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„Speciellste Kenntniß“ – Wie Alexander von Humboldt die Wärmepumpen der Welt entdeckte

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Bereits die alten Seefahrer segelten mit den Meeresströmen um die Welt. Im Sommer 1799 überquerte Alexander von Humboldt den Atlantik und erkannte, wie ein solcher Strom selbst die Geschichte der menschlichen Zivilisation gelenkt hätte: Wäre Christoph Kolumbus, wie geplant, dem Sog des später sogenannten Golfs von Mexiko gefolgt und nicht spontan den farbenfrohen Papageien zu den Inseln der Karibik, wäre er in Florida gelandet und die Spanier hätten Nordamerika erobert. Hätten sich die Kolonien dort vereinigt und sich eine demokratische Verfassung auferlegt?

Es sei, schrieb Humboldt, nicht zu leugnen, „daß, bei der belebten Schifffahrt zwischen den europäischen und amerikanischen Küsten, diejenige Nation, welche von der Richtung und der partiellen relativen Bewegung der Wasser des Golfstromes die sicherste und speciellste Kenntniß hat, in vielen Fällen einen großen Vortheil besitzt“. Diese speziellsten, sichersten Erkenntnisse wollte der Forschungsreisende vertiefen. Humboldt maß mit Taschenuhr und Senkblei, wie geschwind die Ströme strömten, mit dem Thermometer die Temperatur des Wassers und den Salzgehalt mithilfe seines tragbaren Labors.

Vier Jahre lang schrieb er an einer ausführlichen Studie „Über Meeresströmungen“, die sein Verleger Cotta lediglich in einem zweiten Band der „Kleineren Schriften“ drucken wollte, der dann aber nie erschien. Der erste Band mit Humboldts „Gnostischen und physikalischen Erinnerungen“ im Jahr 1853 blieb der letzte. Der Verfasser starb sechs Jahre später.

Weitere 167 Jahre später werden seine kleineren Schriften nun in zwei Büchern veröffentlicht. Ein grünes, „Von Vulkanen und Gebirgen“, und ein blaues, „Von Strömen und Ozeanen“ – erstmals über alles, was er an den Küsten Südamerikas und in den Meeren feststellte und festhielt und was in seinem „Kosmos“ bündig auf zwei Seiten unter „Strömungen und ihre Folgen“ abgehandelt wurde.

An der Ostküste vermaß Humboldt den Golfstrom, schon damals die bekannteste Meeresströmung der Erde. Vor Peru und Chile fand er den kühlenden Antagonisten. „Wie hier warme Aequatorial-Wasser im atlantischen Ocean durch den Golfstrom nördlich geführt werden; so habe ich in dem stillen Meere, und zwar in der südlichen Hemisphäre, einen Strom erkannt, der längs dem Littoral von Chili und Peru kälteres Wasser hoher Breiten unter die Wendekreise führt. In diesem Strome habe ich das Réaumur’sche Thermometer, im Hafen bei Truxillo im September bis 12°,8; im Hafen von Callao bei Lima zu Ende Novembers bis 12°,4 sinken sehen.“

Er hatte den Humboldt-Strom entdeckt, den Max Ernst 1951 sogar malen sollte, weiß auf blau. Gegen den Namen sträubte sich der Forscher, solange er lebte. An den Kartografen Heinrich Berghaus schrieb er: „Eben so protestiere ich (auch allenfalls öffentlich) gegen alle ‚Humboldtsche Strömung‘. Die Strömung war 300 Jahre vor mir allen Fischerjungen von Chili bis Payta bekannt; ich habe bloß das Verdienst, die Temperatur des strömenden Wassers zuerst gemessen zu haben.“

Vor allem hat Humboldt es mit aller Welt geteilt und ein Strömungssystem beschrieben, das weit mehr beeinflusst als den Fischfang vor Peru. Kaltes, salzarmes Wasser fließt aus der Antarktis zum Äquator, im Auftrieb der Nährstoffe tummelt sich mehr Leben als sonstwo in den Meeren. Die Luft an der Küste wird gekühlt, wodurch die trockenen Salzwüsten im Hinterland entstanden sind, um die Welt mit Salpeter zu versorgen und heute mit Lithium für die Akkus des mobilen Daseins. Humboldt kannte zwar El Niño noch nicht namentlich, aber er wusste, was geschehen würde, sollte sich sein Strom auch nur geringfügig erwärmen und sich abschwächen.

Der Golfstrom ist im Klimawandel so geschwächt wie zuletzt vor 1600 Jahren, wenn man den Daten vertraut, die Humboldts geistige Erben mittels ihrer Modellierungen zuletzt erhoben haben. Im Jahr 2100 könnte er die Hälfte seiner Kraft verloren haben, was die Wärmepumpe der Welt aus dem Takt und das Klima zum Kippen brächte.

„Von Strömen und Ozeanen“ ist ein Urmeter der Klimaforschung. Humboldt weiß um die Komplexität des ökologischen Systems der von Meeren umspülten Erde. Er weiß detailliert, „daß in der Breite des nördlichen Deutschlands, selbst außerhalb des Golfstroms, die Oberfläche des atlantischen Oceans eine Winter-Temperatur hat, welche (nach Gambart’s Beobachtungen) die mittlere Januar-Temperatur von Marseille um 3°,6 übertrifft, ja der mittleren Januar-Temperatur von Palermo nach Marabitti’s Beobachtungen gleichkommt.“

Was er „Geognosis“ nennt, ist sein datenbasierter Glaube an eine ganzheitliche Natur und den „Luftocean“: „Alles ist Wechselwirkung.“ Einschließlich menschlicher Eingriffe wie Wasserbau und Landwirtschaft, Kolonialismus und Globalisierung. Was wäre, wenn ein Kanal die beiden mächtigsten Ströme, den Golfstrom und den peruanischen, also den Humboldtstrom, verbände? Auch vom Panamakanal konnte Humboldt noch nichts wissen. Aber er hat es geahnt, wie alles.

Alexander von Humboldt: Von Strömen und Ozeanen. Hg. von Oliver Lubrich, Thomas Nehrlich und Moritz Ahrens. Cotta, 384 Seiten, 42 Euro