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Bergamo (Italien) – Seit 66 Jahren rennt er seinem Glück hinterher, erwischt hat er es nie. Großer Kopf, Schnurrbart, Hut und Fliege, dazu der Blick eines Mannes, dem der Tag gleich wieder etwas antun wird. Eine ganze Generation lächelt, sobald sie ihn sieht. Jetzt feiert Herr Rossi sein Comeback.

Der italienische Sender Rai produziert eine neue Zeichentrickserie über den ewigen Pechvogel. Angekündigt hat das Rai-Kids-Chef Roberto Genovesi im Mai, als Rossis Erfinder Bruno Bozzetto (88) in Rom den „David Speciale“ für sein Lebenswerk bekam, eine Art italienischer Ehren-Oscar. Einen Sendetermin gibt es noch nicht.

Jetzt hat Bozzetto verraten, was die Fans erwartet. Der Zeitung „Libero“ sagte er, Rossi werde in 50 Filmen zu sehen sein, als „kleiner Mann“, der in die komplizierte Technikwelt von heute gerate. Einen Vorgeschmack gab es schon 2025 mit dem Kurzfilm „Rossi Boomer“. Entstehen soll die Serie im Studio Bozzetto, das sein Sohn Andrea führt. Ein bisschen wird sich Rossi dafür verändern. Bozzetto: „Das Hütchen hat ihn immer etwas älter gemacht. Deshalb wird er es seltener tragen.“

Eine Figur aus Trotz

Erfunden hat Bozzetto Herrn Rossi 1960, und zwar aus Wut. Er hatte einen Film beim Festival in Bergamo eingereicht, doch der wurde abgelehnt. Dann sah Bozzetto sich die Konkurrenz an. „Die anderen Filme waren schlechter als meiner“, sagt er. Seine Rache wurde ein Trickfilm: In „Ein Oscar für Herrn Rossi“ dreht ein kleiner Mann einen Film und wird beim Festival abgewiesen. Vor Zorn zerkratzt er sein Werk, und gerade dieser verunstaltete Streifen gewinnt am Ende den Preis. Das Gesicht hatte Bozzetto, ohne es zu merken, beim Festivaldirektor abgeschaut: großer Kopf, Schnurrbart, Glatze, Hut und Fliege – Rossi war praktisch dessen Porträt.

Eigentlich sollte es bei dem einen Film bleiben. Doch als Bozzetto ein paar Jahre später den „typischen Italiener“ aufs Korn nehmen wollte, holte er Rossi zurück. Es folgten Kurzfilme bis 1974. Rossi fuhr Ski, lag am Strand, kaufte ein Auto, ging campen, machte Fotosafari und landete in Venedig. Jedes Mal ging etwas schief, und jedes Mal versuchte er es wieder. Er wurde zum Spiegelbild des Wirtschaftswunder-Bürgers, der alles haben will und dabei ständig unter die Räder kommt.

Die Trillerpfeife, der Hund, die Fee

Die meisten Deutschen kennen Herrn Rossi aus den Siebzigern und Achtzigern. Zum ersten Mal war er 1973 im ZDF zu sehen, beim Skifahren. Richtig berühmt wurde er mit „Herr Rossi sucht das Glück“: Am 4. März 1976 zeigte die ARD die Geschichte als Vierteiler, Monate bevor sie in Italien als Kinofilm herauskam. Rossi arbeitet freudlos in einer Fischkonservenfabrik und hat einen cholerischen Chef, der auch noch direkt neben ihm wohnt. Dann schenkt ihm eine Fee eine Trillerpfeife. Ein Pfiff, und Rossi reist durch die Zeit: in die Steinzeit, ins alte Rom, zu den Piraten, in den Wilden Westen und in die Zukunft.

Mit ihm reist Gastone, der kläffende Hund des Chefs, der unterwegs sprechen lernt und Rossis bester Freund wird. Der Chef taucht trotzdem überall wieder auf, als Kaiser, König, Piratenkapitän oder Häuptling. Fast immer sitzen die beiden am Ende wieder zu Hause, und Rossi hat kein Glück gefunden. Erst ganz zum Schluss bläst der Chef selbst in die Pfeife und ist weg. Endlich Glück.

Genau das war der Witz, über den Eltern und Kinder damals gemeinsam gelacht haben: Rossi verliert immer und gibt trotzdem nie auf. Er ist kein Superheld, er ist einer wie wir. Es folgten „Herr Rossi träumt“ mit Tarzan, Zorro und Sherlock Holmes, mitproduziert vom Hessischen Rundfunk, und schließlich „Die Ferien des Herrn Rossi“ mit Campingplatz und Urlaub auf dem Bauernhof.

Seine deutsche Stimme bekam Rossi von Friedrich W. Bauschulte. Gastone sprach Edgar Ott, der bald darauf auch Benjamin Blümchen seine Stimme lieh. Im Ohr geblieben ist vielen das Titellied, in dem Rossi von „Eis vom Nordpol, flambiert mit Punsch“ und einer Schokoladenburg träumt. Später zeigten RTL und das Hessische Fernsehen weitere Rossi-Filme. Bis heute gibt es die Serien auf DVD.

Ein Bügelbrett als Filmstudio

Bozzetto, geboren 1938 in Mailand, karikierte schon in der Schule seine Lehrer. Seinen ersten ernsthaften Trickfilm drehte er 1958 mit einem Trick seines Vaters: Statt eines teuren Tricktischs nahm er ein schräg gestelltes Bügelbrett. „Tapum!“ lief in Cannes, und ein Kritiker schrieb danach, er sei besser als der Film mit Sophia Loren, der dort lief.

Bozzetto gründete ein eigenes Studio, drehte unzählige Werbefilme und Kinofilme wie „West and Soda“ (1965) und „Allegro non troppo“ (1976), die freche Antwort auf Disneys „Fantasia“. 1991 war er mit seinem Kurzfilm „Cavallette“ (Heuschrecken) für den Oscar nominiert. Zur Gala fuhr er im offenen Cadillac mit seinem Produzenten, der sich als Pirat verkleidet hatte.

18 Sekunden für Herrn Rossi

Heute zeichnet Bozzetto meist am Grafiktablett. Wegen seines Schafs Beelen wurde er Vegetarier, mehr als 150 Preise hat er gesammelt, und sogar ein Asteroid trägt seinen Namen. Und Herr Rossi? Bozzetto bittet den „Libero“-Reporter bei dessen Besuch, die Zeit zu stoppen. Dann greift er zum Kuli. Der fliegt über den Block, und nach 18 Sekunden steht Herr Rossi auf dem Papier, mit Hut, Schnurrbart und Fliege. Als Freund möchte Bozzetto ihn trotzdem nicht haben: „In Fleisch und Blut wäre er mir wahrscheinlich zu jähzornig.“