert, täglich, was er gerade liest, jüngst Guy Debord oder Else Lasker-Schüler sowie klassische Texte von Menschen, die das giftige Geschenk der Freiheit gleichmütig akzeptieren, Marc Aurel, Epiktet – Stoiker, in deren Nachfolge er sich sieht. Etwas Mönchisches habe das wohl? Damit kann Lukas Bärfuss leben. Und auch hier erkennt er das immaterielle Erbe der Mutter: „Usem Seich use cho“, auf Hochdeutsch „aus der Pisse raus“. Mit diesen drastischen Worten hievte sie sich und den Sohn morgens aus dem Bett. Denn: „Wer nicht erscheint, wird nicht bezahlt.“ Und: „Für Gefühle brauchte man ein Gehalt.“

Womöglich war dies das wichtigste Vermächtnis, das ihm die strenge, arme, stolze, brutale Mutter auf den Lebensweg mitgegeben hat: „das Bewusstsein dafür, dass ich nichts habe als den Augenblick, den ich gestalten kann.“

So gehen wir auseinander, in je verschiedene Augenblicke hinein. Am Abend wird Bärfuss im LCB aus seinem Buch lesen.