„Unserer Branche geht es exzellent gut“
Die Ausführungen von Martin Johannsmann an diesem Vormittag im Hafen-Klub an der Elbe in Hamburg wirken fast schon euphorisch – vor dem Hintergrund einer insgesamt zerknirschten deutschen Wirtschaft, einer angeschlagenen Industrie und wenig erfreulicher Konjunkturaussichten. Bei den deutschen Schiffbau-Zulieferunternehmen sieht es derzeit ganz anders aus: „Unserer Branche geht es exzellent gut“, sagt Johannsmann, Vorstandsvorsitzender von VDMA Marine Equipment and Systems, einer Branchengruppe innerhalb des Maschinen-Anlagenbauverbandes VDMA. „Viele Reedereien verdienen gut, und den größten Teil dessen reinvestieren sie in die Erneuerung ihrer Schiffe oder ihrer Flotten.“
Die gute Lage der maritim orientierten Industrieunternehmen ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Schiffsausrüster allein nach der Welt-Finanzmarktkrise von 2008/2009 schwere Jahre mit einer hohen Volatilität im Schiffbau erlebt haben, nach vielen Branchenkrisen zuvor. Das hat sich deutlich verändert.
Die global tätigen deutschen Schiffbau-Zulieferunternehmen – verteilt über ganz Deutschland – beschäftigten zu Ende Juni insgesamt etwa 65.000 Menschen, 0,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und deutlich mehr als die deutschen Werften mit insgesamt etwa 17.000 Stammbeschäftigten. Im vierten Jahr nacheinander ist der Umsatz der maritimen Zulieferbranche 2025 gewachsen, und zwar um 5,2 Prozent auf 12,5 Milliarden Euro.
„Wir waren überrascht, wie schnell der Auftragsbestand nach der Pandemie wieder angestiegen ist“, sagt Johannsmann, der im Hauptberuf das auf Antriebswellen spezialisierte Unternehmen SKF Marine GmbH in Hamburg führt, ein Tochterunternehmen des schwedischen Konzerns SKF. „Wir erwarten für 2026 eine ähnliche Entwicklung wie im vergangenen Jahr und gehen davon aus, dass die gute Auftragslage noch eine ganze Zeit lang anhalten wird.“
Im globalen Orderbuch stehen derzeit vor allem Massengutfrachter, Tanker und Containerschiffe. Dominant bei den Marktanteilen im Auftragsbestand, gemessen an der Tonnage, ist China mit 64 Prozent, gefolgt von Südkorea mit 19, Europa mit sieben und Japan mit sechs Prozent. Auf den europäischen Werften werden vor allem Kreuzfahrtschiffe, Superyachten, Fähren, Marine- und Spezialschiffe jeder Art gebaut. Die Erfolgsfaktoren der deutschen Zulieferunternehmen seien Qualität, eine hohe Innovationskraft und globale Präsenz. „Wir sind überall dort, wo Schiffe gebaut werden“, sagt Johannsmann. Rund 80 Prozent Exportquote verzeichnen die im VDMA organisierten Schiffbau-Zulieferer.
Bei den Auftragseingängen der Schiffbau-Zulieferunternehmen liegt das EU-Ausland mit rund 36 Prozent an der Spitze, gefolgt von China mit 28 Prozent. Bei den Bundesländern liegt Baden-Württemberg – gemessen am Umsatzanteil der Branche – mit 26 Prozent vor Bayern mit 23 Prozent. Auf Nordrhein-Westfalen entfallen 13, auf Hamburg zehn Prozent Umsatzanteil.
Getrieben wird die hohe Nachfrage nach deutscher Schiffsausrüstung – seien es Antriebe oder Navigationselektronik, Anker- oder Steueranlagen – vom ständigen Bemühen der Reedereien, ihre Betriebskosten zu senken und die Schiffe effizienter einzusetzen, vor allem auch wegen der tendenziell steigenden Energiekosten.
An Bedeutung verloren haben dagegen Investitionen in weniger klimaschädliche Treibstoffe. Vor allem bei den Containerschiffen gab es in den vergangenen Jahren einen Trend zu „Dual Fuel“-Antrieben – zu Motoren, die sowohl klassisch mit Schweröl und Marinediesel als auch mit tief gekühltem, verflüssigtem Erdgas (LNG) betrieben werden können. Solche Schiffe allerdings brauchen für die Versorgung mit dem weniger klimaschädlichen LNG einen zweiten, separaten Tank mit eigenen Kraftstoffleitungen an Bord. Das ist teuer und reduziert den verfügbaren Laderaum.
Hauptgrund für die Zurückhaltung der Reedereien bei den „Dual Fuel“-Antrieben ist, dass sich die Mitgliedstaaten der internationale Schifffahrtsorganisation IMO im vergangenen Jahr nicht darauf einigen konnten, das Jahr 2050 als Zieldatum für eine weltweit „klimaneutrale“ Schifffahrt festzulegen. Vor allem die USA hatten das verhindert. „Der Auftragseingang für ,Dual Fuel‘-Schiffe ist nach der IMO-Entscheidung deutlich zurückgegangen“, sagt Hauke Schlegel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Marine Equipment and Systems im VDMA.
„Ich glaube, dass das Thema Klimawandel auch in der Schifffahrtsbranche nicht von der Agenda verschwinden wird“, sagte Johannsmann. Er vermute aber, dass eine klimaneutrale Schifffahrt von der IMO nun eher für 2055 als für 2050 angepeilt werde.
Kaum Fortschritte gab es in der Handelsschifffahrt zuletzt bei der Einführung komplett klimaneutraler Treibstoffe, die mithilfe von Ökostrom auf der Basis von „grünem“ Wasserstoff hergestellt werden könnten. „Power-to-X“ nennt man solche synthetischen Kraftstoffe wie „grünes“ Ammoniak, Methanol oder Diesel. „Bislang ist nicht erkennbar, wie vor allem die Langstreckenschifffahrt zwischen den Kontinenten mit solchen Treibstoffen klimaneutral werden soll, denn bei ,Power-to-X‘ fehlen weltweit die Mengen und die Infrastruktur zu ihrer Erzeugung“, sagt Johannsmann.
Der zuletzt stark gestiegene Auftragsbestand für Marineschiffe in Deutschland und Europa relativiert sich in der Bilanz der Schiffbau-Zulieferer. 19 Prozent des internationalen Umsatzes der im VDMA organisierten Zulieferunternehmen entfallen derzeit auf den Marineschiffbau, 76 Prozent auf den Handelsschiffbau und vier Prozent auf die Meerestechnik.
Der Anteil des Marineschiffbaus sei zwar in den vergangenen Jahren wieder gestiegen, und dessen Bedeutung werde weiter zunehmen, sagt Johannsmann. Er gibt aber auch zu bedenken: Die Hürden an Expertise, an Bürokratie und Sicherheitsmaßnahmen im Marineschiffbau seien sehr hoch, und die Zeitspanne von einer politischen Entscheidung für eine Beschaffung bis zum Auftrag könne Jahre betragen: „Der Aufwand für ein Unternehmen im Marineschiffbau ist mit einem Auftrag im Zivilschiffbau überhaupt nicht zu vergleichen.“
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.